Heiko Mell

Benimm-Fragen

Nach einer Industriekarriere (Gesamtkonstruktionsleiter, Technischer Geschäftsführer) erhielt ich vor einigen Jahren den Ruf an den Lehrstuhl für …maschinen der Universität …, heute bin ich Dekan des Fachbereichs …

Sie hatten in einer der letzten Ausgaben Ihrer von mir so sehr geschätzten Karriereberatung (die ich tatsächlich stets als Erstes lese) Mutmaßungen angestellt, ob Sie demnächst Bewerbungsschreiben bekommen, die mit „Hallo Herr Mell“ beginnen.

Dies ist in meinem Umfeld längst Realität. Ich erhielt vor einigen Tagen eine E-Mail eines Studierenden (ich nenne ihn hier Joscha M.), beginnend mit „hallo Herr Lehmann“ und unterzeichnet mit „Gruß, Joscha“.

Was erwartet dieser junge Mensch, der ja etwas von mir will – nämlich eine Beratungsleistung -, wie ich antworte? „Hallo Joscha“? Mitnichten, sondern mit „Sehr geehrter Herr M.“.

Selbstverständlich kann man die Universität nicht mit dem Berufsleben vergleichen; aber ich frage mich, wo man dieses Wissen noch vermitteln soll, wenn nicht in der letzten Phase der Ausbildung? Aufgrund meiner langen Industrietätigkeit und in Kenntnis der Spielregeln habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, letztere so gut es eben geht weiterzugeben.

Ich beginne stets mit den einleitenden Worten: „Die Uni ist die letzte Gelegenheit, wo Sie relativ ungestraft noch Dinge tun können, die Ihnen später unter Umständen extrem zum Nachteil gereichen können.“ Dazu gehört auch der korrekte Gebrauch der Muttersprache; ich bin oft über die schriftlichen Ausarbeitungen selbst von Doktor-Ingenieuren, die ja zur Ausbildungselite gehören sollten, zutiefst erschüttert.

Insofern möchte ich Sie nachdrücklich in Ihrem Bemühen unterstützen und Sie herzlich bitten, hier nicht nachzulassen. Vielleicht sollte man dies hier und da noch um Hinweise auf die einfachsten Benimm-Regeln ergänzen, wo nach meiner Einschätzung auch erhebliche Defizite bestehen. So scheint es nicht mehr Allgemeingut zu sein, dass man beim Betreten des Büros eines Vorgesetzten nicht unaufgefordert Platz nimmt. Ich habe erlebt, dass der Besucher (ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, also Dipl.-Ing.) sich sogar aktiv einen Stuhl herangezogen hat. Dies habe ich dann wieder einleitend mit „Die Uni ist die letzte Gelegenheit …“ erläutert. In einem Unternehmen hätte der Mitarbeiter ab diesem Zeitpunkt einen Minuspunkt bei mir gehabt und sich gefragt, wieso er nicht mehr so recht vorankommt.

Antwort:

Und einen großen schwarzen Hund, von Studentinnen in die Vorlesung mitgebracht, hatten Sie noch nie? Ich schon. Und es wird dort gegessen, wann immer Bedarf (und Proviant) vorhanden ist, große Plastik-Wasserflaschen werden ungeniert zum Munde geführt und wer mag, trägt Mützen im Hörsaal (warum eigentlich?). Kürzlich saß ich bei einer größeren Universitätsveranstaltung auf dem Podium, wo man alles schön überblicken konnte. Mein Vorredner war ein namhafter (Gast-)Universitätsprofessor, Mitglied des Club of Rome, eine international renommierte Persönlichkeit. Und während seines brillanten Vortrags alle diese Erscheinungsbilder, von den ausgepackten Butterstullen bis hin zu den Mützen (aber, der Wahrheit zuliebe, diesmal allerdings kein großer schwarzer Hund). Mir war das, obwohl ich auch nur Gast war, richtiggehend peinlich. Aber alle anderen schienen daran gewöhnt zu sein.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich kritisiere diese inzwischen wohl zum Universitätsstandard gehörenden Erscheinungen nicht – es ist nicht meine berufliche Welt; bei meinen gelegentlichen Auftritten dort bin ich Gast und gehe anschließend wieder nach Hause. Aber:

1. Gast-Dozenten z. B. aus der Industrie sind „so etwas“ nicht gewohnt. In ihrer Welt packt niemand während einer Dienstveranstaltung sein privates Essen aus, trinkt aus 2 l-Flaschen oder trägt im Sitzungszimmer Kopfbedeckungen. Dort wäre das offene Missachtung, die der Ranghöhere als bewusste Provokation werten würde.

2. Auch daraus folgt: Wenn die Universität generell auf das Berufsleben vorbereiten soll, dann müssen die Absolventen einfach wissen, dass dies im Bereich „Benehmen/Umgangsformen“ nicht geschieht. Das ist eine Feststellung, keine Anklage. Man müsste diese Tatsache den Studenten jedoch engagiert vermitteln, damit sie über ihre eventuellen Defizite zumindest nachdenken.Immer wieder weise ich auf folgende Konstellation hin: Hochschulabsolventen beklagen sich oft bitter, dass „alle Welt“ den jungen Akademiker „mit erster Praxis“ sucht und dass bei entsprechend formulierten Anzeigen der frischgebackene Absolvent kaum eine Chance hat. Die Begründung dafür liegt auch(!) in dem Bereich, über den wir hier diskutieren. Kaum jemand mag der arme Vorgesetzte sein, der den Anfängern in der anspruchsvollen Welt der Praxis das „Laufen“ beibringt, ihnen zeigt, wie man sich dort bewegt, wie man miteinander umgeht, wie man sich benimmt, welche Formen des Respekts gegenüber Vorgesetzten erwartet werden usw.

Und da sind wir an einem Punkt, wo Professoren generell etwas tun könnten – was die späteren Vorgesetzten in der Praxis nicht tun mögen (obwohl sie könnten und dürften): Kritisieren Sie einfach emotionslos, wo Kritik angebracht ist. Ich gehe nach meinen Beobachtungen davon aus, dass junge Menschen überwiegend dankbar sind, wenn man eine „Straße“ für sie mit schlichten „Leitplanken“ versieht, die eine Fahrbahngrenze eindeutig anzeigen.

Nehmen wir Ihr Beispiel mit dem unaufgeforderten Hinsetzen im Zimmer eines Vorgesetzten. Dem späteren Chef in der Industrie fällt das garantiert unangenehm auf, aber es ist dort nicht üblich, das deutlich und erzieherisch wirksam auszusprechen. Also ärgert der Chef sich still, aber nachhaltig, über seinen Mitarbeiter, sagt aber nichts. Der Mitarbeiter denkt, es sei alles in Ordnung – und wundert sich, wenn er mit seinen Sachvorschlägen nicht durchkommt, wenn andere die interessanteren Projekte bekommen oder schneller befördert werden. Schließlich denkt er, sein Chef habe etwas gegen ihn und fühlt sich gemobbt. Der Vorgesetzte wiederum kann sich gar nicht vorstellen, dass dieses Mitarbeiterverhalten eventuell tatsächlich aus Unwissenheit resultiert und hält es für Missachtung oder Provokation („das muss der doch wissen“).

Warum Vorgesetzte in der Praxis mit klaren Worten so zurückhaltend sind, wenn es um derartige Belange geht, weiß ich auch nicht, es ist aber so (Gegenbeispiel: fachliche Leistungen, dort wird offener kritisiert).

Ich glaube tatsächlich, dass in dem eben angesprochenen Wissen der jungen Leute um bestimmte Formen der Schlüssel zum allseitigen Verständnis liegt. Die betrieblichen Vorgesetzten denken bei etwaigen Verstößen tatsächlich, der Mitarbeiter wisse, wie es korrekt wäre – und handele bewusst. Etwas anderes liegt häufig außerhalb ihrer Vorstellungskraft! Der Mitarbeiter jedoch dürfte oft dieses Wissen nicht haben. Vielleicht denkt er, dies sei „irgendwann früher“ üblich gewesen, aber doch heute nicht mehr – und provoziert nicht bewusst, sondern gedankenlos. Daher halte ich Ihr Beispiel, geehrter Einsender, für ganz besonders wichtig.Was man auch machen kann, was aber ganz eindeutig weniger gut ankommt bei Betroffenen, ist Sarkasmus: Sie schauen den Mann, wenn er sich gesetzt hat, lange vieldeutig an und sagen dann etwa: „Bitte holen Sie sich dort aus der Ecke einen Stuhl und setzen Sie sich.“ Wenn Sie Pech haben, erzählt der seinen Kommilitonen anschließend, Sie seien endgültig verkalkt und würden nicht einmal merken, dass er längst gesessen hätte.

Auch Ihrem „Joscha M.“ hätte vielleicht eine schriftliche Nachricht dieser Art geholfen: „Ich bitte um Verständnis, dass ich bei Bitten meiner Studenten ein Mindestmaß an Höflichkeit und Korrektheit voraussetze. Bei weitergehendem Interesse an meiner Hilfe empfehle ich ein erneutes Einreichen mit der üblichen Anrede ‚Sehr geehrter Herr Professor Lehmann“. PS: Ich bin absolut nicht nachtragend, probieren Sie es ruhig aus.“

Ob wir beide uns damit allgemein beliebt machen? Ich weiß es nicht. Wo Ihre diesbezüglichen Ansprüche liegen, müssen Sie selbst definieren. Ich lebe inzwischen mit dem Resultat, von sehr vielen Angestellten mit Berufserfahrung akzeptiert zu werden, während viele Studenten tatsächlich meinen, diese Rubrik hier sei eine Art Glosse, „so“ gehe es in der Praxis ganz sicher nicht zu. Geht es aber! Ein Verhalten wie das des Mannes mit dem Stuhl kann eine Karriere ruinieren, wenn man es beim richtigen Chef anwendet. Der wirft deshalb den Mitarbeiter nicht hinaus, findet aber Mittel und Wege, ihm zu zeigen, wie man auf einen groben Klotz einen groben Keil setzt.

Kurzantwort:

In der betrieblichen Praxis gelten oft deutlich höhere Ansprüche an Benehmen und Umgangsformen als Studenten das für möglich halten. Manche Gepflogenheiten an der Uni taugen absolut nicht als Maßstab oder Vorbild.

Frage-Nr.: 1935
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-05-26

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