Heiko Mell

Sind weibliche Ingenieure für den Abwasch zuständig?

Ich bin gelernte … und habe in meinem Beruf mehrere Jahre gearbeitet. Anschließend habe ich mich für ein Studium der …technik entschieden und als Diplom-Ingenieurin mit Auszeichnung abgeschlossen. Da der Arbeitsmarkt für diese Berufsgruppe in meiner Heimatstadt sehr schlecht aussieht, habe ich mich gemäß Ihren Anregungen bundesweit beworben und eine Stelle in einem größeren Konzernunternehmen erhalten. Dort bin ich seit einigen Monaten tätig. Als „Neue“ werde ich mit Aufgaben überhäuft, mache mehr Überstunden als eigentlich erlaubt und nehme mir auch noch Arbeit mit nach Hause, damit ich mein Arbeitspensum auch zur Zufriedenheit meines Chefs erledige.

Mein Arbeitsplatz befindet sich in einem Großraumbüro mit fast 30 Mitarbeitern. Wir sind nur eine Handvoll Frauen, von denen eine bereits seit langem hier beschäftigt ist und zusätzliche Aufgaben übernommen hat: Sie kauft den Kaffee für die ganze Abteilung und wäscht auch abends für alle, inkl. Besuch, das Geschirr ab.

Dramatisch wird es, wenn eben diese Frau in Urlaub ist. Da die Kollegen es gewohnt sind, ihre Tassen einfach abzustellen, stapelt sich das schmutzige Geschirr in der Kaffee-Ecke (ich wasche mein Geschirr selbst ab und die anderen Kolleginnen trinken keinen Kaffee).

Letztens kam der Abteilungsleiter aus der benachbarten Abteilung und machte uns Frauen auf die verdreckte Kaffee-Ecke aufmerksam. Daraufhin gab es eine Grundsatzdiskussion, da ich, auch nicht vertretungsweise, diese Aufgabe nicht übernehmen möchte. Besagter Abteilungsleiter hat dann damit gedroht, sich bei meinem Chef zu beschweren. Letztendlich hat sich eine meiner Kolleginnen (die also gar keinen Kaffee trinkt) darum gekümmert.

Gemäß Ihren Tipps zu den „Benimm“-Fragen und Ihren Notizen „Querdenker gesucht“ gehe ich davon aus, dass mein Chef mein Verhalten sicher nicht gut findet, mich dafür allerdings nicht offen kritisieren wird. (Er spült sein Geschirr auch nicht selbst ab, sondern stellt es in dieselbe Ecke.) Für meine Karriere wäre es sicher besser, ich würde mich an die Strukturen anpassen und nicht durch offene Kritik und Diskussionen, sondern durch überzeugende Projekte glänzen. Immerhin bin ich noch in der Probezeit und inzwischen bereits über Mitte 30.

Aber bedeutet das tatsächlich, dass in einer Abteilung mit so vielen Mitarbeitern immer noch die wenigen weiblichen Ingenieure für den Abwasch zuständig sind oder immer noch für den Chef Kaffee kochen?

Über eine (wie immer ehrliche) Antwort würde ich mich sehr freuen.

Antwort:

Sollte ein Leser denken, dies sei eine alberne Bagatelle, so wäre das der Beweis, dass es ihm an Erfahrung fehlt. Mit ein bisschen Pech eskaliert die Situation, am Ende herrschen „Mord und Totschlag“ und unsere Einsenderin verliert noch ihren Job. Nicht wegen der Kaffeetassen natürlich, jedenfalls nicht offiziell. Aber hier kann so viel hochkommen, dass ihre Sachergebnisse plötzlich auch „indiskutabel“ sind, das Team lässt sie hängen („die lassen wir dumm sterben“), sie bekommt keinen Fuß mehr auf den Boden und scheitert. Alles denkbar.

Und wenn sich jemand bisher gefragt hat, wofür eigentlich so ein Abteilungsleiter sein höheres Gehalt bekommt, dann hat er jetzt die Antwort: Für solchen Kindergartenkram (u. a.). Fast tut er mir ein wenig Leid (oder doch in Zukunft wieder „leid“, wer weiß das schon; gut, dass wir Deutsche sind; Angehörige anderer Nationen kämen niemals mit unseren selbstgemachten Problemen zurecht – oder würden sich darüber totlachen).

Aber am Abteilungsleiter bleibt letztlich alles hängen, er ist für das „Klima“ verantwortlich, muss die Dinge organisatorisch regeln, Streitigkeiten möglichst vermeiden und im Notfall zuverlässig schlichten. Und dann gibt es je nach Stand der Eskalation noch höhere Chefs, Betriebsräte, Frauenrechtsbeauftragte (unterschiedlicher Bezeichnungen) – die könnten sich alle bei ihm treffen und ihm ein bisschen die Hölle heiß machen. Seine Mitarbeiter könnten sich unabhängig davon in Gruppen aufspalten und untereinander bekriegen. Na ja, ein bisschen sachliche Arbeit sollte auch noch erledigt werden – von einer hochmotivierten Mannschaft, die vorbildlich als Team harmoniert.

Bei all dem Ungemach bekommt er im Moment auch keinen Kaffee mehr gekocht und findet keine saubere Tasse mehr – Manager zu sein hat ganz offensichtlich auch seine Tücken.

Soviel zur halbphilosophischen Betrachtung. Nun zum konkreten Ansatz:

1. Egal, was auch geschieht, es ist meine feste Überzeugung: Sie, geehrte Einsenderin, sollen und dürfen weder die allgemeine Kaffeekocherin noch die allgemeine Abwäscherin werden. Ihre Weigerung ist bzw. war berechtigt, dabei sollten Sie auch bleiben. Auch, wenn es nur um eine Vertretung geht – wehret den Anfängen.

2. Offiziell darf Ihr Abteilungsleiter diese Zusatztätigkeit nicht von Ihnen verlangen oder Ihnen wegen Ihrer Weigerung irgendwelchen Ärger machen. Letzteres aber ist weder zu kontrollieren noch zu beweisen – und also liegt genau dort das Problem. Wenn er sich wegen dieser Sache über Sie ärgern sollte – was er nicht dürfte, aber er ist auch bloß ein Mensch -, besteht die Gefahr, dass dies auf die Beurteilung Ihrer Sacharbeit durchschlägt. Und wenn dann auch noch ein paar Männer aus der Abteilung gegen Sie Stimmung bei ihm machen, dann könnten Sie ein Problem bekommen. So etwas geht schnell.

3. Also sehe ich als Lösungsstrategie für Sie:

a) Bleiben Sie immer, in jeder Phase der Diskussion gegenüber Kollegen und Chef freundlich, nett, höflich und charmant – wenn auch knallhart in der Sache. Aber lassen Sie sich nicht hinreißen, so aufzutreten, dass irgendjemand das nachher „zickig“ nennen könnte.

b) Kämpfen Sie ums Prinzip, seien Sie großzügig im Detail: Falls einmal Besuch zu bewirten ist, Sie dabei sind und sich Kaffee holen und der Chef Sie bittet, dem Besuch und/oder ihm etwas mitzubringen – tun Sie es in der Situation. Und wenn dann abends, während Sie Ihre Tasse spülen, noch eine Besuchertasse schmutzig herumsteht, waschen Sie die eine halt einfach mit ab. Wer soll es sonst tun? Und gemacht werden muss es, so lange man nicht auf Pappbecher umsteigt (was eine Idee wäre).

c) Lassen Sie die Dinge nicht hinter Ihrem Rücken hochkochen, wobei ein Prozess entstehen könnte, den Sie nicht mehr steuern können, gehen Sie stattdessen in die Offensive: Sprechen Sie die – männlichen – Kollegen an. Rufen Sie – stets liebenswürdig und so charmant wie möglich – das Problem ins Gedächtnis (niemand kümmert sich um das schmutzige Geschirr, ein unmöglicher Zustand). Verweisen Sie auf den Urlaub der bisher für die Kaffee-Angelegenheit zuständigen Dame – und reden Sie gar nicht erst von sich als möglicher Vertreterin. Geben Sie als Grund für Ihr Engagement den fremden Abteilungsleiter an, der zufällig Sie angesprochen hätte. Dann sagen Sie, es müsse etwas geschehen und fragen, ob jemand die abwesende Dame beim Kaffee- und Geschirrdienst vertreten möchte. Niemand will. Dann schlagen Sie vor, jeder solle in Zukunft selbst für sein Geschirr sorgen.

Das klingt gut, niemand kann etwas dagegen sagen – es wird nur nicht funktionieren (das ist ein anderes Problem, dann sind Sie aber aus der Schusslinie).

Und falls jemand in der Diskussion fragt, ob nicht Sie …, dann antworten Sie freundlich, nein, Sie wollten das ganz bestimmt genau so wenig wie der Fragesteller. Es wird kaum jemand wagen, ganz offen zu sagen „weil Sie eine Frau sind“ (falls doch, können Sie das freundlich als absoluten Unfug zurückweisen).

d) Bleibt der Chef. Dem kocht jetzt auch niemand mehr Kaffee, seine Tasse wäscht auch niemand mehr ab. Er hat nun mehrere Möglichkeiten:

– Er kann gar nichts tun und sich vor dem Problem drücken (beliebt, aber ein Zeichen von Schwäche).

– Er kann hörbar vor sich hinbrummeln: „Kann sich da nicht einmal jemand darum kümmern? Muss ich denn alles selber machen?“ (auch beliebt, auch schwach).

– Er kann auf einen Mitarbeiter zugehen, z. B. auf Sie, und konkret fragen, ob Sie nicht die abwesende Dame vertreten könnten. Sagen Sie ganz freundlich, dass Sie das nicht möchten. Begründen Sie das gegebenenfalls: „Ich muss ebenso hart arbeiten wie die Kollegen, muss mich noch dazu unter lauter Männern durchsetzen und habe hier wegen der kurzen Dienstzeit noch keinen sicheren Stand. Wenn ich jetzt deren Tassen spüle, verlieren die jegliche Achtung vor mir. Morgen muss ich meine fachliche Meinung vor denen vertreten, das geht dann nicht.“ Machen Sie ihm gegenüber keine Grundsatzdiskussion daraus und sagen Sie nichts in der Richtung: „Ich sehe gar nicht ein, dass ich als Frau …“ Wenn er Sie konkret anspricht, hat er damit ohnehin schon einen Fehler gemacht (Diskriminierung), das weiß er selbst, sagen Sie es ihm nicht.

4. Und die eigentliche Lösung (wenn es meine Abteilung wäre): Der Leiter muss wissen, was vorgeht und das Konfliktpotenzial erkennen. Außerdem bekommt er keinen Kaffee mehr und seine Tasse bleibt dreckig. Also ordnet er an: Jeder spült seine Tasse selbst. Auch er. Und das funktioniert natürlich nur, wenn jede Tasse dem Benutzer zuzuordnen ist (Name oder Nummer darauf, so etwas gibt es). Erst dann wird jeder seinen Schandfleck wegräumen.

5. Die kleine Lösung für Sie, wenn Ihr Chef irgendwie nicht so denkt wie ich hier meine: Würden Sie keinen Kaffee trinken, zumindest für einige Monate, wären Sie erst einmal fein raus. Die anderen Damen kommen ja auch irgendwie anderweitig zurecht. Aber spülen Sie auf keinen Fall täglich dreißig Kaffeetassen – auch nicht in der Probezeit!

PS: Und der fremde Abteilungsleiter gerät noch in den Verdacht, ein Chauvinist zu sein, wenn er nicht aufpasst. Und das alles unter dem Dach eines Top-Konzerns.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1939
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-06-23

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