Heiko Mell

Wenn das Aussehen nicht dem Lebensalter entspricht

Für Ihre Antworten ist das Alter des Fragestellers stets ein zentrales Kriterium. Sie beziehen sich dabei natürlich auf das aus dem Geburtsdatum resultierende Alter.

Nun kann das nach dem äußeren Anschein geschätzte Alter einer Person leicht um fünf oder mehr Jahre noch oben oder nach unten vom wirklichen Alter abweichen.

Ich selber werde zumeist deutlich jünger geschätzt als ich bin (38). Könnte das die Altersgrenze, bei der ich spätestens Personalverantwortung übernommen haben sollte (sofern ich darauf hinaus will) etwas nach oben verschieben?

Haben junge, reifer erscheinende Bewerber einen Vorteil, wenn es um die frühe Übernahme von Verantwortung geht? Haben ältere, wechselwillige Arbeitnehmer, die jünger erscheinen, einen Vorteil gegenüber Mitbewerbern?

Antwort:

Völlig zweifelsfrei gilt: Am einfachsten haben es Menschen, die äußerlich den von Lebenserfahrung geprägten Standarderwartungen entsprechen. Ein Fertigungsmeister von Anfang 40 soll am besten so aussehen wie ein Meister dieses Alters – und ein Vorstandsvorsitzer von Mitte 50 ebenso.

Nun zu den Feinheiten: In der Altersfrage müssen wir unterscheiden zwischen dem Eindruck nach reinem Aussehen auf der einen Seite (wenn also jemand irgendwo ruhig sitzt und weder spricht noch gestikuliert) und der Ausstrahlung der Persönlichkeit auf der anderen Seite (hier spielt die Art zu reden eine zentrale Rolle, aber auch Gestik und Haltung sind angesprochen).

Fassen wir hier zur Vereinfachung das reine Aussehen und die Ausstrahlung unter „Wirkung“ zusammen und stellen wir sie dem (rechnerischen) Lebensalter gegenüber. Dann kommen wir zu dieser Erkenntnis:Die Wirkung eines Menschen (wie alt wirkt er auf uns?) unterstützt Bedenken, die man wegen des Lebensalter ohnehin schon hatte, auf fatale Weise. Wer nach den Maßstäben der über ihn „zu Gericht sitzenden“ Entscheidungsträger ohnehin schon als „eigentlich noch zu jung“ gilt, dann zur Tür hereinkommt, etwas spricht und dabei wirkt wie „siebzehndreiviertel“, fällt schnell endgültig durch das Raster.

Das gilt eher noch stärker im anderen Fall: Wenn man sich entschlossen hat, einen Bewerber von 52 einzuladen und dieser dann noch wirkt wie 60, dann entscheidet man sich schnell negativ.

Umgekehrt ist es weniger eindeutig: Der „eigentlich noch zu junge“ Kandidat kann zwar durch eine Wirkung im Sinne von „reif“ gewinnen, bleibt aber letztlich „eigentlich noch zu jung“. Wenn er versagt, hat der Entscheidungsträger schlicht einen zu jungen Menschen auf den Stuhl gesetzt – wie der damals gewirkt hat, ist als „Ausrede“ kaum relevant. Ähnliches gilt für den „eigentlich zu alten“ Kandidaten, der jünger wirkt, auch.

Das folgt dem Prinzip: Gutes über andere will der Mensch bewiesen haben, Schlechtes glaubt er sofort. Und nur jünger oder älter zu wirken als man ist, geht nun einmal nicht als Beweis durch.

Zu Ihnen, geehrter Einsender: Nein, eine Altersgrenze, ab der bei weitergehenden Ambitionen erste hierarchische Erfolge erwartet werden, lässt sich nicht ernsthaft verschieben, weil Sie „jünger geschätzt“ werden als Sie sind.

Fest steht: Einen Grund zum Jubeln haben Menschen, bei denen Wirkung und Lebensalter stark differieren, generell nicht, höchstens insgesamt die Hoffnung auf Ausgleich: Wer mit 30 „jünger eingeschätzt“ wurde, wird das mit ein bisschen Glück auch noch mit 60 – und darf sich dann darüber freuen. Und wer mit 25 schon sehr viel „reifer“ wirkt, könnte mit Anfang 50 schon für 58 gehalten werden.

Abschließend will ich warnend darauf hinweisen: Nur älter oder jünger als dem Lebensalter entsprechend auszusehen, ist vergleichsweise harmlos – und wird schnell abgehakt. Aber von der persönlichen Ausstrahlung her nicht altersgerecht zu wirken, ist viel nachhaltiger, vor allem wenn es in die „falsche“ Richtung zielt.Bleibt die Frage, was man gegen eine nicht altersgerechte Wirkung der Persönlichkeit tun kann: im Kern wenig, aber immerhin ein bisschen. Mitunter hilft es, wenn man dem Affen nicht auch noch Zucker gibt:

Wer zu jung wirkt, lege seiner Bewerbung nicht auch noch ein „Jugendfoto“ von vor drei Jahren bei (wird sehr gern „genommen“). Wer eher zu alt wirkt, vermeide Übergewicht, den Anschein von Gemütlichkeit und Genusssucht im Vorstellungsgespräch. Man spiele mit Frisuren, Kleidung, Farben (schon bei der Fotogestaltung), probiere verschiedene Stufen des Lächelns. Wer ohnehin zu jugendlich wirkt, tilge die Wörter „cool“, „Spaß“ und „spannend“ aus dem Wortschatz. Wer eher älter eingeschätzt wird als er ohnehin schon ist, sei sportlich, PC-Freak und rede bei der Vorstellung seines Werdeganges nicht über „alte Zeiten“, die Begriffe „damals“ und „früher“ sind tabu. Als Warnung: „Beliebt“ sind Anfangsfünfziger, die mit Geschichten aus ihrer Lehrzeit aufwarten. Die dauerte etwa von 1969 bis 1972.

Mein heute in Ehren ergrauter Schnurrbart beispielsweise entstand aus der Erkenntnis, dass ich mit 26, 27 Jahren für einen Personalberater, der Vorstellungsgespräche nur mit Älteren führte (weil es jüngere Bewerber nicht gab), recht jung war. Da wollte ich wenigstens „reifer“ aussehen, daher der Versuch mit dem Bärtchen. Ihn heute abnehmen, um eventuell wieder jünger auszusehen? In meinem Alter sollte man darüber nur noch lächeln.

Kurzantwort:

Eine nicht zum Lebensalter passende Gesamtwirkung der Persönlichkeit kann ohnehin vorhandene Bedenken („zu jung“ oder „zu alt“) noch verstärken. Umgekehrt werden lebensaltersbedingte Bedenken nur wenig abgeschwächt.

Frage-Nr.: 1933
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-05-19

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