Heiko Mell

Bestechlichkeit

An meinem Arbeitsplatz wurde ich mit einem Bestechungsfall konfrontiert. Dieser Fall bereitet meinem Gewissen ernsthafte Probleme und kann meine Karriere schädigen. Es gilt nun, einen Weg zu finden, den ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann und der meiner Karriere keinen Schaden zufügt.

Vor einigen Jahren stieß ich durch Zufall darauf, dass mein Vorgesetzter Bestechungsgelder von Lieferanten entgegennahm. Außerdem rechnete er z. B. Spesen für nicht stattgefundene Reisen ab. Da er zu diesem Zeitpunkt bereits gekündigt hatte und ich noch nicht sicher im Unternehmen verankert war, habe ich aus Sorge um meinen Arbeitsplatz nie über diese Vorkommnisse gesprochen.

Später ist dieser ehemalige Vorgesetzte zurückgekehrt und jetzt wieder mir übergeordnet. Verantwortliche Mitarbeiter, die ihm schon länger unterstellt sind, beschweren sich darüber, dass dieser Vorgesetzte ihre Kompetenzen durch die Auswahl bestimmter Lieferanten beschneidet, dadurch ergeben sich klar erkennbare Nachteile für das Unternehmen.

Diese Beobachtungen lassen vermuten, dass dieser Vorgesetzte nach wie vor bestechlich ist.

Die Konsequenzen der zu vermutenden Bestechung hätte ich in meinem Verantwortungsbereich zu tragen: Mit ungeeigneten Lieferanten erreichen wir keine überzeugende Wirtschaftlichkeit, ich erreiche meine vorgegebenen Ziele nicht und verdiene weniger. Kommt es durch Entscheidungen meines Vorgesetzten zur Auswahl ungeeigneter oder außerhalb geltender Vorschriften arbeitenden Subunternehmer, müsste ich als nominell für deren Einsatz verantwortlicher Mitarbeiter sogar mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen.

a) Bin ich verpflichtet, meinen Arbeitgeber auf die vermutete Bestechlichkeit hinzuweisen?
b) Will es mein Arbeitgeber überhaupt wissen, wenn ein Mitarbeiter bestechlich ist? Bewertet er mehr den bestechlichen Vorgesetzten oder mich als Störenfried?
c) Wie verhalte ich mich am klügsten?

Antwort:

Eines der ganz „heißen Eisen“ aus unserer Themenkollektion. Zunächst: Hier werden rechtliche Fragen tangiert, die ich weder beantworten darf noch kann. Daher unabhängig von allem anderen mein dringender Rat:Suchen Sie einen entsprechend spezialisierten Anwalt auf und lassen Sie sich beraten.

Aber: Die Rechtslage ist immer nur ein Teil des Problems und seiner Lösung, meist der kleinere. Dann gibt es noch so alte Volksweisheiten wie „Man liebt den Verrat, aber man hasst den Verräter“ und „Früher hat man die Überbringer schlechter Nachrichten geköpft“.

Ich sehe die Geschichte so:

1. Über die heutige Bestechlichkeit des Vorgesetzten X – wissen(!) Sie gar nichts! Es gibt Gerüchte, Ihre Kollegen vermuten etwas, das ist aber auch schon alles. Beweise haben Sie absolut keine.Wenn Sie auf dieser äußerst schwachen Basis existenzbedrohende, ja strafrechtlich relevante Vorwürfe gegen eine bewährte Führungspersönlichkeit Ihres Hauses erheben, erleben Sie vermutlich ein Fiasko. Schön, der Arbeitgeber könnte daraufhin eine hochnotpeinliche Untersuchung anstellen – und vielleicht findet er sogar etwas. Stets aber bliebe bei allen Beteiligten die Erkenntnis, dass Sie nur aufgrund von Vermutungen und vagen Verdächtigungen jemanden, der „über Ihnen“ steht, angeschwärzt haben.

Das ist schon dann nicht besonders gut, wenn man bei X tatsächlich etwas findet. Aber es kostet Sie den Kopf, wenn das nicht der Fall ist!

Ich rate aus meiner Sicht – und ohne rechtliche Würdigung des Falles (s. o.) – eindeutig von der Erhebung solcher Vorwürfe ab.

Selbst wenn es eine Vorschrift gäbe, die Sie anhielte, schon die Vermutung einer Bestechlichkeit „oben“ zu melden – bliebe Ihnen der Ausweg, eben nichts zu vermuten. Man hat mit unbeweisbaren Behauptungen nur Ärger.

Und lassen Sie sich keinesfalls von den Kollegen drängen oder zum Wortführer machen. Dass „die alle auch etwas vermuteten“, hilft Ihnen später gar nicht. Und die Kollegen werden sich bei aufkommendem Ärger vorsichtshalber an nichts mehr erinnern, wie die Lebenserfahrung zeigt.

 

2. Ihre frühere Beobachtung der tatsächlich erfolgten Bestechung (nehmen wir einmal an, das sei so gewesen) ist der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte:

2.1 Vor allem auf der Basis dieser „früheren Vorkommnisse“ sind Sie jetzt bereit, jeden aufkommenden Verdacht gegenüber Herrn X für bare Münze zu nehmen. Prinzip: „Der hat früher gegen das Gesetz verstoßen, wenn es jetzt so aussieht als täte er es wieder, dann ist das damit eine Tatsache.“Juristisch (siehe den Rat, einen Anwalt aufzusuchen) sieht das ganz anders aus. Für das „gesunde Volksempfinden“ (vor dem es Fachleuten stets graut) an Stammtischen ist das alles ein klarer Beweis, rechtlich gilt das absolut nicht.

2.2 Viel kritischer ist, dass Sie in dem Zusammenhang erhebliche Probleme bekommen können:

Natürlich klingt es „vernünftig“, damals in dieser konkreten Situation die Bestechlichkeit von Herrn X nicht gemeldet zu haben. Aber wie das rechtlich aussieht, steht auf einem ganz anderen Blatt (fragen Sie Ihren Anwalt). Schließlich waren Sie „Mitwisser“ eines Betrugs an Ihrer Firma!

Ich garantiere Ihnen, dass Ihr allerhöchster Chef, würden Sie dem „zum Beweis“ Ihres Verdachtes jetzt Ihre früheren Beobachtungen schildern, nur etwa zehn Sekunden brauchen würde, um zu erkennen: Eigentlich tragen Sie die zentrale Verantwortung, liegt bei Ihnen die maßgebliche Schuld an der ganzen Misere! Hätten Sie damals, wird er denken, Ihre Pflicht getan und Ihre Beobachtung gemeldet, hätte man den X nie wieder eingestellt und der Firma wäre der gesamte Ärger erspart geblieben.

Und was macht man mit Schuldigen? Sehen Sie, so geht das.Mein Rat lautet also (unabhängig von einer rechtlichen Würdigung):

  • Vergessen Sie das „alte“ Vorkommnis. Völ-lig und endgültig; Sie belasten sich damit nur selbst.
  • Verzichten Sie jetzt auf eine Anzeige, wenn Sie nur Verdächtigungen haben, die jeder Gegenanwalt als „haltlos“ abwehren wird.
  • Nehmen Sie Ihr Recht wahr: Protestieren Sie ggf. bei dem Vorgesetzten X höflich, formvollendet, aber schriftlich und nachhaltig gegen die konkrete Auswahl des Lieferanten A und des Subunternehmers B. Weisen Sie nach, dass diese schlechte Leistungen erbringen oder gegen Gesetze verstoßen. Aber deuten Sie noch nicht einmal ganz zart Bestechlichkeit an. Sondern sagen Sie etwa: „Mir ist selbstverständlich bewusst, dass wir gehalten sind, preiswerte Lieferanten zu bevorzugen. Aber in diesem Fall sind aus diesen und jenen Gründen die Nachteile größer als die Vorteile.“ Wenn X Sie abwimmelt, könnten Sie mit Ihren rein sachlichen Bedenken sogar eine Stufe höher anklopfen (was Sie X aber vorher sagen sollten).
  • Da Sie aber auch damit vermutlich „einen Haufen Ärger“ bekommen: Erwägen Sie ernsthaft einen Firmenwechsel. Zumindest wegen Ihres früheren Schweigens (auch bei der Wiederkehr von X) haben Sie in den Augen des Arbeitgebers Schuld auf sich geladen. Vielleicht sehen sogar die Juristen das so – was aber hier für uns nicht im Mittelpunkt steht.

Kurzantwort:

Teils unschuldig, teils unbedacht, kann der Angestellte in Situationen kommen, in denen der Firmenwechsel die beste Lösung ist („Befreiungsschlag“).

Frage-Nr.: 1716
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-11-29

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