Heiko Mell

Wenn der Chef fragt, wie lange man noch bleibt

Ich arbeite seit mehreren Jahren als Ingenieurin bei einem mittelständischen Unternehmen. Mein Vorgesetzter weiß, dass ich in meiner Sachbearbeiterposition ohne Aussicht auf Beförderung nicht ganz glücklich bin. Zusätzlich lebe ich in einer Fernbeziehung, unser Wohnort, an den ich jetzt umgezogen bin, liegt über 500 km von meiner Arbeitsstelle entfernt.

Sporadisch habe ich mich bereits nach einer passenden Position im Umfeld meines Wohn­orts umgesehen. Um dabei meine Chancen zu verbessern, habe ich gerade eine Zusatzqualifikation nebenberuflich erworben, wobei mich mein Vorgesetzter aktiv unterstützt hat (Arbeitszeit, teilweise Kostenübernahme).

Jetzt werde ich mich intensiv auf die Suche nach einer neuen Stelle begeben. Das befürchtet wohl auch mein Vorgesetzter. Er bat mich zu sich und fragte mich, ob ich mit meiner Position zufrieden sei. Ich sagte ihm, dass mir meine Arbeit durchaus Freude bereite, aber dass er ja wisse, dass ich mir eigentlich eine aussichtsreichere Position wünschen würde. Er wollte letztendlich wissen, wie lange er noch mit mir rechnen könne, „um Planungssicherheit zu haben“.

Nach einigem Hin und Her kam ich um eine genaue Beantwortung seiner Frage herum. Unter normalen Umständen hätte man es sicher verstanden, wenn ich die Firma für eine bessere Position verließe, aber wenn ich jetzt vor Ablauf eines Jahres nach diesem Gespräch gehe (was ich hoffe), nimmt man es mir vermutlich persönlich übel – ich möchte ungern „verbrannte Erde“ hinterlassen. Als 30-jährige Frau bin ich aufgrund einer potenziellen Schwangerschaft ohnehin eine „unsichere Kandidatin“. Gibt es in dieser Situation ein „richtiges“ Verhalten? Wie gehe ich mit der direkten Frage nach Wechselgedanken a) in einer „Standard“-Firma und b) in der geschilderten Situation um?

Antwort:

Sie kennen die immer etwas unbefriedigende Ausweg-Antwort auf schwierig erscheinende Problemschilderungen: Die Frage ist falsch gestellt. So einfach will ich es mir nicht machen – aber Ihr Gespür dafür, dass an Ihrer Situation irgendetwas ungewöhnlich schwierig zu sein scheint, ist völlig richtig. Daher lautet meine Antwort auch:

Die Situation, aus der Sie keinen Ausweg sehen, dürfte es nach den geltenden Regeln gar nicht geben! Sowohl Sie als auch Ihr Vorgesetzter haben zugelassen, dass Sie beide(!) in eine irgendwie unhaltbare Lage geraten sind. Dröseln wir die Geschichte erst einmal im Detail auf – damit andere diese Fehler nicht wiederholen (Ihnen kann es helfen zu wissen, was zwangsläufig wozu geführt hat):

1. Es ist sinnlos, ja gefährlich, den Vorgesetzten merken oder wissen zu lassen, dass man auf dem derzeitigen Arbeitsplatz nicht sehr glücklich ist – sofern alle wissen, dass niemand etwas daran ändern kann. Sie suchen, ob nun berechtigt oder nicht, eine Position mit „Perspektiven“ – und dort gibt es so einen Job nicht, Ihr Vorgesetzter kann diesen Wunsch nicht erfüllen.Sie signalisieren damit: „Ich bin hier unzufrieden – und niemand hier kann etwas dagegen tun.“ Damit liegt der einzig denkbare Ausweg von Anfang an auf der Hand: Sie werden hier nicht lange bleiben. Sie tragen also ein sym­bolisches Schild um den Hals auf dem steht: „Ich will aus sachlichen Gründen hier weg.“ Das ist nicht klug.

2. Die leidige Wohnortfrage: Es ist nicht so, dass ich Sie nicht verstehe, aber das nützt in der Sache auch nichts. Jeder Chef weiß:

a) Ein Mitarbeiter, dessen Partner sehr weit entfernt wohnt, ist ein Abwanderungskandidat.

b) Ein Mitarbeiter, dessen Partner sehr weit entfernt wohnt und der seinen Wohnsitz gerade erst an diesen Wohnsitz des Partners hinverlegt hat, ist ein sicherer Abwanderungskandidat. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.

c) Viele Praktiker glauben beobachtet zu haben, dass generell Frauen in solchen Fällen öfter in die Region des Mannes ziehen als umgekehrt. Resultat: Eine solche Mitarbeiterin ist eine sehr sichere Abwanderungskandidatin.

3. Engagiert betriebene Weiterbildung, die zu einem zusätzlichen Examen/Diplom führt, ist generell ein Signal: Nach Abschluss wird der Mitarbeiter sofort(!) einen neuen, besseren Job wollen. Bekommt er den nicht, wird er gehen – auch sofort. Hier war schon vorher klar, dass es – so oder so – keine Perspektiven gibt, weder mit noch ohne Zusatzausbildung. Damit werden Sie in Verbindung mit Punkt 2 zu einem „todsicheren“ Abwanderungskandidaten.

4. Sie haben sich von Ihrem Vorgesetzten beim Erwerb Ihrer Zusatzqualifikation aktiv helfen lassen, obwohl Sie wussten, dass Sie damit nur Ihre Chancen beim Wechsel verbessern wollten. Ihr Chef hat dafür sogar Geld der Firma (nicht seines!) in Sie investiert, wofür er sich jederzeit verantworten muss. Das war von Ihnen moralisch nicht „sauber“ und taktisch äußerst unklug. Denn dafür will er nach allgemein gültigen Regeln eine Gegenleistung!Welche bieten Sie ihm denn nun? Üblich ist es, zum Dank und als Ausgleich für empfangene Wohltaten noch „etwas“ dort zu bleiben, mindestens ein Jahr. Sonst droht – und die Gegenseite wäre dabei moralisch (nicht juristisch) im Recht – die von Ihnen ins Spiel gebrachte „verbrannte Erde“ (schlechtes Zeugnis, kein Entgegenkommen bei Details des Ausscheidens, miserable telefonische Referenz).

5. Ihr Chef ahnt natürlich, dass Sie gehen werden und sucht Planungssicherheit, auch natürlich. Und er scheint an das Gute im Menschen zu glauben, also fragt er Sie einfach einmal. Das ist sachlich nachvollziehbar, für einen Manager fast etwas naiv – und als für Sie verantwortliche Führungskraft sollte er das nicht tun. Schließlich bringt er Sie damit in einen nahezu unlösbaren Konflikt (was bleibt Ihnen als Antwort?), das sollte man als Arbeitgeber in Wahrnehmung seiner Fürsorgepflicht gegenüber dem Arbeitnehmer eigentlich vermeiden.

So, da stehen Sie denn nun beide in einer echten „Zwickmühle“ – welchen Schritt einer von Ihnen auch unternimmt, es gibt Ärger. Antwort auf Ihre Teilfrage: Diese Konstellation darf gar nicht entstehen – also gibt es auch keine Standardlösung.

Dennoch erwarten Sie einen Rat. Ich versuche es; dabei konzentriere ich mich allein auf Sie – Ihrem Vorgesetzten auf diesem Wege Empfehlungen zu geben, wäre ja sinnlos:

a) Die Situation ist verfahren. Um da wieder hinauszukommen, müssen Sie irgendwo einen „Preis“ zahlen. Konkret: Jede denkbare Lösung wird einen „Haken“ haben. Anders ist der Knoten nicht zu lösen.

b) Sie müssen da raus, können – und wollen – da nicht bleiben. Ihr armer Chef ahnt das, hofft auf ein Wunder – und hat doch keine Chance. Honorieren Sie seine Nachsicht Ihnen gegenüber und seine Hilfe bei Ihrer Zusatzausbildung: Geben Sie ihm wenigstens etwas Planungssicherheit.

6. Also: Gehen Sie zu ihm, knüpfen Sie an das frühere Gespräch an und sagen Sie ihm zunächst etwas Nettes. Irgendwas, das die Atmosphäre auflockert. Sagen Sie ihm, wie gern Sie dort arbeiten, wie viel Sie gelernt haben etc. Aber dann: Sie hätten sehr sorgfältig nachgedacht, Ihre berufliche und Ihre private Situation einbezogen, Sie hätten auch an ihn und seine berechtigte Bitte um Planungssicherheit gedacht. Also hätten Sie den – Ihnen nicht leicht gefallenen – Entschluss gefasst, eine klare Entscheidung zu treffen. Diese laute nun:

a) Sie würden sich mittelfristig um den Wechsel an den Wohnort bemühen (der sei auch Arbeitsort Ihres Partners und der habe den aussichtsreicheren Job).

b) Selbstverständlich würden Sie nicht Hals über Kopf dort weggehen, sondern angefangene Dinge erfolgreich beenden und ihm die geforderte Planungssicherheit geben. Also Sie würden heute davon ausgehen, nicht vor dem 1.4. und nicht nach dem 1.7. nächsten Jahres zu gehen – vorausgesetzt, Sie fänden in diesem Zeitfenster einen neuen Job.Achtung: Sie dürfen jetzt keinesfalls kündigen! Selbst das Wort dürfen Sie nicht in den Mund nehmen. Spricht er davon, lehnen Sie es freundlich ab – erst müssen Sie eine neue Stelle finden.

Ihr Chef wird damit leben können, Ihnen fällt erst einmal ein Stein vom Herzen, Sie haben dann intern Klarheit geschaffen und extern ein Ziel (neuer Job zum 1.4. n. J.). Dann müssen Sie eher mehr und engagierter arbeiten als bisher und Ihrem Chef besonders aufgeschlossen und freundlich gegenüber­treten. Das macht einen guten Eindruck.

Und wenn Sie im März n. J. immer noch keine neue Stelle haben? Sehen Sie, das ist der „Haken“ an der Lösung. Aber einen musste es geben.

Ach und noch etwas: Ruinieren Sie Ihre Chancen auf einen neuen Job am neuen Ort nicht durch die Suche nach einer „Position mit Perspektive“ oder durch die strikte Vorgabe, Ihre Zusatzausbildung müsse dort gebraucht werden. Seien Sie zunächst einmal froh, wieder so eine rundum gute Position wie heute zu bekommen. Am Wunschort. Mit keinem anderen Nachteil als der unbefriedigenden Entwicklungsperspektive. Denn: Es passt immer nur ein(!) Ziel auf Platz 1 der Prioritätenliste. Und da steht entweder „Wunschort“ oder(!) „entwicklungsfähige Position“ – die ist dann aber irgendwo in Deutschland! Und beides zusammen auf Nr. 1 geht nicht. Bitte akzeptieren Sie diese Grundtatsache des Lebens.

Lassen Sie sich durch meine recht „klaren“ Worte nicht täuschen. Ich habe nach Ihrer (im Original längeren) Schilderung einen sehr positiven Eindruck von Ihrer Persönlichkeit. Aber eine schwierige Ausgangssituation, fehlende Erfahrung, Ehrgeiz und ein nur mäßig ausgeprägter Instinkt für Taktik und Machtstrukturen haben in Verbindung mit einem Vorgesetzten, der auch zu lange hoffte, es ginge irgendwie gut, zu dieser Komplikation geführt. Ich habe übrigens irgendwie den Verdacht, Sie haben ein ziemlich gutes Examen. Und ich habe eine Bitte: Machen Sie in Ihren weiteren Briefen nicht wieder erst nach 17,7 cm den ersten Absatz – wes das Herz voll ist, dem läuft die Mail über oder so ähnlich. Ich bin auch nur ein – geplagter – Mensch (aber ich ahne, wie Sie sich in jenem Gespräch um die klare Antwort auf die Frage Ihres Chefs herumgemogelt haben).

Kurzantwort:

Wenn der Vorgesetzte den Mitarbeiter in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis ernsthaft fragt, wie lange er denn noch bleiben wolle – dann hat der Mitarbeiter etwas falsch gemacht (der Chef auch, aber das ist ein anderes Thema).

Frage-Nr.: 1952
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-09-02

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