Heiko Mell

Krankheit: Wie gehe ich damit um?

Mein Vater verstarb an einer erblich bedingten Krebserkrankung. Mein Bruder und ich sind ebenfalls erkrankt. Nach einer komplizierten Operation, die lange Krankenhausaufenthalte und Rekonvaleszenzzeiten erforderlich macht, gilt man aus ärztlicher Sicht als geheilt, auch wenn später noch andere Risikofaktoren bestehen.

Ich habe diese Operation schon vor sechs Jahren durchführen lassen und konnte danach mit meinem Ingenieurstudium beginnen.

Vor zwei Jahren ließ sich mein Bruder operieren. Es gab zahlreiche Komplikationen, lebensgefährliche Situationen und mehrere Operationen. Es war selbstverständlich, dass neben meiner Mutter auch ich die Zeit fast ununterbrochen an seinem Krankenbett verbrachte.

Dabei blieb es nicht aus, dass ich mein Studium sehr stark vernachlässigte. Aufgrund meines sehr schnell absolvierten Vordiploms und des daraus entstandenen Zeitgewinns konnte ich trotzdem mit meinen Kommilitonen Schritt halten, so dass ich mein Studium vor neun Monaten nach elf Semestern beendet hätte – wenn ein Unglück nicht immer mit einem weiteren einher ginge: Bei mir war ein gutartiger Tumor entstanden, der zum eigentlich vorgesehenen Examenstermin entfernt werden musste, im Anschluss wurde eine Strahlentherapie durchgeführt. Glücklichweise konnte ich rechtzeitig ein Urlaubssemester beantragen.

Ich habe insgesamt ein Jahr durch meine Krankheit und die meines Bruders verloren, trotzdem werde ich mein Studium jetzt nach insgesamt zwölf Semestern abschließen (Durchschnitt meiner Fachrichtung sind ca. vierzehn Semester).

Ich habe eine Promotionsstelle in Aussicht, die ich sehr wahrscheinlich annehmen werde. In den nächsten Jahren verzichte ich bewusst darauf, einen mir zustehenden Schwerbehindertenausweis zu beantragen.

Wie soll ich im Hinblick auf den Berufseinstieg und den weiteren Weg mit meiner Krankheit umgehen?

Antwort:

Das Thema ist seit längerer Zeit überfällig. Immer wieder bekomme ich Einsendungen dieser Art – bisher habe ich sie vor mir hergeschoben. Jetzt packe ich diesen Komplex an. Dabei ist der Fall, der hier geschildert wird, nur ein Beispiel unter vielen; die Details sind gar nicht so wichtig, daher habe ich die genaue Krankheitsbeschreibung weggelassen. Halten Sie, liebe Leser, Schicksale wie dieses bitte nicht für extrem seltene Ausnahmen. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht viele ähnlich gelagerte Belastungen, mit denen Mitmenschen fertig werden müssen.

Unabhängig von allen anderen Überlegungen sollten wir, die wir – noch – nicht betroffen sind, solche Darstellungen zum Anlass nehmen, neunundneunzig Prozent unseres täglichen Ärgers als Bagatelle einzustufen – und Menschen mit ähnlichem Schicksal Verständnis entgegenbringen. Sofern wir darüber hinaus eine Gelegenheit finden, ein bisschen zu helfen, sind wir sicher aufgefordert, das auch zu tun.Es wird, geehrter Einsender, auch hier die zentrale Lösung Ihres Problems nicht im Juristischen liegen, da liegt sie so gut wie nie. Dennoch ist der Gesamtkomplex so vielschichtig, dass Sie zumindest wissen sollten, was geltendes Recht ist, worauf Sie sich im Ernstfall berufen können und ab wo Sie sich auf schwankendem Boden befinden. Konsultieren Sie also vor den ersten Bewerbungsgesprächen einen in Arbeitsrecht erfahrenen Anwalt (über die Anwaltskammer kommen Sie an Adressen). Interessant sind beispielsweise diese Fragen:

– Was müssen Sie ungefragt angeben?

– Wieviel müssen Sie auf Befragen sagen?- Wann können Sie spätestens die Karte „Schwerbehinderten-Status“ noch ziehen, falls Sie irgendwann nach einer Anstellung in Bedrängnis geraten?

– Was geschieht bei einer – in größeren Unternehmen üblichen – werksärztlichen Untersuchung und Befragung, wieviel dürfen Sie dort an Information zurückhalten, was müssen Sie beim Arzt auf den Tisch legen?

Das wäre dann Ihre Rechtsposition. Fragen dazu dürfen Nicht-Juristen nicht beantworten, ich könnte es auch gar nicht.

Letztlich aber glaube ich nicht, dass hier die Lösung Ihres Problems liegt. Vielmehr gehe ich davon aus, dass man die Situation etwa so sehen muss (wobei ich mich ausdrücklich auf die „freie Wirtschaft“ beziehe):

1. Jeder potenzielle Arbeitgeber möchte alles wissen, was die uneingeschränkte Leistungsfähigkeit eines möglichen künftigen Mitarbeiters beeinträchtigt bzw. bedroht. Schwere Erkrankungen, auch wenn sie in der Vergangenheit liegen, gehören grundsätzlich dazu. Das gilt insbesondere, wenn aus der Sicht des medizinischen Laien(!) jederzeit mit Neuerkrankungen, Folgeschäden oder Belastbarkeitsproblemen zu rechnen ist. Ihr – mir im Detail geschildertes – Krankheitsbild gehört absolut in diese Kategorie.

2. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass Sie nicht eingestellt werden, wenn die Informationen vorher auf dem Tisch liegen. Vermutlich wird man eine Ausrede wählen und z. B. Ihre schwachen Französischkenntnisse vorschieben. Diese Haltung ist nicht zu verurteilen, sie ergibt sich zwangsläufig aus dem Aufbau des Systems. Unternehmens- (und damit Abteilungs-)Ziele sind maximale Effizienz und Rendite, nicht eine soziale Haltung gegenüber Bewerbern mit schwerem Schicksal. Die Aktionäre würden das nicht honorieren. Und für das Geld, das Sie kosten würden, bekommt man vermutlich einen höher belastbaren gesunden Bewerber mit geringerem Krankheitsrisiko. Dies ist keine zynische Bemerkung, sondern einfach eine sachliche Darstellung.

3. Unternehmen sind oft sehr sozial gegenüber ihren Mitarbeitern. Aber stets gegenüber solchen, die sie schon haben. Tritt eine Erkrankung erstmals während eines Beschäftigungsverhältnisses auf, kann der Betroffene oft bis meist mit großer Toleranz und Unterstützung rechnen, man wird um eine auch sozialen Aspekten Rechnung tragende Lösung bemüht sein. Dieser Fall liegt hier aber nicht vor – Sie wären ja schon beim Eintritt nicht „gesund“ im herkömmlichen Sinne gewesen.

4. Verschweigen Sie Ihre ganze Krankheitsgeschichte (was zumindest dort, wo keine werksärztliche Untersuchung üblich ist, möglich wäre) oder lügen Sie sogar auf Befragen aktiv, dann droht im Falle einer erneuten Erkrankung beträchtlicher Ärger. Der Arbeitgeber fühlt sich getäuscht, ist vielleicht sogar wütend. Das führt in jedem Fall zu Belastungen des Arbeitsverhältnisses: Entweder ist dann keine weitere Karriere möglich, Sie bekommen nur noch drittklassige Aufgaben oder man wird versuchen, Sie loszuwerden. Stets wird der Arbeitgeber davon sprechen, Sie hätten das Vertrauen missbraucht, das er Ihnen entgegengebracht hätte. Dagegen schützt nicht einmal eine eventuelle Rechtslage zu Ihren Gunsten – der Arbeitgeber ist ggf. dennoch wütend (mit den üblichen Konsequenzen).

5. Selbstverständlich muss diese negative Reaktion von Arbeitgebern auf die rechtzeitige Information oder das Verschweigen durch Sie nicht immer und überall eintreten. Aber als Angestellter müssen Sie stets damit rechnen, dass Firmenwechsel angesagt sind, freiwillige oder unfreiwillige. Dann aber geht alles von vorne los. Und wenn Sie aufsteigen, kommen Sie in Regionen, in denen die Luft noch sehr viel dünner ist, die Belastungen noch viel größer und die Anforderungen weitaus rigoroser sind. Auch fällt man härter aus größerer Höhe. Es nützte also wenig, gerieten Sie jetzt beim Eintritt zufällig an ein Unternehmen, das Sie dennoch nimmt (bitte nehmen Sie insbesondere diesen Aspekt besonders ernst – er wird von Bewerbern mit Problemen unterschiedlichster Art nur zu gern ignoriert).

6. Immer hätten Sie die große Chance, „nebenbei“ auf viel menschliches Mitgefühl zu treffen. Im Hinblick auf Ihr Schicksal, in Anerkennung Ihres Engagements für Ihren Bruder, bei der Diskussion über die denkbare Frage nach der Studiendauer. Aber: Erklären Sie alles, gilt 2., verschweigen Sie die Zusammenhänge, gilt 4. Es ist die klassische Zwickmühle: Was immer Sie tun, geht zu Ihrem Nachteil aus.Und: Gerade in größeren Betrieben gibt es oft Einzelfälle, die mir auf Befragen geschildert werden: „In der Abteilung X haben wir einen, der ist …“ Fast immer aber heißt der Nachsatz: „Werden kann der hier praktisch nichts mehr – und wenn er eines Tages einmal wechseln muss, wird er wohl nur schwer überhaupt einen neuen Job bekommen.“

Fazit: Ich glaube, dass Sie in Unternehmen der „freien Wirtschaft“ trotz gleicher Leistung nicht die gleichen Chancen haben wie ein Gesunder, weder bei der Einstellung, noch bei einer längeren Dienstzeit und schon gar nicht bei Beförderungen. Daher rate ich eher von diesem Arbeitgebertyp ab.

Es heißt aber in Anzeigen des öffentlichen Dienstes: „Bei gleicher Eignung werden Schwerbehinderte bevorzugt.“ Eruieren Sie einmal diesen Weg. Ob Sie eventuell gut daran tun, sich vor der Bewerbung den Schwerbehindertenausweis zu holen, klärt ein Gespräch mit einer Personalabteilung aus diesem Metier.

Mit Ihrer Beeinträchtigung werden Sie im Leben ohnehin öfter Kompromisse schließen und Nachteile hinnehmen müssen, da ist ein Verzicht auf die klassische Angestelltenkarriere in kommerziell ausgerichteten Unternehmen vermutlich auch noch hinnehmbar. Und selbstverständlich ist im öffentlichen Dienst ebenso eine Position mit anspruchsvollen Aufgaben denkbar, gibt es ebenfalls Karriere etc. etc.

Wenn Sie aber diesen Vorschlag als Empfehlung zur „Flucht“ empfinden, in jedem Fall kämpfen wollen und trotz Ihrer Behinderung hohe bis höchste Ziele anstreben: In der Selbständigkeit fragt kein Mensch nach Krankheiten, alles steht Ihnen offen. Aber Sie tragen das Risiko dann auch ganz allein, eine wirksame Absicherung gibt es erst, wenn Ihr „Laden“ groß genug ist, um auch ohne Sie eine Weile zu laufen. Dazu stellen Sie dann Angestellte ein – bei deren Auswahl Sie gemäß den Regeln des Systems nach 2. verfahren müssen, wenn Wirtschaftlichkeit eine Rolle spielt (was zwangsläufig der Fall ist).

Sie könnten dann natürlich auch besonders gern „Problemfälle“ aller Art einstellen – und hoffen, dass die Kunden Ihnen das danken. Ich jedoch hätte da meine Zweifel: Märkte aller Art sind knüppelhart und ohne jeglichen Raum für gut gemeinte Ursachen höherer Kosten und damit Preise.

Ich wünsche Ihnen alles Glück dieser Welt – und geben Sie niemals auf!

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1683
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-07-12

Top Stellenangebote

Brandenburgische Technische Universität Cottbus - Senftenberg (BTU)-Firmenlogo
Brandenburgische Technische Universität Cottbus - Senftenberg (BTU) Universitätsprofessur (W3) Dekarbonisierte Industrieprozesse Cottbus, Zittau
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences Professur (W2) für das Fachgebiet "Informationstechnik und Mikrocomputertechnik" Karlsruhe
Hochschule für angewandte Wissenschaften München-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften München W2-Professur für Bauproduktionsplanung und Prozessoptimierung (m/w/d) München
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur (W2) "Softwareentwicklung und Embedded Systems" Ulm
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur (W2) "Gesundheitsinformatik" Ulm
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur (W2) "Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik" Ulm
Vermögen und Bau Baden-Württemberg-Firmenlogo
Vermögen und Bau Baden-Württemberg Diplom-Ingenieure (FH/DH) / Bachelor (w/m/d) der Fachrichtung Elektrotechnik, Versorgungstechnik oder einer vergleichbaren Fachrichtung Baden-Württemberg
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg-Firmenlogo
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg Professur (W2) Digitale Produktentwicklung im Maschinenbau Regensburg
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH Functional Safety Engineer (m/w/d) mit Fokus Software im Embedded-System Lüneburg,Hannover,Hamburg
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH-Firmenlogo
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH Architekt / Bauingenieur (m/w/d) Hochbau Bonn
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.