Heiko Mell

Wenn man vom kleinen ins große Unternehmen wechselt

Bevor ich zu meinem eigentlichen Anliegen komme, möchte ich Ihnen für Ihr Engagement und Ihren Idealismus danken. Ich lese Ihre Serie seit mittlerweile 17 Jahren (nicht lange genug) und konnte dank ihr einige Fehler, die ich – trotzdem – gemacht habe, ausgleichen.

Einer dieser Fehler führte dazu, dass ich mit fast 50 Jahren, langjährig (noch) beim derzeitigen Arbeitgeber als Projektleiter tätig, eine betriebsbedingte Kündigung hinnehmen musste (ich sah es kommen und habe nicht rechtzeitig agiert). Dank Ihrer Unterstützung konnte ich aber trotz der verschärften Situation vor Eintritt in die Arbeitslosigkeit eine Stelle bei einem meiner Wunsch-Arbeitgeber finden (Dienstantritt in Kürze). Das Fachgebiet entspricht vollkommen meiner Qualifikation und meinen Vorstellungen, finanziell musste ich nur geringfügig zurückstecken.

Somit: Alles in Butter? Ja, aber etwas Unsicherheit ist doch im Spiel.

Ich war mein ganzes bisheriges Berufsleben lang bei mittelständischen Betrieben beschäftigt. Das Unternehmen, in das ich jetzt eintrete, beschäftigt weltweit das 30fache an Mitarbeitern gegenüber meinem bisher größten und fast das 100fache gegenüber meinem heutigen Arbeitgeber. Daher erwarte ich neben den fachlichen Anforderungen und neuen Umfeldern, die zu jedem Arbeitgeberwechsel gehören, zusätzlich die Herausforderung, die aus der völlig neuen Betriebsgröße erwächst.

Ich bin mir sehr bewusst, dass ich hier Unterstützung brauchen werde. Bisher kenne ich nur direkte, sehr kurze Entscheidungswege. Ich konnte in Grenzen eigenverantwortlich handeln. Was ich benötigte, holte ich mir direkt bei Kollegen. Wurde eine Besprechung notwendig, hatte ich 15 Minuten später alle erforderlichen Teilnehmer am Tisch. Dies wird in Zukunft so nicht mehr möglich sein, es gelten neue Regeln. Diese muss ich lernen, möglichst ohne erst einmal dagegen zu verstoßen.

Können Sie mir aus Ihrer Erfahrung Tipps geben? Sie haben bereits mehrfach erwähnt, dass es nicht üblich ist, aus mittelständischen Betrieben zu Großfirmen wechseln zu können. Wenn es aber doch passiert, welches sind die schlimmsten Fehler und wie kann man sie vermeiden?

Antwort:

Sie haben mir Ihre Bewerbung um die neue Stelle beigelegt – eine tadellose, überzeugende Problemlösung, insbesondere auch im Anschreiben. Sie erläutern, warum Sie sich bewerben, Sie zeigen, dass Sie sich der Altersproblematik bewusst sein, machen klar, dass Sie sich hohen Anforderungen stellen müssen. Sie geben Ihr heutiges Einkommen an, unterstreichen aber, dass dieser Aspekt nicht an erster Stelle steht.

Damit haben Sie nicht nur Erfolg gehabt, sondern auch meine Anerkennung ehrlich verdient. Sie denken vorher nach, wie ja auch Ihre Frage jetzt wieder zeigt.

Zur Sache: Bei Ihrem Wechsel überlagern sich zwei Aspekte:

a) die allgemeine Einarbeitung eines neuen Mitarbeiters in ein ihm unvertrautes Umfeld und

b) die Besonderheit des Wechsels vom kleinen Mittelständler zum Großbetrieb.

Ganz kurz an dieser Stelle zu a: ruhig und gelassen, aber interessiert auf die Dinge zugehen, beobachten, fragen, kein(!) Urteil fällen in den ersten Wochen, selbstverständlich auch keine Kritik an irgendwelchen Gegebenheiten oder Regeln äußern, auch keine spontanen Verbesserungsvorschläge (die ja auch stets Kritik am Bestehenden beinhalten); die Zu- und Umstände im neuen Umfeld in sich aufsaugen, offen sein für Regelungen, die teilweise sehr „anders“ sein können als die gewohnten. Niemand erwartet, dass Sie in den ersten drei Tagen die Welt dort verändern oder sofort besser als Ihre Kollegen sind (im Gegenteil, die wären ganz schön sauer). Jeder akzeptiert, dass Sie neu sind, vieles nicht wissen (können), fragen müssen und Fehler machen. Sagen Sie es ruhig den Kollegen, wenn Ihnen etwas unklar ist, im Normalfall helfen die.

„Tödlich“ wären Arroganz und/oder Besserwisserei, schlimm wäre ein gebetsmühlenartiges „bei Müller & Sohn haben wir das aber so gemacht“.

Nun zu b: Sie sind dort wegen Ihrer(!) fachlichen Fähigkeiten und Ihres persönlichen(!) Könnens – nicht wegen der überlegenen Arbeitsweise von Müller & Sohn. Davon will man nichts hören. Man ist als große Gesellschaft irgendwie „besser“, bestreiten Sie das erst einmal nicht. Es herrscht in dem neuen Umfeld eine – unbewusste – „Arroganz der Größe“.

Alles, was unter a) gesagt wurde, gilt verstärkt.Rechnen Sie – vorsichtshalber – mit mehr Formalismus, mehr festgefügten Regeln, mehr Beharren auf „zuständig/nicht zuständig“ und deutlich längeren Entscheidungswegen. Es ist ein bisschen wie Matrose sein auf einem Schnellboot oder auf einem Großtanker – auf ersterem fällt Qualität oder Versagen jedes Einzelnen auf, auf letzterem viel weniger. Wenn der Schnellbootsteuermann das Ruder herumreißt, flitzt das Boot sofort in die neue Richtung, auf dem großen Pott passiert erst einmal gar nichts und dann hat er einen Wendekreis, der eher nach Kilometern als nach Metern misst. Also macht der Matrose auf dem „dicken Pott seinen Job und kümmert sich wenig um „fremde“ Abteilungen. Daran muss sich der Mann vom Schnellboot erst gewöhnen – aber es geht (nein, ich war weder bei der christlichen Seefahrt, noch bei der Marine, aber meine Phantasie ist sehr gut entwickelt).

Wissen Sie was? Sie werden es packen! Viel Glück.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1989
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-01-18

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