Heiko Mell

Bestechlichkeit: anonym melden?

Ihre Antwort zum „heißen Eisen“ Bestechlichkeit kann ich nur voll unterstreichen (Frage 1.716/Berufsalltag). Dennoch möchte ich eine Facette ergänzen, die vielleicht dem Einsender und anderen hilft, Gewissenskonflikte zu lösen:

In seinem Brief berichtet der Leser von erkennbaren Nachteilen für das Unternehmen durch die Auswahl ungeeigneter Lieferanten und Subunternehmer. Wenn diese Angaben zutreffend sind, handelt es sich um objektive Sachverhalte, die ohne Nennung von Namen, jedoch mit konkreten betrieblichen Angaben (Ausschreibungsnummer, Bestellvorgang, Lieferantennummer usw.) belegt werden können. An solchen konkreten Informationen ist jede Unternehmensleitung interessiert, um den ordnungsgemäßen Geschäftsablauf wieder sicherzustellen.

Wenn solche konkreten sachlichen Detailangaben z. B. auch in einem anonymen Hinweis genannt werden, wird man diese Angaben prüfen. Die Sachverhaltsaufklärung z. B. durch die Interne Revision wird dabei auch das Handeln verantwortlicher Personen umfassen. Sollte persönliches Fehlverhalten festgestellt werden, wird das Unternehmen daraus auch Konsequenzen ableiten.

Im empfehle dem Einsender daher, die Unternehmensleitung korrekt über die objektiven Sachverhalte zu informieren, ohne dabei zu denunzieren und ohne dabei selbst in Erscheinung treten zu müssen. In einigen Unternehmen gibt es bereits hierzu eine Telefon-Hotline oder einen Ombudsmann.Ich stütze meine Empfehlung auf langjährige Erfahrungen als Revisor und als Mitarbeiter des Personalwesens eines Großunternehmens.

Antwort:

Sie ergänzen das grundsätzlich schon heiße Eisen „mein Chef ist vermutlich bestechlich“ durch das noch heißere „anonyme Hinweise bei bloßem Verdacht“. Ich möchte meine Haltung dazu gern besonders eindeutig formulieren:

1. Jede Form von Bestechlichkeit in Unternehmen, Behörden oder sonstigen Institutionen ist wirtschaftlich wie natürlich moralisch äußerst verwerflich und sowohl im Interesse der Unternehmen o. ä. als auch insbesondere im Interesse der ehrlichen Mitarbeiter äußerst scharf zu bekämpfen.

2. Grundsätzlich hat jede vorgesetzte Stelle die Pflicht zu einer sorgfältigen „Dienstaufsichtskontrolle“ gegenüber den Handlungen unterstellter Mitarbeiter.

Wird ein Mitarbeiter der systematischen, in größerem Stil betriebenen Bestechlichkeit überführt, ist nach meinem Verständnis die vorgesetzte Ebene ebenfalls energisch zu maßregeln – wegen Mitverantwortung, wegen unterlassener Kontrolle, wegen unzulänglicher Ablauforganisation etc.

Ein Chef sollte Stichproben vornehmen – oder seine interne Revision routinemäßig entsprechend ansetzen (sofern er Mitarbeiter hat, die regelmäßig Aufträge von erheblicher Bedeutung vergeben). Denn, geehrter Einsender, wenn man so etwas aufgrund anonymer Hinweise überprüfen kann, dann kann man das auch auf Chef-Initiative hin.

3. Ein Mitarbeiter, der einen Verdacht auf Bestechlichkeit im engeren Umfeld hat, könnte(!) unter vollem Namen eine Verdachtsmeldung machen und dazu stehen. Vom Prinzip her ist das zu vertreten.

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich rate einem solchen Mitarbeiter entschieden ab – wie schon bei meiner Antwort zu Frage 1.716. Er könnte im Misserfolgsfall die Firma wechseln müssen – und im Erfolgsfalle in der Kantine mittags sehr, sehr einsam sein (man liebt den Verrat, aber hasst den Verräter). Aber eine öffentliche Aufforderung „man melde Bestechlichkeit“ wäre vertretbar (nur dass man ihr besser nicht folgen sollte).

Ach ja, wäre ich Chef, würde ich a) diesen offen auftretenden „Melder“ im Erfolgsfall öffentlich belobigen und b) dem Personalchef einen Wink geben, diesen Burschen bei nächster Gelegenheit abzuschieben. Nachher gewöhnt der sich daran und meldet demnächst dem Finanzamt … Nicht auszudenken, so etwas.

4. Bleibt die Ermunterung zu anonymem „Melden“. Zunächst zum Begrifflichen: „Denunziation“ wäre nur die Weitergabe von Informationen und Vermutungen aus unehrenhaften Beweggründen. „Melde“ ich meinen Chef, um die Firma zu schützen, bin ich ein aufrechter Mann (und nur in der Kantine ein Denunziant). Melde ich aber meinen Chef (bei exakt demselben Sachverhalt), um ihn aus dem Weg zu räumen und seine Nachfolge antreten zu können, denunziere ich ihn.

Das ist ein verdammt schmaler Grat, auf dem man da wandeln würde! Nein, ich kann und werde das hier nicht gutheißen!

Ruft man dazu öffentlich auf, könnte jeder jeden für eine gewisse Zeit blockieren, indem er eine anonyme Verdachtsmeldung über ihn einreicht.

Schließlich sind wir auch noch Deutsche. Mit einer unseligen Vergangenheit, was blauäugige „Meldungen“ oder gezielte Denunziation angeht.

Lieber stelle ich den Grundsatz auf, der dann in Betrieben offen verkündet wird: „Wer Aufträge nach draußen vergibt, muss damit rechnen, dass die Vergabe ohne Angabe von Gründen und ohne konkrete Verdachtsmomente stichprobenartig überprüft und durchleuchtet wird.“ Vielleicht hilft das etwas. Aber mehr als überprüfen könnte man ja auch aufgrund von anonymen Hinweisen nicht – man hätte ja keinen Zeugen.

Kurzantwort:

1. Dem Arbeitgeber (Chef) obliegt es, Arbeitsabläufe und Prüfvorgänge so zu organisieren, dass er seiner Kontrollpflicht gerecht wird und Angestellte nicht über Gebühr in Versuchung geführt werden. Es ist absolut gerechtfertigt, z. B. auch Vorgesetzte zu maßregeln, die selbst unbestechlich waren, aber ihren Angestellten einen zu großen Freiraum ließen.

2. Eine Aufforderung an Angestellte, den Verdacht(!) auf Verfehlungen ihrer Kollegen oder Chefs anonym zu melden, ist moralisch (und sachlich) nicht zu verantworten.

Frage-Nr.: 1724
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-01-16

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