Heiko Mell

Mein Arbeitgeber enthält mir vertragliche Zusagen vor

Ich bin Ende 30, Dipl.-Ing., und war zunächst neun Jahre problemlos für einen großen deutschen Konzern tätig. Dann wechselte ich zu einer Tochter dieses Konzerns, die in einem ziemlich weit entfernten Land angesiedelt war, dort hatte ich Personalverantwortung.

Aus persönlichen Gründen musste ich dieses Engagement nach gut einem Jahr vorzeitig abbrechen, da meine Freundin mit Land und Leuten nicht klar kam. Ich habe dann das Angebot meines zukünftigen Schwiegervaters angenommen, als sein Assistent in seine Firma einzusteigen, mit der Aussicht, den kleineren Familienbetrieb in einigen Jahren übernehmen zu können.

Wegen Trennung von meiner Frau und Diskrepanzen mit meiner Schwiegermutter musste ich mich nach 1,5 Jahren (leider) nach einer neuen Herausforderung umsehen.In dem neuen Unternehmen bin ich seit etwa einem Jahr tätig. Als Projektmanager berichte ich direkt der Unternehmensleitung. Es ist ein sehr innovatives Unternehmen mit sehr guten eigenen Produkten und einem einzigartigen Produktkonzept. Die Firma ist im letzten Jahr enorm gewachsen.

Mit gefällt es dort sehr gut und auch mein aktueller Job ist sehr gut (hohe Verantwortung, großer Freiraum, tolle Umgebung, gutes Arbeitsklima, offene Kommunikation, guter Informationsaustausch). Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Chef, zu seinen Kollegen und zu den anderen Führungskräften, „die Chemie“ stimmt, das „Netzwerk“ funktioniert und wird beidseitig gehegt und gepflegt!

Ich möchte auf alle Fälle in dieser Firma bleiben und nicht wechseln!

Aktuell beziehe ich ein Einkommen von … und fahre einen Dienstwagen vom Typ … Laut Arbeitsvertrag hätte ich nach erfolgreichem Ablauf der Probezeit Anspruch auf eine Gehaltserhöhung um knapp 10 %, des weiteren steht mir ab diesem Termin ein Dienstwagen der nächsthöheren Typklasse zu. Das erfolgreiche Bestehen der Probezeit wurde mir schriftlich bestätigt. Nun ist jedoch die Auftragslage schlecht, es gab bereits Entlassungen.

Ich wurde vorsichtig von meinem Chef auf die vereinbarte Gehaltserhöhung und den Austausch des Autos angesprochen. Dabei habe ich zum Ausdruck gebracht, dass ich in dieser schlechten Lage zurückstecke und erst einmal auf beides verzichte. Ich habe aber leider keine neuen Termine und Details zu den Verbesserungen vereinbart oder gefordert. Mein Entgegenkommen kam gut an; ich bekam ein Schreiben, in dem man sich für meine Loyalität bedankt und feststellt, dass ich auf mehr Geld und größeres Auto zunächst verzichte. Das Thema werde etwa in einem halben Jahr noch einmal aufgegriffen; man hoffe, dass sich die Lage der Firma bis dahin gebessert habe.

Inzwischen hat uns die Unternehmensleitung über einen deutlich höher als erwartet liegenden Verlust informiert, es müsse an allen Ecken und Enden gespart werden.

Meine Wünsche, mein Anliegen:

1. Ich möchte das bessere Auto und das höhere Gehalt, die mir zustehen, für die Leistung, die ich erbringe.

2. Ich weiß, was ich leiste und was sich verbessert hat, seit ich da bin (folgt eine Aufzählung dazu, d. Autor).

3. Ich sehe die Probleme meines Werdeganges mit den kurzen Dienstzeiten aus unterschiedlichen, teils aus privaten Gründen.

4. Was ist Ihre Meinung?

Ich denke, ich bin zu ungeduldig. Ich habe ein Auto, das „fährt“ und mir eigentlich ausreicht. Das größere Auto wäre eine reine Prestige-Sache. Außerdem gibt es Leute, die weniger Geld verdienen. Sind meine Ansprüche zu hoch? Soll ich mich schon prophylaktisch bewerben oder meine Ansprüche wegen der Rezession erst einmal auf Eis legen? Wie lange? Wie kann ich mich absichern, dass ich dann sicher meine Ansprüche durchsetze, wenn es der Firma besser geht? Wie gehe ich diplomatisch am besten vor?

Antwort:

Was mache ich nur mit Ihnen?

Nun, ich habe eine Idee: Ich nutze Ihren Fall als schlechtes Beispiel, das hoffentlich andere abschreckt. Wenn das nicht ausreicht, kann ich immer noch mit Ihrer Schwiegermutter sympathisieren …

Viele Leser werden zunächst gar nicht verstehen, was die Aufregung soll: Der Mann hat doch vollständig Recht. Das hat er auch – aber das ist nur ein eher unbedeutender Seitenaspekt der Geschichte. Wie fast immer!

Das Problem besteht aus zwei Teilen:

a) Da ist ein Angestellter, dessen Werdegang nach einer längeren Tätigkeit bei einem Unternehmen so aussieht:

– Abbruch einer Auslandsentsendung aus privaten Gründen nach zu kurzer Dienstzeit vor Ort. Weggang aus privaten Gründen.

– Im Chaos geendetes berufliches Engagement beim Schweigervater nach viel zu kurzer Dienstzeit (den Krach mit der Schwiegermutter wollen wir nicht strafverschärfend werten), Weggang aus privaten Gründen.

– Nachfolgende Tätigkeit im heutigen Unternehmen überhaupt, aber insbesondere bei der „Vorgeschichte“, diskussionslos zu kurz, um schon wieder wechseln zu dürfen.

Wenn dieser Angestellte dann auf kleine(!) Schwierigkeiten beim heutigen Arbeitgeber stößt, was würden Sie, liebe Leser, ihm raten? Er solle vorsichtshalber kleine Brötchen backen? Das sehe ich absolut genau so.

b) Was ist ein Vertrag? Oh nein, hier kommt jetzt keine juristische Definition, das ist nicht mein Gebiet. Aber nehmen wir einmal „die schriftliche, auf die Zukunft gerichtete Vereinbarung zwischen einem Unternehmen und einem Mitarbeiter“ an. Was bedeutet dieser Vertrag in letzter Konsequenz? Ich behaupte, er ist im Prinzip eine Absichtserklärung. Diese ist beidseitig im Moment der Unterschrift durchaus ehrlich gemeint (meistens), aber können beide Seiten wirklich „Häuser darauf bauen“? Sie können nicht!

Beginnen wir mit dem Arbeitgeber: Kann der sich darauf verlassen, dass dieser Angestellte die umrissene und zu erwartende Leistung etwa sechs oder vierundzwanzig Monate später auch oder noch erbringt? Er kann nicht! Der Angestellte kann fachlich versagen, seine Persönlichkeitsmerkmale können nicht ausreichen, um den Job auszufüllen, er kann einen Unfall haben und lange ausfallen, er kann sterben und ganz ausfallen, seine Freundin kann Ärger machen und/oder die Schwiegermutter kann Ursache sein, dass er dort wegziehen muss. Oder er ist dann längst im Erziehungsurlaub. Das alles steht nicht im Vertrag, ist aber ein hinzunehmendes Risiko, wenn ein Chef jemanden einstellt: Der Arbeitnehmer hatte „damals“ die Absicht, in sechs Monaten noch da zu sein und die Leistung zu erbringen. Mehr aber war nicht!

Und nun der Arbeitnehmer: Kann der sich darauf verlassen, dass ihm das Unternehmen in zwölf Monaten noch das vereinbarte Gehalt zahlt oder den vereinbarten Wagen stellt? Er kann ebenfalls nicht! Die Firma wird vielleicht zahlungsunfähig, geht nach einer gewaltigen Explosion in Rauch auf, stellt diesen Produktbereich ein oder hört zu existieren auf. Es kann ein Krieg stattfinden oder eine Seuche rafft das Management dahin.

Eigentlich steht in jedem Vertrag neben dem lesbaren Text immer: Wir wollen eigentlich schon, vorausgesetzt, es ist uns dann noch möglich. Nun gibt es ein Arbeitsrecht, ein BGB und begleitende Rechtsprechung, die vieles im Detail regeln. Aber sicher sein, dass – gute Leistungen Ihrerseits und keine sonstigen Fehler vorausgesetzt – Müller & Sohn Ihnen in zwei Jahren noch Ihr Gehalt zahlt, können Sie nicht. Dass die Firma dann ein größeres Auto als jetzt stellt, schon gar nicht.

So, und wenn nun ein Unternehmen große Verluste macht, extrem stark sparen muss und um seine „nackte Existenz“ kämpft, wenn jeder Euro an zusätzlichen Ausgaben das Ende näher bringt und die Eigner, Kapitalgeber oder Banken(!) mit Argusaugen den extremen Sparkurs überwachen – dann ist der ursprünglichen vertraglichen Vereinbarung erst einmal der Boden entzogen. In einer solchen Situation, gerade in diesen Tagen, verzichten in vielen Unternehmen die Mitarbeiter freiwillig auf einen Teil des laufenden Gehalts, um die Firma und damit ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Weil es gilt, vernünftig zu operieren und nicht, Rechtsansprüche gegen einen todkranken Vertragspartner durchzusetzen.

Wenn man dann noch wegen eines arg „belasteten“ Lebenslaufs kleine Brötchen backen sollte – dann überschreitet man in den Augen vieler Menschen mit dem ständigen Gedanken an einen größeren Wagen eine Verständnisgrenze. Ein Arbeitsverhältnis ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Die Firma gibt Ihnen lt. Ihrer Aussage ein tolles Umfeld, Arbeitsfreude u. ä. an jedem Tag. Nun schenken Sie ihr dafür Ihren „Anspruch“ auf den nächstgrößeren Dienstwagentyp für eine gewisse Zeit. Ohne kleinlich über Fristen und neue Vertragsformulierungen nachzusinnen.

Ach ja, wäre ich Freud, wäre mir aufgefallen: Unter 4. Ihrer Frage haben Sie im Original gar nicht „ungeduldig“ geschrieben, sondern „ungeldig“. Ob das etwas zu bedeuten hat?

Kurzantwort:

1. Es hat keinen Sinn, während einer Anstellung zu jedem Zeitpunkt um jeden Preis jeden Anspruch aus dem Arbeitsvertrag auch durchsetzen zu wollen. Vor allem nicht, wenn man dort unbedingt weiter bleiben will.

2. Im Grunde sind in Verträgen stehende Versprechungen, die zu einem späteren Zeitpunkt eingelöst werden sollen, nicht viel mehr als gut gemeinte Absichtserklärungen (das ist eine pragmatische, keine juristische Betrachtung).

Frage-Nr.: 1762
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-06-05

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