Heiko Mell

Smalltalk für (Jung-)Ingenieure

Ich (w.) studiere im 3. Semester Maschinenbau an der TU … Seit Beginn meines Studiums lese ich gern Ihre Antworten, die mir immer wieder die Wichtigkeit von Praxisnähe und der Entwicklung der von Ihnen oft genannten Eigenschaften und Fähigkeiten vor Augen führen. Nicht dass ich grundsätzlich davon nichts gewusst hätte, aber es tut doch seine Wirkung, wenn man auf bestimmte Dinge gelegentlich mit der Nase gestoßen wird.

Ich bewarb mich schließlich bei einem Förderungsprogramm für Studenten des XY-Konzerns und wurde zu meiner großen Freude aufgenommen. Auf die Mitteilung, dass ich mich ab jetzt zu den stolzen Mitgliedern des Förderprogramms zählen dürfe, die ich per E-Mail erhielt, folgte ein kurzer E-Mail-Wechsel mit der für das Recruiting zuständigen Dame, der mich (fast) vor Schwierigkeiten stellte: Ich konnte die Nachricht erst ein paar Tage später beantworten, da ich im Urlaub gewesen war.

Ich entschuldigte mich für meine verspätete Reaktion. In der Antwort, die ich daraufhin erhielt, wurde ich gefragt, ob ich denn verreist gewesen wäre, ob es mir gefallen hätte … Ich war doch sehr überrascht über so viel persönliches Interesse. Bis mir dämmerte, dass ich es wohl mit dem allseits beliebten und bekannten Smalltalk zu tun hatte – und dass ich dem ziemlich unsicher gegenüberstand. Es stellten sich mir einige Fragen, auf die ich nun hoffe, von Ihnen Antworten zu bekommen:

1. Will man auf Fragen wie oben überhaupt eine Antwort bekommen?

2. Wenn ja, welche Art von Antwort hätte man gern? Ich habe in zwei oder drei Sätzen wahrheitsgemäß geschrieben, wo ich war und dass es ein schöner Urlaub war. Ich habe mich gefragt, ob nun meinerseits die Frage angebracht wäre, ob meine Gesprächspartnerin denn schon einen erholsamen Urlaub gehabt hatte. Das habe ich dann aber gelassen, weil es mir eher für Personen auf gleicher Ebene passend schien. Stattdessen habe ich mich wieder zurück auf das eigentliche Terrain begeben und habe geschrieben, dass mein Mentor (der zu einem solchen Förderprogramm gehört) und ich eben dabei sind, einen Termin für ein Treffen zu vereinbaren.

3. Wie viel und was gibt man so allgemein von seinem Privatleben preis, um weder wie ein Einzelgänger und Geheimniskrämer, noch wie eine Plaudertasche zu wirken?

4. Wie lange darf ein Smalltalk dauern und wer sagt, dass jetzt – überspitzt formuliert – Schluss ist mit dem Gequatsche?

5. Was können Sie angehenden Ingenieuren sonst noch zum Thema Smalltalk mit auf den Weg geben (nicht dass ich befürchte, Sie würden Ihren Lesern irgend etwas von dem was Sie denken vorenthalten, aber ich möchte wirklich ausdrücklich alles wissen).

Antwort:

Für den ersten Teil der Klammer unter 5. hätten Sie einen Formulierungspreis für Einsender verdient. Ich hätte mich selbst nicht treffender charakterisieren können. Und dennoch klingt es nett, freundlich, regt nicht zu bissigen Kommentaren, sondern zum Schmunzeln an.

Ihr Thema hat viele Facetten:

a) In verschiedenen Wörterbüchern fand ich für Smalltalk (nach neuer Rechtschreibung ist das so richtig) Erklärungen wie „Geplauder, beiläufige Konversation“. Das trifft es sehr gut.

b) In einem Aufzug im Verwaltungshochhaus eines Konzerns fährt ein Vorstandsmitglied. Ein junger Angestellter steigt zu. Beide kennen sich nicht, aber der junge Mann weiß wenigstens, wer sein Mitfahrer ist. Der Vorstand will nett sein, außerdem hilft es immer, gelegentlich mit dem Volk zu plaudern: Man kann Stimmungen erfassen, das allgemeine Klima erspüren – und verschafft sich auf Dauer ein positives Image. Also fragt er (leutselig): „Na, wie lange sind Sie schon bei uns tätig?“ Der Angesprochene ist klug und antwortet höflich: „Seit zwei Jahren, Herr Müller.“ Müller freut sich, erkannt worden zu sein, zeigt das aber natürlich nicht. Sagt: „Arbeiten Sie gern bei uns, macht es Ihnen Spaß?“

Unterbrechen wir kurz den Dialog. Bisher ist „nichts passiert“, die Herren machen „beiläufige Konversation“.

Zurück zur letzten Frage des Vorstands. Der junge Mann hat jetzt mehrere Optionen:

– Er sagt: „O ja, die Arbeit macht mir viel Spaß, ich arbeite gern hier.“ Damit bleibt er im klassischen Rahmen des Geplauders, macht nichts(!) falsch, kann aber dem Vorstand nicht für längere Zeit im Gedächtnis bleiben – der hat ihn, dessen Namen er ohnehin nicht kennt, am nächsten Tag vergessen. Das ist der übliche Standard eines solchen Gesprächs. Schlecht: Der junge Mann gewinnt nichts. Gut: Er riskiert auch nichts.

– Der junge Mann fügt dann noch hinzu: „Ich hoffe sogar, dass ich im Laufe der Zeit Gelegenheit haben werde aufzusteigen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Ob es eines fernen Tages bis zum Vorstand reicht, ist natürlich noch völlig offen.“

Damit hat er den Rahmen gesprengt, der hier eigentlich gegeben war. Jetzt steht die Sache auf der Kippe. Der Vorstand kann amüsiert-positiv reagieren, beispielsweise sagen: „Na da haben Sie ja noch viel vor. Aus welcher Abteilung kommen Sie, würden Sie mir Ihren Namen verraten?“ Dann behält er zumindest das Gesicht einige Zeit in Erinnerung – und vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, den Kontakt irgendwann zu vertiefen.

Er kann aber auch zuklappen wie eine Auster und das Vorgehen bereits als unangemessen einstufen. Mit dieser Antwort geht der junge Mann also schon das Risiko ein, vom Gesprächspartner nicht mehr ernst genommen zu werden; dieser könnte beim nächsten zufälligen Kontakt sogar ablehnend reagieren. Aber da er den Namen und die Abteilung des jungen Mannes nicht kennt … (Ganz klar, ich hätte in jungen Jahren so gehandelt.)

– Der junge Mann antwortet wie eingangs auf die „Spaßfrage“, geht dann ungefragt auf den Vorstand zu, streckt seine Hand aus und sagt: „Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Schulze-Delitsch, Controlling der Holding.“ Das wird dem Vorstand zu viel sein, man ist ihm zu nah auf den Pelz gerückt. Er spürt die Absicht, hier um jeden Preis eine nützliche Verbindung zu knüpfen. „Das hat man davon, wenn man ein bisschen freundlich sein will“, wird er denken und nichts mehr sagen.

– Der junge Mann kontert die „Spaßfrage“ schlagfertig mit einem „Danke, durchaus. Und Sie? Arbeiten Sie auch gern hier?“

Aus, jetzt hat er endgültig die Grenzen zur Unverschämtheit überschritten. Vermutlich antwortet der Ranghöhere darauf gar nicht mehr.

c) Es ist in unserem Kulturkreis nicht üblich, sich bei gesellschaftlichen Anlässen, bei beruflichen Kontakten, bei Begegnungen mit Nachbarn oder Bekannten einfach anzuschweigen – oder sofort mit einem eventuellen Anliegen/Sachproblem ins Haus zu fallen.

Also plaudert man einige Minuten miteinander, fragt man nach dem Urlaub, lobt oder kritisiert das Wetter oder die Benzinpreise. Man eröffnet quasi den persönlichen Kontakt auf unverbindlicher Ebene („Eisbrecher“). Niemand fragt etwas Intimes, niemand antwortet provozierend.

Die „Kunst“ dieser beiläufigen Konversation wird im Beruf von einem ambitionierten Angestellten mit halbwegs guter Bildung erwartet! Stattdessen stumm herumzusitzen und das „Gequatsche“ zu sabotieren, ist ähnlich in seiner Wirkung wie das Zersäbeln eines Bratens mit dem Fischmesser oder das sonstige Verweigern üblicher Tischsitten.

d) Eigentlich und traditionell findet Smalltalk nur mündlich statt – im persönlichen Gespräch oder am Telefon. Es gibt ihn gegenüber Fremden praktisch nie in klassischen Briefen, von Halbsatz-Bemerkungen einmal abgesehen.

Der E-Mail-Kontakt ist eher eine Fortsetzung des Telefonats mit schriftlichen Mitteln als etwa eine reformierte Variante des klassischen Briefverkehrs. Die Leute, jedenfalls viele, mailen wie sie reden würden (was oft scheußlich ist und aussieht; ich möchte auch nicht ständig Niederschriften meiner mündlich dargebrachten Gesprächsbeiträge lesen).

Sie müssen sich Ihr Erlebnis also wie ein bloß niedergeschriebenes Telefonat vorstellen.

Völlig richtig gesehen haben Sie die Tatsache (siehe auch b), dass Rangunterschiede zu beachten sind – der Rangniedere ist auch hier nicht gleichberechtigt.

Man kann eine Begabung zum „Geplauder“ nicht erzwingen, aber man kann auch als Unbegabter- die Gepflogenheit tolerieren und akzeptieren, keinen Widerstand leisten, keinen Unwillen zeigen, sondern sich bemühen. Und man sollte eine eigene Unfähigkeit als Schwäche(!) begreifen;- die Geschichte üben. Gehen Sie schon als Student dahin, wo geplaudert wird: in die Ortsgruppe einer Partei, in den Vorstand der Pfadfinder oder des Tennisvereins, nehmen Sie – trotz Widerwillens – am gesellschaftlichen Leben Ihres Umfeldes teil;- sich darüber freuen, dass man in Deutschland lebt. In anderen Kulturkreisen gilt es als noch mehr unmöglich, zu früh auf das eigentliche Anliegen bei einem Gespräch zu kommen (außer bei Kriegserklärungen), ein sehr viel längeres einleitendes „Geplauder“ ist dort zwingend vorgeschrieben.

Nun zu Ihren Fragen:

Zu 1.: O ja, man will eine Antwort – aber keine konkrete. Niemand will wirklich wissen, wie Ihr Urlaub war, ob Sie bei der Anreise zum Gespräch Probleme hatten oder gar, wie es Ihrem Magengeschwür geht. Daher lautet die Regel: Je fremder der Frager, desto unverbindlicher – freundlicher – undetaillierter antwortet man. Und dann äußert man – bei Ranggleichen – die Hoffnung, auch der andere habe hoffentlich …, daraufhin kann der wieder etwas Unverbindliches sagen. Und dann greift man einen Begriff aus seiner Antwort auf und knüpft daran an („Wo Sie gerade “geflogen“ sagen – wir haben letztlich recht schlechte Erfahrungen mit Fluggesellschaften gemacht.“) Und dann wartet man, ob der andere darauf anspringt.

Aber das gilt für Gespräch + Telefon, bei E-Mails muss das schon wegen des Aufwandes knapper bleiben. Es gilt jedoch auch dort: Antwort ja, aber positiv, freundlich, unverbindlich. Keine Details, keine Romane.

Zu 2.: Ist bereits beantwortet. Wenn Sie sich über die Person Ihres Gesprächspartners nicht so recht im Klaren sind, fragen Sie ihn lieber nicht konkret. Antworten Sie beispielsweise auf die Frage: „Wie geht es Ihnen?“ ruhig freundlich-knapp: „Danke, gut“ und schließen Sie an: „Das hoffe ich von Ihnen auch.“ Das lässt Ihrem Partner mehr Spielraum als ein präzises: „Und wie geht es Ihnen?“

Aber: Wissen, wie es Ihnen geht, will eigentlich konkret niemand – und Sie wollen es von anderen auch nicht so genau hören.Ihre Reaktion war also insgesamt absolut in Ordnung.

Zu 3.: Gefragt ist die Fähigkeit, mit vielen Worten freundlich-aufgeschlossen „gar nichts“ zu sagen, jedenfalls nichts Konkretes.

Auf die Frage: „Wie war es im Urlaub?“ könnten Sie ja z. B. erschöpfend mit Ort, Wetter, Verpflegungslage und Gesamtkosten antworten. Bloß will das niemand wissen! Antworteten Sie so detailliert, würde man die Nase rümpfen.

Angebracht ist ein: „Oh, wir waren dieses Mal in Skandinavien, irgendwo an einem einsamen Fjord. Es hat uns sehr gut gefallen.“ Dann ist Ihr Gesprächspartner dran. Entweder springt er auf das Thema an oder erzählt von sich etwas. Stockt das Gespräch, können Sie nachschieben: „Bloß mit der Sprache dort hatten wir unsere Probleme.“ Oder mit den Benzinpreisen. Oder Sie haben eine Opernpremiere auf Norwegisch besucht.

Aber wirklich Vertrauliches gibt niemand preis.

„Könner“ beherrschen es, mit den Antworten Terrain abzustecken: „Leider mussten wir unsere Reitpferde zu Hause lassen, die haben wir doch sehr vermisst.“ Solche Leute gibt es immer.

Zu 4.: Zeitgrenzen gibt es nicht. Beim Abendessen im größeren Kreis kann das über Stunden gehen, bei geschäftlichen Besprechungen kommt entweder der Ranghöchste oder ein engagierter anderer Anwesender so nach einigen Minuten zum eigentlichen „Thema“.

Es ist möglich, dass zwei „Naturtalente“ aneinandergeraten, die nach zwei Stunden immer noch plaudern. So lange Sie jung sind – achten Sie auf die älteren (oder ranghöheren) Teilnehmer. Wenn die sich immer noch prächtig unterhalten, müssen Sie sich keine Gedanken machen. Erste kurze Gesprächspausen signalisieren, dass der Bedarf an Geplauder nun erschöpft ist.

„Tödlich“ ist es, die Bereitschaft der anderen überzustrapazieren und weiter zu „schwätzen“, wenn die schon genug haben und – z. B. bei beruflichen Gesprächen – „zur Sache“ kommen möchten.

Zu 5.: Ich habe Ihnen nichts vorenthalten, was ich wusste.

Kurzantwort:

Smalltalk ist eine Kulturtechnik. Wer diese Kunst nicht beherrscht (es nicht zu wollen, ist arrogant) hat also ein Defizit. Wer das einsieht, hat nur noch ein kleines.

Frage-Nr.: 1889
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-10-21

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