Heiko Mell

Leserreaktion – Benimm-Fragen

Frage/1: Sehr geehrter Herr Mell, hallo lieber Herr Mell, die Anreden charakterisieren zwei unterschiedliche Realitäten der beruflichen Welt. Die erste kennen Sie bestens, wie aus Ihrer von mir hochgeschätzten Serie hervorgeht. Die zweite kennen Sie nicht so gut, wie Sie eingestanden haben: „Es ist nicht meine berufliche Welt.“

Es ist aber auch(!) eine berufliche Welt. Es ist die Welt der Ausbildung und des Lernens für den Beruf, nicht die des Arbeitens und Geldverdienens.

In der Welt des Hochschulbereichs gibt es eine andere Umgangsform als in der Industrie. Sie haben empfunden: „Alle anderen schienen daran gewöhnt zu sein.“ Ihnen ist diese Umgangsform „peinlich“. Warum?

Sie sagen: „Manche Gepflogenheiten an der Uni taugen absolut nicht als Maßstab oder als Vorbild“ für die Industrie. Richtig! Ich sage: „Manche Gepflogenheiten in der Industrie taugen absolut nicht als Maßstab oder als Vorbild für die Uni.“ Ja? Auch richtig!

Ihr Spruch unterstreicht diesen Unterschied: „Die Uni ist die letzte …“ Die Umgangsformen der Industrie sind mir nicht peinlich. Den meisten anderen aus dem Bereich der Uni auch nicht.

Die Umgangsformen sind anders.Für den Hochschulbereich, in dem ich gearbeitet habe, gilt überwiegend folgendes: Die Jungs und Mädels und die Profs wissen sehr wohl um die Unterschiede der Umgangsformen der beiden Welten.

Dieselben Studierenden (Jungs und Mädels, Kappenträger, Mitbringer von Hunden, Kleinkindern und Fahrrädern) treten absolut professionell und seriös in dem von Ihnen geforderten Sinne auf, sobald es um industrielle Kontakte geht. Sie wissen, dass sie es dann mit einer anderen Welt zu tun haben. Die Kunst ist, sein Umgangsformenpotenzial richtig einzusetzen, passend zur Gelegenheit.

Frage/2: In Ihrer Antwort auf Frage 1.935 schreiben Sie betreffend fehlender Kritik bei fragwürdigem Benehmen: „Warum Vorgesetzte in der Praxis mit klaren Worten so zurückhaltend sind, wenn es um derartige Belange geht, weiß ich auch nicht, es ist aber so (Gegenbeispiel: fachliche Leistungen, dort wird offener kritisiert).“

Vorgesetzte geraten sehr schnell in Teufels Küche, wenn sie etwas kritisieren, was sich nicht messbar, nachvollziehbar, in dokumentierter Form beweisen lässt. Der Kritisierte geht in so einem Fall sehr schnell zum nächsthöheren Chef und/oder zum Betriebsrat, und dann muss sich der betroffene Vorgesetzte offene Kritik wegen mangelhafter Führung anhören und sich bei dem kritisierten Mitarbeiter, möglicherweise unter Aufsicht entschuldigen, unter Umständen sogar öffentlich (habe ich als Zeuge miterlebt). Und wer will sich so etwas schon antun?

Der betroffene Mitarbeiter hört also oft keine Kritik – und wundert sich nur, dass er nach einigen Jahren immer noch nicht die verdiente Gehaltserhöhung bekommen hat. Im Idealfall sucht sich der Mitarbeiter aufgrund der Gehaltsentwicklung einen anderen Job und flegelt woanders herum.

Bei fachlicher Kritik, die sich meist an messbaren Größen orientiert (inkl. Termine und Kosten) ist das alles viel einfacher, der Vorgesetzte kann seine Kritik notfalls aufgrund vorliegender Daten rechtfertigen.

Antwort:

Antwort/1: Verehrter Herr Professor, verzeihen Sie mir einige Kürzungen Ihrer Einsendung, ich glaube aber, den Tenor Ihrer Ausführungen getroffen zu haben.

Zunächst muss ich einiges richtig stellen, sonst entsteht für den Leser dieses Beitrags (der das Original zu 1.935 nicht mehr im Kopf hat) ein falscher Eindruck:

Auslöser jenes Artikels war der – abgedruckte – Brief des Dekans einer Universität, der sich kritisch über die Defizite von Studenten ausließ und sogar anregte, meine Aussagen zu korrektem Umgang miteinander (u. a. im Hinblick auf Briefstil, Rechtschreibung, Logik der Aussage) gelegentlich durch „Hinweise auf einfachste Benimm-Regeln zu ergänzen, wo nach meiner Einschätzung auch erhebliche Defizite bestehen“.

Von ihm(!) stammt erkennbar auch der Spruch: „Die Uni ist die letzte Gelegenheit, wo Sie relativ ungestraft noch Dinge tun können, die Ihnen später unter Umständen extrem zum Nachteil gereichen können.“

Ich habe in meinem Kommentar ausdrücklich geschrieben: „Ich kritisiere diese inzwischen wohl zum Universitätsstandard gehörenden Erscheinungen nicht – es ist nicht meine berufliche Welt; bei meinen gelegentlichen Auftritten dort bin ich Gast …“ Und „peinlich“ habe ich ausdrücklich nur gebraucht im Zusammenhang mit dem Auftritt einer international renommierten Persönlichkeit, den ich miterleben durfte, und bei dem Teile des studentischen Publikums jene genannten Erscheinungsbilder zeigten. Mir war das „peinlich“ seinetwegen(!), weil das nach meinem Maßstab für eine Mischung aus Missachtung und Respektlosigkeit steht (man packt ja auch während des Konzerts eines berühmten Dirigenten keine Butterstullen aus und beißt herzhaft hinein).

So, aber das sind Kleinigkeiten. Ich konzentriere meine Argumentation auf zwei Kernaussagen:

1. Es gibt nicht zwei berufliche Welten, die der Uni und die der Industrie. Sondern – bezogen auf die hier im Mittelpunkt stehenden Ingenieurwissenschaften – die eine „Welt“ ist die vorbereitende Stufe auf die andere. Natürlich ist die Uni auch(!) eigenständige Berufswelt für die dort beruflich Tätigen, insbesondere die Professoren. Aber die fallen statistisch gar nicht ins Gewicht. Es geht hier um Studenten. Und für die ist in der Regel die Uni keine selbstständige berufliche Welt, sondern wichtige Durchlaufstation, die einen wesentlichen Teil derjenigen Qualifikation vermittelt, die in der nachfolgenden eigentlichen Berufspraxis gefordert wird. Ich will damit den Aspekt „Forschung“ der Uni nicht in Abrede stellen, aber im Uni-Alltag ist die Mehrheit der Studenten davon nur sehr am Rande betroffen.

Diese Studenten bleiben an der Uni fünf, sechs Jahre, dann gehen sie in ihren Zielbereich „Industrie u. ä.“, dort bleiben sie dann knapp vierzig weitere Jahre bis ans Ende ihrer aktiven beruflichen Zeit. Damit hat die Uni, ob sie es nun will oder nicht, in vorderer Linie Ausbildungscharakter für die Praxis.

Sollte eine Ausbildungsinstitution nun vor allem Wert auf eine aus Prinzip verfolgte Eigenständigkeit in den hier angesprochenen Fragen legen oder sich doch etwas mehr dem Standard nähern, der dort gilt, wofür sie ausbildet? Ich formuliere das bewusst als Frage, nicht als Forderung. Ich habe nicht das Recht, der Uni ihren individuellen Benimm-Standard vorzuschreiben.

2. Leider, geehrter Einsender, ist Ihre Hauptthese nicht richtig, vorsichtig gesagt. Schön, die Studenten ziehen sich zum Vorstellungs­gespräch „fein“ an und nehmen weder dorthin noch zum späteren Arbeiten Hunde oder Kleinkinder mit. Aber: Sie bewegen sich in dieser nun so erschreckend anderen Welt so hölzern, stolpern so ungeschickt dort herum, dass es vielfach ein Jammer ist! Das bezieht sich weniger auf Äußerlichkeiten als vor allem auf Auftreten, Argumentation, Fähigkeit zur Selbstdarstellung und taktisch geschicktes Verhalten. Viele Berufseinsteiger bekommen wegen des so sehr unvollkommenen Eindrucks, den sie hinterlassen, den Job nicht, den sie wegen ihrer rein fachlichen Qualifikation eigentlich verdient hätten.

Diesen Umschwung von der Uni-Welt auf die der Industrie schafft der Durchschnittsstudent nicht reibungslos aus eigener Kraft. Und daher behaupte ich: Je weniger anders die Welt derjenigen Institution ist, die junge Leute auf eine andere Institution vorbereitet, desto leichter fiele den „Jungs und Mädels“ (Zitat) der Schritt. Letzterer bedeutet nicht nur, sich später mit Anleitung (Einarbeitung) in dieser so fremden Industrie-Welt zu bewegen, es bedeutet vor allem, sich ohne Anleitung in diesem Umfeld zu „verkaufen“ (u. a. im Vorstellungsgespräch).

Darf ich Ihnen einen Kompromiss vorschlagen? Wir lassen einfach die Hochschulwelt wie sie ist – und haben die Hoffnung, dass vielleicht hundert Studenten zusätzlich durch unsere Diskussion mit dem Gedanken vertraut gemacht worden sind, sie lebten derzeit noch und vorübergehend in einer Art Kunst-Welt, die mit der Ziel-Welt, für die sie ausgebildet werden, nicht viel zu tun hat (was z. B. Benimm-Fragen angeht). Und wenn diese hundert jetzt nachdenken, sich mit dem Thema beschäftigen und an sich arbeiten, dann bin ich schon zufrieden. Denn Problembewusstsein ist der erste Schritt zur Lösung.

Oder so: Die Hochschule lässt ihre Studenten in der äußerst wichtigen Frage der Persönlichkeitsbildung praktisch allein. Das muss man nicht anprangern – aber den Betroffenen sollte das zumindest bewusst sein.

Antwort/2: Ich glaube, dass Ihre Erklärung stimmt – bin aber nicht zufrieden damit. Ein Vorgesetzter sollte in der Lage sein, berechtigte Kritik am persönlichen Auftreten eines Mitarbeiters so klar und doch einfühlsam zu formulieren, dass er auch gelassen möglichen Beschwerden entgegensieht. Vieles ist eine Frage der Wortwahl und des taktisch geschickten Vorgehens!

Noch wichtiger aber ist mir ein – uneingeschränkt ernst gemeinter – Appell an die Mitarbeiter: Setzt ein Vorgesetzter zur Kritik an Ihnen an – dann ist das fast ein Geschenk. Er zeigt Ihnen, wie er über Sie denkt und gibt Ihnen damit Gelegenheit, angemessen darauf zu reagieren (bis hin zur Vorbereitung eines Abteilungs- oder Firmenwechsels, von Verhaltensänderungen ganz zu schweigen). Zerstören Sie diesen wertvollen Ansatz nicht, indem Sie sofort mit „Ausreden“, Abstreitungen o. ä. kommen – Sie überzeugen Kritiker ja doch nie! Sagen Sie ihm, dass Sie dankbar wären für den Hinweis, dass Sie selbstverständlich Ihre eigene Meinung dazu hätten, dass Sie aber einräumten, in jedem Fall einen Fehler gemacht zu haben, denn er hätte nie zu einem solchen Urteil kommen dürfen.

Ich bin ganz sicher: Ein solches Vorgehen hilft Ihnen! Mit „Ich lasse mir das nicht gefallen“ erreichen Sie hingegen gar nichts.

Frage-Nr.: 1949
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-08-19

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