Heiko Mell

Der Chef nebelt uns ein

Wie gehe ich möglichst geschickt mit offensichtlichem Fehlverhalten eines direkten Vorgesetzten um? Ich meine damit Verhaltensweisen, die gegen allgemein öffentlich anerkannte Regeln im täglichen Miteinander, die sogenannten „Benimm-Regeln“, verstoßen.

In meinem Fall geht es um das fast schon klassische Streitthema Rauchen. Mit Ausnahme eines Kollegen sind wir hier im Büro alle Nichtraucher. Leider ist unser Abteilungsleiter ein notorischer Kettenraucher und lässt es sich nicht nehmen, auch in „unseren“ Büroräumen zu rauchen, ebenso in der Frühstückspause und während des Essens.

Das in seinem Büro zu tun, ist sein gutes Recht. Aber dass in Räumlichkeiten, die nicht mit Aschern ausgestattet sind, das Rauchen nicht erwünscht ist, stört unseren Chef nicht. Sämtliche Nichtraucher in unserer Abteilung stört dieses Verhalten aus verständlichen Gründen. Allerdings macht es ihm keiner deutlich.

Daher habe ich mich bis jetzt auch zurückgehalten, da ich selbst noch Berufsanfänger bin. Muss ich dieses Verhalten stillschweigend hinnehmen und für meine Laufbahn in Kauf nehmen, täglich „eingenebelt“ zu werden oder sehen Sie eine andere Möglichkeit? Was raten Sie allgemein, wenn ähnlich offensichtliche „Fehltritte“ eines Vorgesetzten störend auffallen?

Antwort:

Versuchen wir es in bewährter Form. Das Thema ist schwierig und das Klima, in dem es diskutiert wird, ist jüngst erst wieder aufgeheizt worden. Und falsches Vorgehen Ihrerseits könnte durchaus karriereschädlich sein.

1. Als ich Ihre Einleitung las, dachte ich zunächst an etwas Sexuelles oder mindestens an gelegentliche Ohrfeigen. So schlimm ist es denn nun auch wieder nicht oder anders: Es gibt noch Schlimmeres. Lassen wir also die Kirche im Dorf.

2. Das Rauchen belästigt Nichtraucher, keine Frage. Es gefährdet auf Dauer auch deren Gesundheit, wie man heute weiß. Nur kann niemand pauschale Aussagen darüber machen, ab welcher Rauchmenge nachweisbar mit Schäden zu rechnen ist – selbst viele aktive Raucher werden uralt. Das führt zu den häufigen fruchtlosen Diskussionen zwischen beiden Parteien – niemand kann konkret etwas beweisen. Aber, ich muss unter den Lesern auch mit militanten Nichtrauchern rechnen; die konkrete Belästigung und eine diffuse Gefährdung sind unbestreitbar.

3. Der Chef könnte älter sein, Sie sind jung. Dann müssen Sie wissen, dass es in der Jugend des Vorgesetzten völlig normal war, dass die in der Überzahl befindlichen Raucher „immer und überall“ qualmten, niemand nahm daran Anstoß, jedenfalls nicht aktiv. Gerülpst wurde schon damals im Büro nicht mehr, aber nicht zu rauchen, ist noch recht neu.

4. Hausherr ist der Arbeitgeber. Er kann – unter Mitbestimmung des Betriebsrats – ein Rauchverbot einführen, muss aber derzeit nicht. Der Chef tut also nichts wirklich Unrechtes. Er ist höchstens unsensibel.

5. Lebenslauf des Max Hinterhuber: Examen 2007, Berufseintritt am 1.4. jenes Jahres. Ausscheiden auf eigenen Wunsch am Ende der Probezeit. Begründung dafür in späteren Vorstellungsgesprächen: „Mein Chef hat gegen elementare Benimm-Regeln verstoßen, er hat nämlich geraucht. Jawohl!“ Ob das gut ankommt? So weit zu gehen, wäre also das Schießen mit Kanonen auf Spatzen.

6. Sie als Jüngster der Abteilung können mit den Kollegen reden, aber zurückhaltend. Und Sie lassen sich auch bitte nicht in die Rolle desjenigen drängen, der irgendetwas unternimmt in dieser Frage. Weder lassen Sie sich zum Sprecher der Nichtraucher wählen, noch reden etwa Sie mit dem Betriebsrat, dem Chef oder dem Chef des Chefs. Kollegen suchen nämlich gern jemanden, der ihnen in Minenfeldern vorangeht!

7. Versuchen Sie herauszufinden, ob der Chef ein gedankenloser Raucher ist, der einfach ohne böse Absicht überall qualmt oder ob er die Raucherei bei Ihnen als Machtspielchen absichtlich zelebriert, z. B. um Ihnen einmal zu zeigen, wer hier zu bestimmen hat und wer besser den Mund hält. Ersteres ist zum Glück wahrscheinlicher, aber nicht sicher. Länger gediente Kollegen müssten das inzwischen wissen. Trifft das Letztgenannte zu, lassen Sie die Finger vom Thema – Machtkämpfe mit dem Chef gewinnt man langfristig niemals!

8. Lautet die Analyse „Er raucht einfach zur Befriedigung seiner Sucht, die Wirkung auf andere bedenkt er überhaupt nicht, es steckt zumindest keine Absicht dahinter“, dann bleibt nur das Gespräch eines der Kollegen mit ihm. Nicht in Form einer offiziellen Delegation, sondern in einem Vier-Augen-Gespräch: Der Partner: ein rundum verdienter, langjähriger Mitarbeiter.Das könnte man sich etwa so vorstellen:“Chef, wir haben ein Problemchen (1) und in dem Zusammenhang eine Bitte an Sie. Sehen Sie, es ist so: Wir alle sind bis auf Herrn Müller, mit dem wir aber ein vernünftiges Arrangement getroffen haben, Nichtraucher. Und einige von uns (2) leiden mehr unter Rauch als andere (3). Sie wissen ja, wie das ist: Abends riechen die Klamotten, die eine oder andere Frau oder Freundin mault darüber, manche sagt auch schon: ‚Von wegen abends länger im Büro bleiben – in welcher Kneipe warst du?“ Und dann natürlich die unselige (4) Diskussion in den Medien über Lungenkrebs bei Passivrauchern – manche sind nun mal empfindlicher als andere. Ich möchte da nicht missverstanden werden, niemand kritisiert Sie – das Rauchen ist ja in der Firma nicht verboten. Aber die ewigen Diskussionen unter den Kollegen (5) nerven ganz schön und lenken ja auch von der Arbeit ab (6). Wenn Sie in Ihrem Büro rauchen, ist das selbstverständlich allein Ihre Sache, und wer von uns zu Ihnen hineinkommt, wird auch nicht gleich tot umfallen. Aber die Anregung, die ich gern vorbringen würde, um dieses leidige Thema endlich abzuwürgen, wäre: Könnten Sie uns so weit entgegenkommen, in unserem Büro nicht mehr zu rauchen? Ich glaube, alle wären Ihnen sehr dankbar und wir wären ein blödes Thema (7) los. Aber wie gesagt, sehen Sie das unbedingt als Bitte, niemand fordert etwas – dafür ist uns allen das Verhältnis gerade zu Ihnen zu wichtig (8).“

Was will ein halbwegs vernünftiger Chef dann noch anderes tun als Besserung zu versprechen – mit dem üblichen ungewissen Ausgang. Aber immerhin, es wäre ein Anfang.

Zu den einzelnen Punkten:

1 = so wird er es sehen – und die Insolvenz der Firma wäre ja tatsächlich noch schlimmer.

2 = bloß keine Kollektivrevolte „alle geschlossen gegen den Chef“, sondern die diffuse Angabe „einige“, das ist für ihn leichter zu akzeptieren!

3 = so bleibt ihm die Hoffnung, es gäbe auch noch „vernünftige“ Leute darunter, die sich nicht so „anstellen“.

4 = so wird es ein Raucher sehen.

5 + 6 = da geht Arbeitszeit verloren, das wollen Sie verhindern – und alles nur zum Wohle der Firma!

7 = natürlich sieht er es so (Sie tun es auch, bloß andersherum).

8 = Versöhnliches am Schluss ist immer gut.

9. Falls es jemand wissen will: Ich rauche seit etwa 25 Jahren nicht mehr. Früher war ich ein starker Raucher – aber wo man hinkam, rauchten alle. Und ja, ein Verwandter, ein starker Raucher (filterlos, bis zum letzten Millimeter) ist an Kehlkopfkrebs gestorben. Und nein, so etwas ist kein Anblick, den man einfach so wegsteckt.

10. Nun reden derzeit alle über Gesetze bezüglich des Rauchens in der Gastronomie. Vielleicht folgt dann die Regelung über das Rauchen am Arbeitsplatz. Dann bekommen Sie einen Chef mit Entzugserscheinungen …

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2105
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-03-22

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