Heiko Mell

„Auf dem falschen Dampfer“

Vor etwa einem Jahr habe ich mein FH-Studium der Fachrichtung Ver- und Entsorgungstechnik abgeschlossen. Schon vor Studienende war mir klar, dass ich in diesem Fachgebiet nicht meine berufliche Zukunft sehe. Daher bewarb ich mich – erfolgreich – in einem mittelständischen Betrieb des Anlagenbaus. Da ich in dieser Branche meinen weiteren Berufsweg plane, stehe ich vor einem Konflikt:

Der größte Teil meiner Kollegen sind Maschinenbau-Ingenieure, daher bin ich als Ver- und Entsorgungstechniker eher die Ausnahme in meiner Abteilung. Fachlich stehe ich meinen Kollegen in nichts nach, da die Studieninhalte denen im Allgemeinen Maschinenbau sehr ähneln. Das wurde mir auch von meinen Vorgesetzten mehrfach bestätigt.

Mich beschäftigt daher die Frage: Welches Kriterium wird im Allgemeinen von den Unternehmen mehr gewertet, die berufliche Erfahrung oder der einst erworbene Abschluss? Würden Sie mir raten, mich für meine weitere berufliche Karriere auch weiterhin im Anlagenbau zu bewerben? Ist es sinnvoll, ein berufsbegleitendes Maschinenbau-Master-Studium zu absolvieren, um die Chancen in dieser Branche zu erhöhen und auch einen passenden akademischen Abschluss vorweisen zu können?

Antwort:

1. Es gilt, zunächst potenzielle Nachahmer Ihres Weges bzw. Konfliktes abzuschrecken. Also lautet die Empfehlung an Studienanfänger:

a) Suchen Sie sich die Fachrichtung sehr, sehr sorgfältig aus. Beschaffen Sie sich Informationen, ergründen Sie Ihre Neigungen und Fähigkeiten. Vor allem aber bedenken Sie, wie die Geschichte, der Sie sich widmen, hinterher heißt. Viele Studenten sehen sich nur die Lerninhalte an und vernachlässigen dabei die „Verpackung“, also die spätere Bezeichnung der erworbenen Qualifikation. In unseren Supermärkten, dem Brennpunkt der Marktwirtschaft, „läuft“ aber ein mittelprächtiges Produkt mit Top-Verpackung ungleich besser als ein Super-Erzeugnis in weniger interessanter Umhüllung. Und: Es gibt auch Mode-Erscheinungen auf diesem Gebiet. Manche davon sind kurzlebig, andere nicht. In jedem Fall darf man nicht auf jeden Zug aufspringen, nur weil er etwa „neu“ ist oder klingt, ohne sich das sehr genau überlegt zu haben.

b) Natürlich sind bei der Auswahl der Fachrichtung Irrtümer möglich, niemand kann Fehlentscheidungen ausschließen. Aber:Es ist nicht so, dass alle speziellen völlig gleichberechtigt neben den Standard-Fachrichtungen stehen. Sondern da sind zunächst diese breit angelegten klassischen Richtungen, mit denen man eine solide Basis erwirbt, auf der man auch später noch eine Spezialisierung aufbauen kann. Zwar muss niemand unbedingt diesen Standard-Weg gehen, aber wer davon abweicht, sollte sehr, sehr sicher sein. Vom Ergebnis her ist eine falsch gewählte spezielle Fachrichtung kritischer als die versäumte Spezialisierung (Examen im Allgemeinen Maschinenbau und später meint man, vielleicht wäre doch die Spezialisierung auf XY besser gewesen).

Will heißen: Wer nicht absolut sicher ist hinsichtlich seiner eigenen Neigungen, macht mit einer der Standard-Fachrichtungen weniger falsch.

2. Ob Sie sich auch zukünftig im Anlagenbau bewerben sollen? Die Antwort fällt kurz aus: Wo sonst? Sie können ja nichts anderes. Und das Gelernte (Studieninhalte) verblasst von Jahr zu Jahr.

Ein Zurück in die frühere Fachrichtung sehe ich nach den üblichen Dienstzeiten so um drei Jahre herum beim ersten – ja aus Studiensicht total fachfremden – Arbeitgeber kaum noch. Später dann geht das gar nicht mehr.

3. Zur Kernfrage: Neben der Berufspraxis, die ja ständig „automatisch“ zunimmt, verblasst (siehe auch 2.) die Studienqualifikation von Jahr zu Jahr. Dabei gilt:

a) Intern (bei dem Arbeitgeber, bei dem Sie gerade sind) verläuft dieser Verblassungsprozess rasant und progressiv: Mehr und mehr sieht man nur noch den Menschen und das, was er an Wissen und Können ständig unter Beweis stellt. Nach wenigen Jahren hat die interne Umwelt die „falsche“ Studienqualifikation schlicht vergessen. Das gilt auch, wenn eine Aufstiegsposition zu besetzen ist, z. B. die eines Gruppen- oder Abteilungsleiters.

Praktisch in jedem Unternehmen gibt es positive Beispiele für ein solches Denken und Handeln. Falls Sie dort bleiben, können Sie ziemlich sicher darauf bauen.

b) Falls. Und hier fängt das Problem an. Jedes Mal wenn Sie sich extern bewerben und damit als unbekannter Interessent auftreten, liest man Ihren Werdegang in allen Details. Und stößt darauf, dass die Basis Ihres beruflichen Tuns „falsch“ ist. Und wenn Sie dann beim Technischen Leiter eines Unternehmens auf dem Tisch liegen (bildlich gesprochen), dann ist der – natürlich – Maschinenbauer, hat noch nie einen lebenden Entsorger gesehen und hält den Bereich für irgendetwas zwischen Müllabfuhr und Deponiebetrieb.

Das muss nicht in jedem Fall passieren, aber rechnen sollten Sie mit Absagen aus diesem Grund. Selbstverständlich verblasst die Studienrichtung auch hier und die Praxis dominiert – aber alles geht langsamer. Und: Dass ein sachbearbeitender Ingenieur trotz falscher Studienrichtung seine Sache beim heutigen Arbeitgeber gut macht, glaubt man. Also lässt man ihn genau „so etwas“ auch beim nächsten Arbeitgeber machen. Er ist einer von fünf Kollegen, kein Problem. Aber als Leiter der ganzen Abteilung? Ein(!) Bewerbungsempfänger mag das akzeptieren, der nächste aber vielleicht nicht. Und wenn sich die Konjunktur kritisch entwickelt und viele Bewerber aus dem Anlagenbau auftauchen – wer will es dem Bewerbungsempfänger verübeln, wenn er den Kandidaten nimmt, bei dem schlicht „alles stimmt“, auch die Studienrichtung und „Berufsbezeichnung“?

Fazit: Ob sich für das verbleibende Restrisiko der Aufwand eines nebenberuflichen Master-Studiums lohnt, müssen Sie selbst entscheiden. Ich finde, dass ein solcher Schritt keinesfalls schaden könnte. Und wenn gilt: FH (alt) = Bachelor (neu), dann ist Master in jedem Fall „mehr“ an Qualifikation. Nach Ihren Noten könnten Sie es schaffen, aber ein Spaziergang wird es nicht. Vielleicht hilft die Motivation, die von der dann als „richtig“ empfundenen Fachrichtung ausgeht.

Und, liebe lesende Ver- und Entsorgungstechniker, absolut betrachtet ist nicht etwa diese Fachrichtung „falsch“, der Einsender hat sie nur falsch gewählt, er hat seine Vorlieben bzw. Interessen gewechselt.

Kurzantwort:

Eine im Hinblick auf die ausgeübte Tätigkeit als „falsch“ empfundene Studienrichtung verblasst in ihrer Wirkung mit jedem Jahr Praxis mehr – intern sehr schnell, bei externen Bewerbungen jedoch deutlich langsamer.

Frage-Nr.: 2185
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-01-09

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