Heiko Mell

Hallo Professorchen

In jüngster Zeit häufen sich in an mich gerichteten studentischen E-Mails und Briefen Anreden wie „Guten Morgen Herr Meier“ (Name geändert, d. Autor), „Hallo Herr Prof. Meier“, „Hallo Professor“ u. Ä. m. Auf „Hallo Professorchen“ warte ich noch.

Wenn mir Zeit verbleibt, füge ich in meiner Antwort ein PS mit dem Hinweis an, dass solche Anreden im Schriftverkehr mit (für den Absender) wichtigen Ansprechpartnern kaum der Sache dienlich sind und zumindest für meinen Geschmack einen lächerlichen Eindruck hinterlassen.

Warum, so meine weitere Ausführung, nicht beim bewährten „Sehr geehrter Herr“ (bzw. Frau) bleiben, damit liegt man doch nicht falsch?

Vielleicht bin ich mit fortschreitendem Alter weltfremd geworden, aber ich vermute, dass nicht wenige für den Absender maßgebende Personen über Anreden der o. g. Art not amused sind.

Weiter wäre es eine soziologische Forschungsarbeit wert, die aufdeckt, wie es eigentlich dazu kommt, dass sich ausgerechnet der größte Unsinn am schnellsten durchsetzt.

Mit freundlichen Grüßen, Prof. Dr. X

Antwort:

Ich betrachte die Arbeit an dieser Serie als ungeheuer reizvolle Herausforderung. Und auch bei noch so ausgefallenen Fragen und Themen muss etwas herauskommen, das sachlich vertretbar ist, nach Möglichkeit Unterhaltungswert hat, den Erwartungen vieler Leser an mich gerecht wird und – last but not least – auch noch dem Einsender hilft.

Und das alles – meine eigene, selbst gesetzte Messlatte – muss mir auch noch spontan einfallen. Ich schreibe die Frage ab und bis ich damit fertig bin, muss die Antwort stehen. Schauen wir einmal, was sich hierbei ergeben hat:

1. Ich kenne natürlich das Problem auch. Und ärgere mich ebenfalls über Einsendungen zu dieser Serie, die mit „Hallo“ anfangen. So gut ich kann, gehe ich dagegen an. Aber es ist ein typisches Rückzugsgefecht: Kinder und Jugendliche grüßen auch auf der Straße praktisch nur noch mit „Hallo“. Sie sind die Zukunft, sie werden diese „Marotte“ wohl beibehalten, wenn sie Studenten sind und viele von ihnen wohl auch dann, wenn sie im Beruf stehen.

Eines Tages wird es dann die ersten Professoren geben, die E-Mails und Briefe mit „Hallo“ beginnen (fürchte ich).

Heute(!) gilt: Geschäftsbriefe auf offiziellem Briefbogen, in denen es „Hallo“ heißt, gibt es nicht!

E-Mails im Geschäftsverkehr auf Sachbearbeiter-Ebene mit „Hallo“ gibt es schon. Das wird entsprechend zunehmen.In offiziellen Schreiben mit wichtigen Inhalten und/oder an Respektspersonen bzw. ranghohe Persönlichkeiten ist „Sehr geehrter Herr …“ oder „Sehr geehrte Frau …“ oder im Zweifel „Sehr geehrte Damen und Herren“ angesagt und unverzichtbar. Das gilt beispielsweise ausnahmslos für Bewerbungen.

Ach ja: Von unternehmensinternen Mitteilungen an die Firmenleitung mit „Hallo Vorstandsvorsitzender“ wird derzeit noch abgeraten.

Und für jeden Schreiber einer Mitteilung gilt: Je wichtiger der Inhalt, je mehr ich vom Empfänger will, je ranghöher oder älter er ist und sofern ich auch nur den geringsten Zweifel habe, ob „Hallo“ angemessen ist, desto mehr sei „Sehr geehrte …“ dringend empfohlen.Das alles gilt nur, wenn nicht unsere Jugend kurzfristig irgendeinen neuen Trend aus Amerika (woher sonst) aufschnappt, der ihr – aus welchen Gründen auch immer – nachahmenswert erscheint.2. Nun haben Sie sich vielleicht gewundert über meine so spezielle Einleitung der Antwort und dann die pure Selbstverständlichkeit in Punkt 1. Nun, ich bin ja noch nicht fertig:

Ich schreibe hier schon einmal ziemlich deutlich, was ich denke und bin dabei mitunter recht offen. Mir auffallende Fehler kritisiere ich ohne Bedenken – und die Menschen lesen meine Worte dennoch („Nein, ich lese Ihre Beiträge schon länger nicht mehr“, kann mir jetzt niemand entgegenhalten, denn dafür hätte er diese Zeilen ja lesen müssen – sonst hätte er keinen Anlass für seinen Brief gehabt).

Vor mir liegt nun ein Ordner mit aktuellen, weil zuletzt eingegangenen Einsendungen zu dieser Serie (noch nicht abgedruckte Briefe, Faxe, ausgedruckte E-Mails). Im Augenblick umfasst er 79 Stück. Und die haben wir ausgewertet:

18 Einsender sagen „Sehr geehrter Herr Dr. Mell“,
46 sagen „Sehr geehrter Herr Mell“,
11 schreiben vorsichtig „Sehr geehrte Damen und Herren“,
1 hält „Hochverehrter Herr Mell“ für angemessen,
2 begnügen sich mit „Guten Tag, Herr Mell“,
1 verkürzt auf „Guten Tag“.

Kein „Hallo“ mehr dabei (was selbst mich überrascht).

Fazit: Ich verbreite schon einmal „Angst und Schrecken“, gelte vielleicht ob meiner spitzen Feder irgendwie als gefährlich (oder sogar gelegentlich schon als Respektsperson). Am Alter kann es nicht liegen, wir sind da schon sehr nahe beieinander.

Also, sehr geehrter Herr Professor: Sie sind zu gut, zu nett, zu freundlich zu Ihrer (beruflichen) Umwelt. Sie müssen ebenfalls „Angst und Schrecken“ verbreiten, Ihren Unmut über ein respektloses (so wird es von uns empfunden!) „Hallo“ deutlicher artikulieren. 79 aufeinanderfolgende Einsendungen an mich ohne diesen Missgriff sind ein unwiderlegbares Argument.

3. Ich tue es ungern, aber bei der am Schluss Ihrer Einsendung aufgeworfenen Frage passe ich. Wenn Sie eine Kurzantwort akzeptieren: vermutlich genau deswegen (weil es großer Unsinn ist).

Halten wir aber als versöhnlichen Schluss fest: Veränderungen aller Art sind Teil des Lebens. Letzteres ist ohne Wandel nicht denkbar, es hat ihn immer gegeben. Wer heute mit der Sprache des Herrn Walther von der Vogelweide als „Frauenversteher“ aufträte, käme sicher nicht weit.

Und es gibt Beispiele aus jüngerer Zeit: Man schrieb vor einigen Jahren noch wörtlich „Betreff“ vor die entsprechende Briefzeile – das Wort ist entfallen. Und man grüßte teils „Mit vorzüglicher Hochachtung“, teils „Hochachtungsvoll“ – es wurde ersetzt durch „Mit freundlichen Grüßen“.

Wir werden auch die „Hallo“-Welle überstehen. Versuchen wir folgenden Kompromiss: Die Jüngeren haben das Recht, Veränderungen zu betreiben. Und wir Älteren oder Etablierten haben das Recht, viele davon albern zu finden. Gemeinsam bilden wir eine Art großer Koalition. Was bedeutet: Die Differenzen währen ewiglich.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2059
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-09-30

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