Heiko Mell

Sich richtig zu duzen, ist gar nicht so einfach

Frage/1: Ihre Karriereberatung und die darin enthaltenen Tipps schätze ich in der Regel sehr. Auch wenn ich nicht immer Ihrer Meinung bin, stelle ich doch mit zunehmender Berufstätigkeit fest, dass Sie richtig liegen. Einige von Ihren Tipps konnte ich mir schon zunutze machen (Danke!). Seit über einem Jahr lese ich nun Ihre Ratschläge zu der Gestaltung von Bewerbungen, zum Verhalten im Job sowie zur Planung der eigenen Karriere.

Ich arbeite in einem großen deutschen Industrieunternehmen. Wir Mitarbeiter (MA) duzen uns, der Gruppenleiter (GL) wird bis auf zwei Ausnahmen gesiezt (diese beiden MA kennen ihn schon seit Jahren, sie duzen sich wechselseitig mit dem GL).

Nun ergibt sich eine für mich interessante Situation:In Gesprächen mit dem GL spricht dieser auch über seine beiden geduzten Mitarbeiter nur unter Nennung von deren Nachnamen: „Stimmen Sie sich in dieser Sache mit Herrn Meier ab“, für die anderen seiner MA gilt das ohnehin.

Ich halte es nun so, dass ich, wenn ich über meine Kollegen spreche, auch nur deren Nachnamen verwende: „Mit Herrn Meier habe ich mich abgestimmt.“

Ist das nun das richtige Vorgehen/Verhalten von mir oder kann ich auch sagen: „Mit Thomas habe ich …“, da Thomas und ich uns ja duzen. Vor allem, weil er nun diesen Mitar­beiter auch in Gegenwart von Dritten duzt, also Thomas nennt, wenn er ihn direkt anspricht.

Frage/2: Wie sieht das in einer Besprechung aus, bei der auch Gruppenfremde anwesend sind? Spreche ich hier die MA, die ich ja sonst duze, mit ihren Vornamen an oder verwende ich ihre Nachnamen? (Meine Überlegung: Die Verwendung der Nachnamen hätte einen Vorteil für die „Fremden“. Sie kennen ja nur die Nachnamen der Anwesenden und sprechen diese auch nur mit Nachnamen an.)

Antwort:

Antwort/1: Lassen Sie mich die Geschichte erst einmal bis hierhin abhandeln, sie ist ohnehin schon kompliziert genug.

Man erkennt sofort, wo die Ursache dieser besonderen Probleme liegt: Der Gruppenleiter hat – aus grundsätzlich verständlichen Gründen – die Mitarbeiter, die sich untereinander alle duzen, in zwei Untergruppen geteilt: Mit den Mitgliedern der einen duzt er sich, mit den aus der anderen nicht. So etwas ist unbedingt zu vermeiden! Gleichbehand­lung aller Unterstellten ist eine Mindestvoraussetzung für vernünftiges Führen gleichgestellter Mitarbeiter.

Der GL hat sich weder mit allen jetzigen und künftigen MA duzen wollen – noch hat er sich getraut, am Tag nach seiner Ernennung seinen beiden „alten Kumpels“ zu erläutern, dass er im Dienst zum Sie zurückkehren möchte. Also hat er sich elegant zwischen beide Stühle gesetzt und seine Gruppe ist jetzt, was man „ein bisschen schwanger“ nennt.

Wer in Kürze zur Führungskraft ernannt wird, wiederhole wenigstens diesen Fehler der Bildung verschiedener Untergruppen nicht.

Zum Lösungsansatz: Nehmen wir zunächst einmal an, die Sache wäre eine Stufe einfacher, alle MA duzten sich untereinander, alle MA würden vom GL gesiezt und siezten ihn. Dann kann man Ihre Frage ziemlich klar beantworten, es würde gelten:

Ihr Vorgesetzter denkt und sagt „Herr Meier“, niemals „Thomas“. Es ist durch die nach Hierarchieebenen strikt getrennte Duzerei und Siezerei so, dass jedes Mitglied der Gruppe zwei Identitäten hat, einmal „Karl“ und einmal „Herr Schulze“. Irgendjemand muss in seinem Gehirn ständig umschalten und zusätzliche Denkarbeit übernehmen.

Beispiel: Sie sagen: „Karl ist faul.“ Übliches Gesprächsverhalten wäre, dass der GL erstaunt zurückfragt: „Was, Karl ist faul?“ Damit gewinnt er Zeit und fordert Sie zur Präzisierung auf. Das aber kann der GL hier nicht machen! Für ihn gibt es keinen „Karl“! Er muss nun erst intern sein Gehirn befragen, wer Karl ist, muss den passenden zweiten Identitätsbegriff suchen und Ihre Information „Karl“ quasi übersetzen in „Schulze“. Und dann erst kann er erstaunt zurückfragen: „Was, Herr Schulze ist faul?“

Verlangt man diese lästige Übung von einem überlasteten, älteren, besser bezahlten Vorgesetzten? Sie ahnen es: Man tut es nicht! Sie als unterstellter MA sind so klug und nehmen ihm die Mühe ab: „Herr Schulze ist faul.“ Dann kann der GL einhaken (ohne erst seinen „Festspeicher“ abzufragen, wer Karl ist): „Was, Herr Schulze ist faul?“Und, auch das gehört dazu, wenn Herr Schulze dann protestiert, dann sagen Sie zu ihm: „Doch, Karl, du bist faul“ – und bestätigen im selben Atemzug dem GL: „Doch wirklich, Herr Schulze ist tatsächlich faul.“

Das also wäre korrekt und nicht zu beanstanden. Wem das albern vorkommt, dem sei gesagt: Ursache ist die Albernheit, sich innerhalb einer Gemeinschaft teils zu duzen, teils nicht. Wären alle beim unter Fremden üblichen „Sie“ geblieben, gäbe es das Problem nicht. Wer die eine Konstellation will, muss die daran hängende Kröte schon schlucken.

So, aber das war erst die Situation, in der Ihr GL alle gleich behandelt. Nun duzt er zwei. Die nennt er „Karl“, wenn er sie anredet, aber „Herr Schulze“, wenn er über sie spricht. Also sagt er auch in diesem Fall: „Was, Herr Schulze ist faul?“ – also liefern Sie ihm eine Identifikation dieses Individuums, die er der Gruppe oder Ihnen gegenüber so verwenden kann und nicht mehr übersetzen muss („Herr Schulze“). Und falls er den MA aufgrund Ihrer Aussage doch direkt anspricht und dann – wie alle vorher wissen – „Karl“ nennen will, dann ist das sein Problem, nicht mehr Ihres.

Fazit: Ihr GL spricht immer nur über „Herrn Schulze“, nennt ihn aber in der direkten Ansprache „Karl“ – und Sie tun das auch. Verzichten Sie auf das Umdenken und Grübeln über die Tatsache, zu welcher Untergruppe ein MA und Kollege von ihnen gehört. Nur Ihr GL muss bei ausgewählten MA ständig umschalten – und der trägt die Schuld daran und hat die „Strafe“ verdient. Dabei sind Sie auch noch höflich und reden mit ihm so, dass er Ihnen(!) jeweils mit gleicher Ausdrucksweise antworten kann. Also reden auch Sie stets über „Herrn Schulze“ und sagen in der direkten Anrede „Karl“.Und jetzt, wo ich mich so langsam im Thema „warmgelaufen“ habe, zum zweiten Teil Ihres Anliegens:

Antwort/2: Ihre Überlegung ist der Kern der Lösung beider Fragen: Man richtet sich nach den Interessen der ranghöchsten bzw. wichtigsten Teilnehmer. Das ist, wenn Sie allein sind, der GL und im vorliegenden Fall, schon aus Höflichkeit, der „Fremde“.

Man sieht auch, wie sehr die Duzerei zusätzliche Problemchen schaffen kann und zum Umdenken zwischen dem Umgang ohne und dem Umgang mit der Anwesenheit Fremder verleitet.

Ich stimme Ihnen zu, es wäre den Fremden gegenüber höflicher, nur „Herr Meier“ zu sagen – aber nicht jeder von Ihrer Gruppe wird das wollen, nicht jeder wird das durchhalten, und so wird sich in der Praxis ein fröhliches Durcheinander von „Herr Meier“ und „Christian“ ergeben. So etwas hört man oft, wenn man als „Fremder“ dabei ist.

Noch ein Wort zum Abschluss: Das Thema als solches ist keines, bei dem es um Leben oder Tod geht. Ob die Gruppe, von der hier die Rede ist, ihr Problem nun auf diese oder eine andere Art löst, ob innerhalb einer Besprechung teilweise Vor- und teilweise Nachnamen gebraucht werden, wird keine wirklich dramatischen Auswirkungen haben. Wichtig aber ist ein hier erkennbar werdendes Prinzip, das große Bedeutung hat und immer und überall gilt: Man soll nachdenken über alles, was mit dem Vorgesetzten zu tun hat und was in der Gruppe vorgeht.

In der Sache wäre hier der Vorgesetzte gefordert gewesen: Er ist aufgefordert, den Standard für den Umgang untereinander festzulegen – oder zu erklären, dass ihm dieser Aspekt höchst gleichgültig ist. Letzteres scheint hier aber nicht der Fall zu sein, sonst würde Ihr GL nicht so sorgfältig darauf achten, vom anwesenden „Herrn Schulze“ zu sprechen, ihn in der direkten Ansprache aber „Karl“ zu nennen. Er weiß also auch, dass da etwas Sand ist im Gruppengetriebe, er hat nur noch keine Idee, wie er diesen da rausbekommt.

Und als pauschaler Rat in ähnlichen Fällen gilt: Wer als Gruppenmitglied, besonders als neues und besonders als junges, macht, was die große Mehrheit der anderen macht, macht zunächst einmal kaum etwas falsch. Wenn er dann zusätzlich auch noch über eine bessere Lösung nachdenkt, ist er auf der richtigen Schiene.

Kurzantwort:

Beim Duzen innerhalb von Gruppen ist es erstrebenswert, dass alle Gruppenmitglieder gleich vorgehen bzw. behandelt werden. Vorgesetzte sollten es unbedingt vermeiden, sich mit einem Teil ihrer Mitarbeiter zu duzen, mit dem anderen aber nicht. In unserem Land ist das Siezen obligatorisch, für Abweichungen davon sollte es Gründe geben.

Frage-Nr.: 2046
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-08-11

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