Heiko Mell

Legasthenie als Karrierehindernis?

Meine Tochter (ich bin Dipl.-Ing.) ist 14 Jahre alt und leidet an einer diagnostizierten und anerkannten Lese-/Rechtschreibschwäche (LRS), grenzwertig zur Legasthenie. In diesbezüglichen Untersuchungen wurde ihr allerdings durchaus eine überdurchschnittliche Intelligenz attestiert (das eine hat ja bekanntlich mit dem anderen nichts zu tun!). Aufgrund der LRS musste sie den Besuch des Gymnasiums abbrechen, insbesondere wegen der zweiten Fremdsprache. Derzeit besucht sie die Realschule; naturwissenschaftliche und mathematische Fächer liegen ihr sehr und sie könnte sich – soweit sich eine 14-Jährige darauf festlegt – eine im weitesten Sinne naturwissenschaftlich/technische Laufbahn durchaus vorstellen. Sie könnte noch die Fachhochschulreife oder ein Abitur erwerben und an einer FH oder TH/Uni studieren, von daher ist mit dem Abbruch des Gymnasiums noch nichts verloren.

Meine Frage betrifft nun Ihre Einschätzung, inwieweit Sie eine LRS heutzutage für einen technischen, speziell ingenieurwissenschaftlichen Beruf für hinderlich halten und wie Ihrer Erfahrung nach Unternehmen auf entsprechende Hinweise in Bewerbungsunterlagen reagieren.

Im bayerischen Schulsystem gibt es übrigens zwei Möglichkeiten, eine LRS zu bewerten:

a) dem Schüler wird ein Nachteilsausgleich gewährt, die Rechtschreibung wird in allen Fächern nicht benotet, es kommt eine entsprechende Bemerkung ins Zeugnis oder

b) die Benotung erfolgt ohne Nachteilsausgleich, was natürlich zu einem signifikant schlechteren Zeugnis führt. Es fehlt dann aber ein Hinweis auf die LRS.

Welcher Variante geben Sie den Vorzug?

Antwort:

Karriereberatung für Schüler in dieser Rubrik ist sicher ein Grenzfall, keine Frage. Aber wir nehmen den Fall einfach als Aufhänger, schließlich sind auch zahlreiche Erwachsene betroffen. Und meine Empfehlung gilt zusätzlich tendenziell auch für andere Schwächen/Behinderungen/Krankheiten, die man nicht verstecken kann.Vorab noch eine Anmerkung: Es scheint eine Differenzierung zwischen Legasthenie und Lese-/Rechtschreibschwäche zu geben. Rechnen Sie nicht damit, dass Laien (wie auch ich) das nachvollziehen. Auch Wörterbücher wie der Duden sehen einfach beides gleich, die Details würden nur verwirren.

Und um bei dieser Gelegenheit eine Lanze für die Betroffenen zu brechen: Mit der Intelligenz hat LRS in der Tat nichts zu tun, man findet sogar oft Hochbegabte in diesem Kreis. Dennoch ist das eine Beeinträchtigung, die sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich früher oder später auffällt. Der Betroffene braucht also eine Strategie für den Umgang damit. Die Beeinträchtigung nach Kräften und solange wie möglich zu verstecken, wäre eine Möglichkeit.

Ich rate aus Erfahrung zum Gegenteil und empfehle den offenen Umgang mit der Schwäche, ja sogar das offensive Offenbaren schon im Vorfeld. Das gilt immer dann, wenn eine Hoffnung auf Besserung/Heilung nicht besteht.

Ich würde also in der Schule die genannte Variante a (Nachteilsausgleich mit Bemerkung auf dem Zeugnis) wählen und einen Beruf ergreifen, in dem ich eher wenig als viel schreiben muss. Und ich würde jede schriftliche Äußerung von mir mit dem „Stempel“ (auf E-Mails mit dem entsprechend vorangestellten Hinweis) versehen: „Ich habe eine diagnostizierte Lese-/Rechtschreibschwäche. Sie ist unabhängig von Intelligenz oder Bildung. Ich bitte um Verständnis für entsprechende Fehler in dem folgenden Text.“

Und bei ganz besonders wichtigen Briefen (Bewerbungen z. B.) würde ich dennoch nicht dem Leser dieses leider so leicht „ungebildet“ erscheinende Textbild zumuten, sondern statt des letzten Satzes (meines „Stempel“-Texts) schreiben: „Dieser Brief wurde von einer anderen Person in der Rechtschreibung überarbeitet.“

Ich halte ein Studium der Ingenieurwissenschaften o. Ä. auf dieser Basis für sehr gut möglich. Es gibt in den Unternehmen viele entsprechende Tätigkeiten, die ziemlich problemlos ausgeübt werden könnten. In jedem Fall sollte ein Betroffener versuchen, auf irgendeinem nicht tangierten Spezialgebiet seiner beruflichen Qualifikation möglichst brillante Fähigkeiten nachweisen zu können (z. B. durch sehr gute Studiennoten im Vertiefungsfach und/oder der Diplomarbeit).

Bei meinem Vorschlag entsprechend präparierten Bewerbungen rechne ich mit einer hohen Akzeptanzquote. Natürlich sind Ablehnungen im Vorfeld nie auszuschließen, aber es dürfte – bei guten technischen Noten – sehr gute Chancen geben.

Zufällig bin ich vor einigen Tagen einem entsprechend betroffenen Ingenieur begegnet, der es bis zum Manager gebracht hatte. Auf meine Frage hin erläuterte er mir, wie er damit umgeht: „Wenn es beispielsweise auf Meetings oder bei Präsentationen gilt, nach vorn zu gehen und etwas vor aller Augen hinzuschreiben, dann mache ich das ebenso oft und unbefangen wie alle anderen. Man kennt meine Schwäche: Wenn ich etwas besonders Komisches zustande bringe, wird durchaus gelacht – dann lache ich mit. Niemand hat ein Problem damit.“

Das vielleicht können Sie Ihrer Tochter noch mitgeben: Kinder können ungeheuer grausam und verletzend sein, wenn sie bei anderen Behinderungen oder Schwächen erkennen. Falls sie damit schon in Berührung gekommen ist, hier ein Trost: Erwachsene, mit denen ein Akademiker beruflich zusammenarbeitet, neigen dazu in der Regel nicht mehr, es darf bei den meisten sogar mit großer Toleranz und aktiver Hilfsbereitschaft gerechnet werden (vorausgesetzt, man steht zu seiner Schwäche und verunsichert die Umwelt nicht unvorbereitet mit entsprechenden Fehlleistungen).

PS 1: Da der Glaube insbesondere jüngerer Leser an das Können von Computern einschließlich Software unbegrenzt ist, hier eine Warnung: Nein, die Rechtschreibprüfung eines PC kann das nicht ausfiltern! Es bleiben genügend viele Fehler übrig, die unbefangene Leser „zucken“ lassen. Und weil dann manche schwierigen Wörter überraschenderweise richtig, manche leichter erscheinende aber falsch geschrieben werden, sieht das Bild für den kundigen Betrachter vielleicht weniger nach „ungebildet“ aus, aber nun nach „schlampig beim Durchlesen“ oder nach „das war dem Schreiber wohl nicht so wichtig, dass er sich Mühe gegeben hätte“.

Beispiel: Wen ehr dass ist, isst ballt alles Aale. Das hat hier unsere Word-Rechtschreibprüfung nicht korrigiert! Soll heißen: Wenn er das isst, ist bald alles alle.

PS 2: Dieses Beispiel ist keine Diskriminierung von Legasthenikern, ich will nur zeigen, wie wenig Sie sich auf Hilfsmittel verlassen können.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2173
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-11-23

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