Heiko Mell

Mein Chef nimmt mich nicht ernst

Ich (weibl.) habe mein Studium zum Dipl.-Ing. (FH) nach sechs Semestern mit der Note 1 abgeschlossen und hatte das Glück, in einem der größten international tätigen …-Konzerne beginnen zu können. Dort bin ich im Bereich … tätig.

Mein Chef ist selbst gerade erst vor einigen Monaten auf seinen Posten gekommen; nach meinen Informationen war er vorher in einer anspruchsvollen Stabsfunktion ohne Personalführung tätig.

1. Leider habe ich den Eindruck, dass er mir nicht alle nötigen Informationen zukommen lässt. Das führt z. B. dazu, dass ich erst in Besprechungen von wichtigen Dingen – Projekte betreffend – erfahre und dort nicht mitreden kann. Das wiederum gibt mir das Gefühl, die anderen Teilnehmer denken: „Die sagt nichts, also hat sie keine Ahnung von der Materie.“

2. Wenn ich Vorschläge oder sonstige Aussagen fachlicher Natur ihm gegenüber mache, habe ich den Eindruck, dass er mich dabei nicht für voll nimmt und meine Aussagen abtut (ich bin eine eher zierliche Person und sehe deutlich jünger als Ende 20 aus).

3. Er stellt sich sehr in den Vordergrund und reißt alles an sich, so dass ich weniger Aufgaben übernehmen kann als ich gerne würde/könnte, um mich zu beweisen. Das frustet mich.

Wie kann ich ihm „rüberbringen“, dass der Informationsfluss seinerseits nicht stimmt? Wie kann ich mich selber profilieren und dafür sorgen, dass man mich ernst nimmt, ohne wie ein überehrgeiziger Heißsporn zu wirken?

Ich weiß, dass ich gerne alles 100 %ig mache und durchaus ehrgeizig bin. Mir ist klar, dass ich nach rund drei Monaten noch nicht viel erwarten darf. Ich mache mir trotzdem Sorgen, dass meine berufliche Entwicklung vor allem wegen 3. leiden könnte.

Antwort:

Nun, zu 3. habe ich eine gute Nachricht: Es „frustet“ Sie nicht, es frustriert Sie höchstens. Neulich schrieb mir ein Hochschullehrer so nett, er sei schon älter und fände meine Sprache gerade wegen der Spitzen dieser Art besonders reizvoll. Wäre er aber jünger, so führte er aus, dann würde er so etwas jedoch als arrogant empfinden. Wer also noch jünger ist, warte einfach.

Zur Sache – und auch schön geordnet:

a) Ich mag Einser-Kandidaten, wirklich. Aber wenn sie nicht aufpassen, dann nerven sie ihre Mitmenschen allzu leicht. Wie bekommt man eine 1? Der Professor fragt (mündlich oder in der Klausur) und der Kandidat weiß alles und sprudelt los. Nur keine Hemmungen, es wird ja garantiert belohnt. Und der Professor will diesen Effekt und er hat auch keine Angst, vom Studenten in den Schatten gestellt zu werden – und alles ist gut. Später im Leben ist das dann nicht mehr so, Sie merken es gerade.

b) Ich wage einmal die Behauptung, dass das Leistungspotenzial von FH-Absolventen, die mit 1 abschließen, im Studium nicht vollständig ausgeschöpft wurde. Das wäre nicht so schlimm, würden sich die Betroffenen schlicht über die nicht geforderten Kapazitätsreserven freuen und Ruhe geben. Allein, sie tun es nach meiner Erfahrung nicht und neigen irgendwie in besonders hohem Maße dazu, in der beruflichen Praxis unglücklich zu werden. Wer betroffen ist, kalkuliere diese Gefahr rechtzeitig ein (und erwäge beispielsweise, ggf. noch ein anspruchsvolleres Studium, das an manchen Universitäten gezielt angeboten wird, nachzuschieben). Ich weiß um die Brisanz dieses Vorschlags. Aber ich war auch einmal jung, hatte mit 21 mein Studium (heute wäre das eine FH, es ist inzwischen sogar eine) als Jahrgangsbester abgeschlossen, und Sie sehen ja, was dabei herauskommen kann. Ich danke hiermit öffentlich allen Chefs und Kollegen in einem namhaften deutschen Konzern, die mich damals ertragen haben. Der Konzern allerdings hat diesen Schlag nie verwunden – oder war es dann doch mein späterer Weggang, der ihn ruinierte?

c) Sie, geehrte Einsenderin, und Ihr Chef sind das, was man ein „Traumpaar“ nennt: Sie und er üben gleichzeitig – Sie im Beruf überhaupt und er als Chef. Da dürfen Sie keine perfekte Führungsleistung erwarten! Natürlich sucht er noch seinen Stil, noch fehlt ihm die nur aus Erfolgen kommende Souveränität. Insgeheim ist er genau so unsicher wie Sie, denkt an seine Profilierung als frischgebackener Vorgesetzter und kann Ihnen auf Monate hinaus nicht geben, wonach Sie lechzen: Freiraum und Anerkennung. Da Sie die Schwächere sind: Halten Sie sich zurück, bremsen Sie Ihren (Profilierungs-)Ehrgeiz und lassen Sie ihm Zeit zu reifen. Und natürlich müssen Können und Erwartungen auch bei Ihnen noch reifen.

d) Aus den Detaildaten, die Sie mir übermittelt haben, die ich aber bewusst nicht abdrucke, geht hervor: Er hat Sie nicht eingestellt, hat seinen Job erst nach Ihnen angetreten. Also hat er Sie auch nicht aktiv haben wollen. Das ist gefährlich (für Sie)! Ihr Chef muss Sie vorrangig gut leiden können – nicht vorrangig von Ihrer Brillanz in Fachfragen beeindruckt sein.

e) Es ist nicht Ihre Aufgabe, vor anderen Teilnehmern in Besprechungen zu glänzen! Zunächst gilt es, Ihren Chef zufrieden zu stellen – im Rahmen seiner individuellen Zielsetzungen und Erwartungen. Lesen Sie auch a! Dies ist ein anderes „Spiel“! Hier kann zurückhaltendes Schweigen als klug gelten, wenn man es richtig verpackt.

f) Niemand nimmt einen Berufsanfänger besonders ernst. Der lernt ja noch. Interesse zeigen, Eifer demonstrieren bei den vom Chef gestellten Aufgaben (und nicht bei der Lösung selbst definierter Probleme), nicht zu „schlau“ sein wollen und lernen, lernen, lernen ist angesagt. Ach ja: Nur weil Ihr Chef noch so unerfahren ist, zeigt(!) er, dass er Sie noch nicht als fachlichen Partner begreift. Denken würde auch ein erfahrener Chef so (nicht wegen Ihrer Größe, aber wegen Ihrer noch fehlenden Praxis).

g) Sie wollen die Welt verändern. Gut. Aber warten Sie bis morgen damit. Nein, das ist nicht demotivierend gemeint. Aber ich habe über 35 Jahre Praxis, da wird man ruhiger.

h) (In Klammern: Die Ursache liegt bei Ihnen, vielleicht hilft Ihnen das. Wer hat denn ein Studium gewählt, das seine Fähigkeiten offenbar nicht völlig ausschöpfte?)

Kurzantwort:

Niemand nimmt einen Anfänger besonders ernst. In der Liebe nicht, im Tennis nicht, an der Universität nicht, im Straßenverkehr nicht – und im Berufsleben auch nicht. Es ist empfehlenswert, dass der Anfänger selbst sich dieser Einstellung ein wenig öffnet.

Frage-Nr.: 1770
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-07-10

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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