Heiko Mell

Testen Chefs, ob ich treu zur Fahne stehe?

Ich bin in der zweiten Anstellung tätig, zunächst in einem mittelständischen Betrieb, jetzt in einer höherwertigen Position in einer AG.

Beide Unternehmen könnten kaum unterschiedlicher sein. Trotzdem fiel mir etwas auf: Während der ersten Wochen beider Arbeitsverhältnisse erhielt ich auffällig viele telefonische Anfragen von Personalberatungen, ob ich mir „einen Wechsel vorstellen“ könne. Natürlich habe ich immer entschieden verneint.

Es folgten keine weiteren Anrufe dieser Art.

Nun meine Frage: Ist es üblich, dass Arbeitgeber externe Büros mit solchen Nachfragen beauftragen, um die Loyalität neuer Mitarbeiter zu überprüfen oder waren diese Häufungen nur Zufall?

Antwort:

Unmöglich ist gar nichts, offensichtlich nicht einmal der Einsatz ehrbarer Schornsteinfeger im Staatseinsatz für das Anbringen von Wanzen im Zuge „großer Lauschangriffe“, wie ich aktuellen Nachrichten entnehme. Aber üblich ist so etwas absolut nicht! Mir ist in meiner langjährigen Berufstätigkeit kein Fall bekannt geworden, nie wurde z. B. auch nur das Ansinnen an mich herangetragen.

Ihre „Häufung“ ist entweder Zufall oder beruht auf folgendem Effekt: Viele Headhunter hören in bestimmten Betrieben „das Gras wachsen“. Und sie leben davon, Namen und Qualifikationen in ihren Dateien zu haben. Und wenn ein neuer Mitarbeiter eingestellt wurde, klopft man den einmal vorsorglich ab. Teils, um für die Zukunft zu wissen, ob der bei späteren konkreten Aufträgen in Frage kommt.

Teils aber auch aus folgendem Grund: Wer zehn Jahre irgendwo dabei ist, kann vom Chef als „schlecht + schwach“ eingestuft werden, kann unfähig, verbraucht sein, längst auf der „Abschussliste“ stehen etc. Wer aber gerade angefangen hat, ist kürzlich erst umfassend analysiert und getestet worden – und hat gegen starke Mitbewerber das Rennen gewonnen, er ist also ein grundsätzlich interessanter Kandidat. Außerdem sind manche der neuen Mitarbeiter vom neuen Job und/oder Arbeitgeber enttäuscht – „so“ hatten sie sich das nicht vorgestellt. Also sind sie „ansprechbar“. Und sie sind umzugsbereit, aber in der Regel noch nicht umgezogen. Ihr Lebenslauf bis „gestern“ entspricht offenbar den Anforderungen des Arbeitsmarktes – was also will das Headhunterherz mehr?

Als Beispiel: Sie suchen einen leistungsstarken Marathonläufer. Sie erfahren: „Müller läuft seit 10 Jahren Marathon.“ Ihre Reaktion: „Na und? Das allein beweist noch nichts. Ich will keinen Läufer, ich will einen Top-Mann.“ Sie erfahren dann: „Schulze ist gestern süddeutscher Marathon-Meister geworden.“ Ihre Reaktion: „Her mit dem Burschen.“

Kurzantwort:

Arbeitgeber benutzen grundsätzlich keinePersonalberater, um neue Mitarbeiter unter dem Deckmantel interessanterAngebote auf ihre Loyalität hin zu testen.

Frage-Nr.: 1773
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-07-24

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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