Heiko Mell

Mein Gehalt kommt nicht (mehr) pünktlich

Ich bin seit einiger Zeit als Dipl.-Ing. in einer Firma tätig. Die ersten Gehaltszahlungen erfolgten vertragsgemäß „jeweils am letzten Tag des Monats“. Dann waren es mal ein oder zwei Tage später.

Bis im vergangenen Monat erst per 4. gebucht worden war. Meine schriftlich an den Geschäftsführer gerichtete Anfrage zum Sachverhalt wurde mit einer Abmahnung honoriert. Für diesen Monat am 4. persönlich beim Geschäftsführer nachfragend, wurde ich auf den 5., spätestens auf den 7. „vertröstet“. Heute, am 10. ist mein Konto noch immer ohne Gehaltseingang.

Wie sollte bzw. kann sich ein Mitarbeiter verhalten, wenn die Gehaltszahlungen nicht entsprechend den Vereinbarungen im Angestelltenvertrag erfolgen?

Antwort:

Es gibt, was die stets zu stellende Frage nach Ursachen und Hintergründen angeht, zwei Möglichkeiten: entweder verfährt die Geschäftsführung so, um die Belegschaft so richtig zu ärgern oder es ist kein Geld da.

Ersteres wollen wir einmal ausschließen – jede Führungskraft weiß, welche überaus fatalen Signale man gegenüber den Mitarbeitern aussendet, wenn das Gehalt nicht mehr zuverlässig fließt: Motivation wird ein Fremdwort, Frustration macht sich breit, Gerüchte entstehen.

Also fehlt es an Geld. Entweder steuert das ganze Unternehmen auf die Insolvenz zu oder es mangelt schlicht an Liquidität.

Letzteres bedeutet, dass die „Zahlen“ des Unternehmens, insbesondere was Auftragseingänge angeht, durchaus positiv aussehen, dass es aber an „flüssigen Mitteln“ gebricht. Das geschieht, wenn Kunden nicht rechtzeitig zahlen – und es ist ein ständiger Begleiter stark expandierender mittelständischer Betriebe, die ihr Wachstum (z. B. neue Produktionsanlagen) aus eigener Kraft finanzieren müssen. Als Konsequenz ist trotz bester Geschäftsaussichten „nie Geld da“.

In beiden Fällen steht Ihre Geschäftsführung am Monatsende „mit dem Rücken an der Wand“ und kämpft um jeden Tag Zahlungsaufschub. Personalkosten, also Gehälter, sind stets der größte oder doch ein ganz großer „Brocken“, geraten also auch zuerst ins Visier, wenn überlegt wird, was das Unternehmen jeweils tun kann, um auch diesen Monat wieder zu überstehen.

Was mir zuerst auffällt an Ihrem Brief ist das Fehlen jeglichen Verständnisses für die Lage des Unternehmens. Sie drücken es nicht so aus, sagen aber praktisch: „Die wollen mich mit ihren verspäteten Zahlungen ärgern.“ Da ist kein Wort bei Ihnen über mögliche Ursachen und Hintergründe.

Ein Gegenbeispiel: Das Unternehmen ist vertraglich zur pünktlichen Zahlung der Gehälter verpflichtet, keine Frage. Aber auch der Angestellte ist täglich zur uneingeschränkten Einbringung seiner vollen Leistungskraft verpflichtet. Und wollen nicht auch Sie, dass Ihr Arbeitgeber ein bisschen Verständnis hat und Rücksicht nimmt, wenn bei Ihnen in der Familie jemand krank ist oder stirbt, wenn Sie plötzlich dringend früher gehen müssen oder sich nach einem schweren Schicksalsschlag erst mühsam wieder ins Alltagsgeschäft hineinfinden müssen (also Minderleistung erbringen)? Auch der Arbeitgeber wird Ihnen ja nicht gleich „Drohbriefe“ schreiben und sein „Recht“ aus dem Arbeitsvertrag einfordern.

Mir scheint übrigens, dass das Klima zwischen Ihrem Arbeitgeber und Ihnen stark belastet ist und dass vermutlich speziell Ihre Tage dort gezählt sein dürften. Die scharfe Reaktion auf Ihre „Anfrage zum Sachverhalt“ an die GF zeigt das überdeutlich. Abmahnungen sind darauf keine angemessene Reaktion. Also haben Sie entweder im Ton Ihres Fax-Briefes völlig danebengegriffen oder es handelte sich um den letzten Tropfen, der ein längst volles Fass zum Überlaufen gebracht hat. Sie sollten diesen Aspekt des drohenden Verlustes Ihres Arbeitsplatzes in jedem Fall sehr deutlich höher gewichten als die mir geschilderten Vorkommnisse!

Zur Sache: Ich weiß natürlich um die Realität auf deutschen Gehaltskonten. Daueraufträge für Miete, Versicherungen, Ratenzahlungen gehen unbarmherzig pünktlich ab, gelebt sein will auch und der Dispositionskredit ist oft bereits total ausgeschöpft. Da zeichnen sich dann bei einer verzögerten Gehaltszahlung schnell erhebliche Probleme ab. Dennoch, auch das muss gesagt werden dürfen, sollte das nicht sein. Die Lebenserfahrung lehrt, dass ein solches Balancieren am finanziellen Abgrund ungeheuer riskant ist. Vielleicht ist ja auch Ihr Arbeitgeber ähnlich vorgegangen – wenn auch vermutlich mit den besten Absichten oder um Arbeitsplätze zu retten.

Ich meine also:

1. Jeder Arbeitnehmer ist aufgerufen, für solche und andere Fälle einen Notgroschen zu bilden, damit bei verspäteten Gehaltszahlungen nicht gleich Panik aufkommen muss.

2. Verspäten sich Gehaltszahlungen, schickt man keine schriftlichen Mahnungen an die Geschäftsführung. Man geht davon aus, dass es Gründe geben muss – die man kennen sollte. In einer „anständigen“ Firma kennt jeder einen Menschen, der einen Mitarbeiter aus dem Finanz- und Rechnungswesen kennt. Bald weiß jeder, warum kein Geld da ist. Natürlich darf man in ruhigen Worten gegenüber seinem Chef Besorgnis äußern – aber dieses Gefühl hat der längst selbst entwickelt, er bekommt ja auch kein Geld.

3. Bei einer einmaligen Verspätung kann eine Panne vorliegen. Wiederholt oder häuft sich das, sind Bedenken der Belegschaft hinsichtlich der mittel- bis kurzfristigen Sicherheit der Arbeitsplätze angebracht. Daraufhin mit dem Gedanken an einen Arbeitgeberwechsel zu spielen und Bewerbungen zu versenden, ist nicht mehr als vernünftig. Zumindest muss man für den „Ernstfall“ um Alternativen bemüht sein.

Denn: Mitarbeiter tragen über Gespräche mit Freunden und Verwandten, über ihre Banken (die den verspäteten Geldeingang bemerken) und über Bewerbungen Zahlungsprobleme ihres Arbeitgebers nach draußen, also an die Öffentlichkeit. Das ist für das Unternehmen extrem unangenehm bis geschäftsschädigend – keine Firma wird das leichtsinnig riskieren. Daher ist der Schluss erlaubt: Werden die Gehälter mehrfach verspätet gezahlt, droht den Mitarbeitern Arbeitsplatzverlust (gäbe es harmlose Ursachen, hätte die Geschäftsführung darüber informiert). Das ist das Problem, nicht der minimale „Verlust“ durch fünf Tage verspäteten Geldeingang.

Kurzantwort:

Zahlt ein Unternehmen mehrfach verspätet Gehälter, ist vermutlich seine Existenz bedroht. Die Mitarbeiter wären in einem solchen Falle zu Bewerbungen aufgerufen – nicht zu Mahnschreiben an die Geschäftsführung.

Frage-Nr.: 1696
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-09-13

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