Heiko Mell

Bis 23 Uhr in Kneipen?

An meinem neuen Arbeitsplatz wird es erwartet, mehrmals wöchentlich bis spät abends an informellen Partys etc. teilzunehmen.

Ich bin zur Arbeit im Büro jederzeit gerne bereit, auch wenn es Abend ist und ich die im Arbeitsvertrag vereinbarte Arbeitszeit schon lange erfüllt habe. Meine Arbeitszeit gilt betriebsintern als hoch, was aber unter den Kollegen eher Missgunst und Konkurrenzdenken auslöst. Bis 23 Uhr oder noch länger in Kneipen zu sitzen ist mir dagegen einfach zu viel. Ich brauche abends Ruhe und Zeit für mich selbst. Außerdem brauche ich meinen Schlaf, um am nächsten Tag leistungsfähig zu sein.

Hinzu kommt, dass ich mittags nie etwas esse. Es wird aber teilweise wohl erwartet, dass ich mit den Kollegen am Mittagessen teilnehme. Wissen Sie einen Weg, wie ich meine Bedürfnisse realisieren kann, ohne als abgehoben oder ungesellig zu gelten?

Antwort:

Ich höre stets gern Geschichten, die ich so noch nicht kannte. Wie diese. Leider sagen Sie so gar nichts über Art und Branche der Firma sowie Nationalität der Unternehmenseigner. Das wäre auch für die anderen Leser interessant gewesen, hätten sie doch Orientierungshilfe bekommen, einen bestimmten Arbeitgebertyp zu meiden – oder gegebenenfalls auch zu suchen. Wer weiß.

Nun aber der Reihe nach:

1. Üblich ist die allabendliche Kneipentour für Mitarbeiter in diesem Lande in dieser Form nicht, es dürfte sich um eine absolute Ausnahmeerscheinung handeln. Entweder gehört Ihr Arbeitgeber zu einer hochspeziellen, für Ingenieure & Co. eher ungewöhnlichen Branche oder er wird geprägt durch die Gepflogenheiten eines fernen Landes, dessen Vertreter hier ohne großes Nachdenken ihre spezifischen Gewohnheiten übertragen haben (was als höchst umstrittene Methode gilt, aber das ist nicht unser Thema).

Als Trost für lesende Studenten oder Berufsanfänger: Sie brauchen nicht zu befürchten, dass die in Deutschland arbeitenden Ingenieure abends reihenweise in die Kneipen getrieben werden – der Feierabend, ob spät oder früh begonnen, gehört dem Mitarbeiter. Gesellige Zusammenkünfte regelmäßiger Art sind eher die Ausnahme, schon einmal pro Monat wäre recht viel, das gälte aber noch als akzeptabel.

2. Lassen wir den Spezialaspekt „Kneipe/Party/mehrmals wöchentlich“ erst einmal beiseite. In Sachen „meine tägliche Arbeitszeit ist so lang, dass die Kollegen schon murren“ und „ich gehe bewusst nicht zum Mittagessen“ haben Sie, geehrter Einsender, ziemlich schlechte Karten:

In jedem (neuen) Unternehmen gibt es Standards für das, was man als Mitarbeiter so macht. Insbesondere der „Neue“ ist gehalten, sich zunächst einmal in der Bandbreite des dort Üblichen zu bewegen. Und nicht durch Abweichungen unnötig aufzufallen – bevor er sich nicht durch unübersehbare Leistungen oder durch eine eindrucksvoll lange Dienstzeit einen speziellen Platz in der innerbetrieblichen Hackordnung gesichert hat.

Konkret: Abends länger (als die vorgeschriebene Zeit) zu bleiben, gefällt Chefs. Ich kenne keinen, dem das nicht imponiert. Abends stets länger zu bleiben als die übrigen ranggleichen Mitarbeiter, missfällt jedoch häufig den Kollegen („Streber“, „schleimt sich ein“, „will wohl mit Gewalt Karriere machen“). Chefs nun mögen es auch nicht, wenn der neue Mitarbeiter erkennbar auf Ablehnung durch die Kollegen stößt. Ihr Urteil: „Der passt sich nicht an, fügt sich nicht ein, wird von den anderen nicht akzeptiert“ – das finden sie höchst bedenklich. Die Ursachen interessieren sie praktisch nicht! Die Tatsache, dass der Neue zum Wohle des Unternehmens länger arbeitet, ist keine Entlastung, er soll sich bitte harmonisch ins kollegiale Umfeld (Team) einfügen.

Die Geschichte mit dem Mittagessen ist nicht ganz so tragisch. Ist der Ruf aber durch überproportionale Mehrarbeit erst einmal angekratzt, addieren sich „Außenseiter“-Vorbehalte auch aus dieser Quelle schnell hinzu.

Also lautet mein ernsthafter Rat: Die Kollegen sollen Sie nicht lieben und verehren, sie sollen Sie auch nicht zum Vertrauensmann o. ä. wählen. Aber sie sollen Sie akzeptieren und möglichst auch – in Grenzen – respektieren. Sonst haben Sie in Kürze „unten“ (bei diesen Kollegen) Ärger und fallen deswegen auch noch „oben“ unangenehm auf. Das kann Sie im Extremfall Ihre Bewährung in der Probezeit kosten.

Kürzer: Wer sich nicht ins Team fügt, ist bald draußen. Also: Arbeiten Sie nicht ständig abends länger als alle anderen, gehen Sie meist mit den letzten Kollegen, aber nicht regelmäßig als Letzter.

Und Ihr Essen: Der Himmel schütze uns vor Dogmatikern. „Alle“ Menschen essen morgens, mittags und abends. Das ist normal im Sinne von üblich, entspricht unserem Verdauungsapparat und unserem Standard-Sozialverhalten. Nun ist es natürlich Ihr gutes Recht, ausgerechnet die übliche Hauptmahlzeit nicht einzunehmen. Aber machen Sie sich auch hier nicht zum Außenseiter! Wenn die alle gehen, gehen Sie halt mit. Man stirbt nicht an der Einnahme eines kleinen mittäglichen Imbisses. Ich schwöre es. Gehen Sie also mit den anderen (wenn die Wert darauf legen), essen Sie halt einen kleinen Salat oder ein Süppchen. Niemand wird Ihnen vorschreiben, täglich Eisbein mit Sauerkraut hinunterzuwürgen.

3. Nun zum bisher ausgesparten Kneipengang mehrmals die Woche: Das ist nicht mehr normal im Sinne von üblich, muss in dieser Häufigkeit Ihnen nicht gefallen und würde auch eine robuste Natur wie mich total abschrecken. Niemand darf so etwas verlangen, weder Chefs noch Kollegen. Das würde ja bedeuten, dass die Firma ihre Angestellten mit Haut und Haaren frisst.

Uneingeschränkt gilt: Jede Art von Druck in dieser Hinsicht, ob von oben oder von den Kollegen, ist abzulehnen, hier muss jeder frei bleiben, ohne Nachteil für sich selbst entscheiden zu können.

Aber es sind Fälle denkbar, in denen Chefs oder Kollegen diese uneingeschränkt zu fordernde Toleranz nicht aufbringen.

4. Zusammenfassend gilt: Geben Sie in Teilbereichen nach, passen Sie sich in Sachen Überstundengestaltung und Mittagessen an. In Sachen „Kneipe mehrmals die Woche“ scheint mir das nicht möglich und auch nicht zumutbar zu sein. Wenn da weiter Druck auf Sie ausgeübt wird – sind Sie schlicht im falschen Unternehmen. Und dann müssen Sie halt genau diesen Umstand korrigieren. Auch deshalb braucht man stets einen Werdegang, der einen solchen „Notbremse“-Wechsel erlaubt.

Und wenn unter den Lesern jemand ist, dem die entsprechende Erfahrung noch fehlt, dann sei er versichert: An „so etwas“ können Karrieren oder auch Fach-Laufbahnen scheitern – völlig unabhängig vom Fachwissen und – können. Gerade Naturwissenschaftler und Techniker hören im Studium viel zu wenig darüber.

Kurzantwort:

Von einem neuen Mitarbeiter wird erwartet, dass er nicht nur „oben“ durch gute Leistungen überzeugt, sondern sich zusätzlich auf kollegialer Ebene einfügt. Dazu gehört auch, sich im Rahmen des Zumutbaren(!) den Gepflogenheiten und Ritualen anzupassen. Denn: Gruppen neigen dazu, Außenseiter auszugrenzen – zu deren Nachteil.

Frage-Nr.: 1737
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-03-06

Top Stellenangebote

BASF Coatings GmbH-Firmenlogo
BASF Coatings GmbH Projektingenieur_in Elektrotechnik / Automatisierungstechnik (m/w/d) Münster
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Versorgungstechniker (m/w/d) TGA Kempten
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Elektrotechniker (m/w/d) Kempten
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A.-Firmenlogo
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A. Ingenieure / Techniker (m/w/d) für die Gewerke HVAC/S und medizinische Gase, im Geschäftsbereich Krankenhausprojekte Niederanven (Luxemburg)
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A.-Firmenlogo
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A. Ingenieur (m/w/d) Energie & Gebäudephysik Niederanven (Luxemburg)
KfW Bankengruppe-Firmenlogo
KfW Bankengruppe Experte / Sachverständiger (w/m/d) für Umwelt- und Sozialrisikomanagement Frankfurt am Main
Technische Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technische Hochschule Bingen Präsident (m/w/d) Bingen
OST – Ostschweizer Fachhochschule-Firmenlogo
OST – Ostschweizer Fachhochschule Professor/in für Industrielle Automation Rapperswil (Schweiz)
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Autonome Systeme / Mitgliedschaft in der Institutsleitung Dresden
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Kooperative Systeme / Leitung der Abteilung "Kooperative Systeme" Dresden
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.