Heiko Mell

Mit dem höchsten Chef über die Misere reden?

Ich habe eine relativ sichere Position als Abteilungsleiter bei meinem jetzigen Arbeitgeber. In jüngster Zeit hat sich die interne Situation merklich verändert: Wir haben durch Generationswechsel neue Geschäftsführer bekommen.

Mein Vertrauen in diese neue Spitze ist weitaus geringer als in den ehemaligen Ge­schäfts­führer und Inhaber der Firma. Dieses mangelnde Vertrauen haben leider zum Teil auch unsere Kunden. Mein Vertrauensschwund beruht hauptsächlich auf einer fehlenden kompetenten Reaktion auf rückläufige Auftragseingänge bzw. ausbleibenden Entscheidungen im Zusammenhang mit fälliger Verbreiterung des Produktionsspektrums.

Die Alternative zum Firmenwechsel wäre für mich, ein Gespräch mit dem Inhaber über meine Einschätzung der Situation zu führen. Dabei ist zu bedenken: Die neuen Geschäftsführer sind über längere persönliche Kontakte mit dem Inhaber verbunden. Einer davon hat in seine Familie eingeheiratet.Ich vermute aus vielen Gesprächen und Informationen, dass auch der Inhaber die Situation kritisch sieht. Kann ich so ein Gespräch überhaupt in Betracht ziehen? Andererseits bin ich mir sehr sicher, dass die gesamte Unternehmensleitung enttäuscht wäre, wenn ich kündigen würde. Man hat Vertrauen in meine Arbeit und schätzt meine Kompetenz. Obwohl ich nicht immer mit der Geschäftsleitung einer Meinung bin und auch deutlich andere Positionen beziehe, ist mir eine Beförderung in absehbarer Zeit in Aussicht gestellt worden.

Soll ich das Gespräch mit dem Inhaber oder einen neuen Arbeitgeber suchen?

Antwort:

Was ist eigentlich bei Ihnen in der Firma geschehen? Sie haben es mit „Gene­ra­tionswechsel“ recht gut umrissen.

Andere, jüngere Leute kommen an die Macht – und machen vieles anders. Teils aus ihrer anderen Persönlichkeit heraus, teils aus Unerfahrenheit und teils aus Prinzip (neue Besen kehren gut). Im Unternehmen wird sich zwangsläufig vieles ändern. Und wie das so ist, werden sich mittel- bis langfristig sowohl Vor- als auch Nachteile im Detail herausstellen.

Natürlich hat es auch schon neue Führungsgenerationen gegeben, die das vom bisherigen Inhaber mühsam aufgebaute und gehaltene Unternehmen an die Wand gefahren haben. Meist jedoch verlaufen Führungswechsel nicht so dramatisch. In fünf Jahren könnten Sie beispielsweise feststellen, dass die jungen Führer die Auftragseingangsverluste letztlich – wenngleich langsam – in den Griff bekommen; aber auch eine äußerst mutige, richtige und die Firma langfristig absichernde anderweitige Entscheidung getroffen haben wie z. B. Verlagerung der Produktion nach Osteuropa (die der Inhaber vermutlich aus Prinzip nicht getroffen hätte).

Oder die neuen GF geraten sich in die Haare oder (am wahrscheinlichsten) sie erfüllen die Erwartungen des alten Inhabers nicht und der wirft sie wieder hinaus. Alles ist möglich.

Nur eines ist klar: Sie bekommen dort ein ganz neues, ganz anderes Unternehmen – fast so als hätten Sie den Arbeitgeber gewechselt. Erwarten Sie also nicht eine Fortsetzung der alten Politik & Kultur, sondern rechnen Sie damit, dass das Alte vorbei ist und dass Sie alle dort sich auf den etwas mühsamen und am Anfang etwas holperigen Weg zu neuen Ufern einstellen müssen. Wir wissen nicht, wie alt Sie sind, aber wir wissen: Je jünger man ist, desto leichter fällt die Umstellung auf eine neue Ära.

Soweit dazu. Nun zur „Unfähigkeit“ der neuen GF (Sie sagen das so nicht, aber es schwingt irgendwo mit). Ich kann Sie sehr gut verstehen, so wie Sie empfinden viele engagierte Mitarbeiter und Manager irgendwo im Lande.

Aber: In Ihrer Kritik geht es letztlich um das „Wohl des Unternehmens“. Sie sagen, die Methoden der neuen GF dienen dem nicht. Das ist Amtsanmaßung – nicht Sie haben das Wohl der Firma zu definieren, sondern allein die Eigentümer. Und diese haben dann daraus abgeleitete, ihnen richtig erscheinende Maßnahmen zu treffen wie z. B. Ernennung einer neuen GF. Nur die Eigentümer. Und die können vorher bewährte mittlere Führungskräfte um ihre Meinungsäußerung dazu bitten oder nicht. Ihre Eigentümer haben nicht.Jetzt unterstehen Sie der neuen GF. Sie haben zunächst die klare Pflicht, loyal zu ihr zu stehen und ihre Weisungen und Vorgaben umzusetzen – immer schön in dem Vertrauen, dass die näher am Wissen dran sind, was dem Wohl des Unternehmens dient und was nicht.

Darüber hinaus haben Sie zweifelsfrei das Recht und ziemlich zweifelsfrei sogar die Pflicht, bei Ihren vorgesetzten Geschäftsführern(!) vorstellig zu werden, auf Missstände, Fehlentwicklungen oder Risiken hinzuweisen und geeignete Maßnahmen vorzuschlagen. Kommen Sie damit nicht durch, müssen Sie entweder im vorgegebenen Rahmen arbeiten (engagiert und voll motiviert, das ist im Gehalt inbegriffen) oder die Firma wechseln.

Nun zum Inhaber. Der ist so etwas wie der Chef Ihrer Vorgesetzten. Hinter dem Rücken dieser GF zum Inhaber zu gehen, gilt in deren Augen als eine Mischung zwischen bösartig und Hochverrat. Sofern sie davon erfahren. Und das werden sie! Denn alte, etwas grantelige Inhaber haben sehr gern einen Anlass, dem nachrückenden „jungen Gemüse“ aus gegebenem Anlass einmal zu zeigen, was die alles nicht können. Also zitiert er Sie – also bekommen Sie Todfeinde. Selbst wenn der Inhaber Ihnen Ihre Initiative dankt, kann er nicht viel tun. Direkt sachlich hineinreagieren wird er wohl nicht mehr in die Details, jedenfalls nicht so, dass es Ihnen hilft.

Und wenn Sie der Tropfen sind, der das Fass zum Überlaufen bringt und auf Ihre Initiative hin tatsächlich ein (oder alle) GF gefeuert werden, dann haben Sie im Haus schnell das Image des „Kronprinzenmörders“ – und sind kein sehr interessanter Partner für die Nachfolger.

Nein, ich rate vom Kontakt zum Inhaber in dieser Sache ab. Entweder bringen Sie durch vorsichtiges Vorgehen Ihre Geschäftsführer auf den richtigen (woher wollten Sie so genau wissen, welcher das ist?) Weg oder Sie gehen. Opfern Sie jedoch nicht Ihre Zukunft, indem Sie sich zum Wohl des Unternehmens verschleißen. Letzteres kann sich bei Ihnen dafür niemals bedanken – es hat nicht einmal eine Hand, die es Ihnen beim Abschied drücken könnte.

Kurzantwort:

Wenn der Gesellschafter eine neue GF einsetzt, soll ein Abteilungsleiter nicht zu ihm gehen, um ihn auf vermeintliche Fehlhandlungen seiner neuen Chefs anzusprechen. Er überzieht damit seine Position und riskiert seine Stellung.

Frage-Nr.: 2029
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-06-16

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