Heiko Mell

Leistung wird nicht gewürdigt

Nach einem Jahr Berufserfahrung möchte ich als Freiberufler einer nebenberuflichen Tätigkeit nachgehen, da ich im Berufsleben feststellen musste, dass überdurchschnittliche Leistungen oder Arbeitseinsatz nicht honoriert bzw. auch nicht gewünscht werden.

In den Internetforen zu diesem Thema wird unter dem Namen der nebenberuflichen Tätigkeit immer gleich von Existenzgründern gesprochen. Mir wäre viel daran gelegen, Informationen und praktische Hinweise zu rechtlichen und versicherungstechnischen Aspekten zu erhalten. Welche Beratungsstellen gibt es zu diesem Thema?

Antwort:

Ich war ja auch einmal Berufsanfänger, ebenso die anderen erfahrenen Manager und Mitarbeiter. Schön – aber haben wir gedacht, nach nur einem Jahr Praxis hätten wir „das Berufsleben“ durchschaut und wüssten nun, ob und wie Leistungen honoriert oder „nicht gewünscht“ werden? Nach nur einem Jahr des Studierens steht man am Ende des zweiten Semesters – weiß man da, wie „Studium“ einmal sein wird? Oder der junge Mann, der seit einem Jahr „mit Mädels“ geht – weiß der jetzt, wie das so ist mit den Frauen im Leben?

Also um beim Berufsleben zu bleiben: Jetzt bin ich seit 38 Jahren dabei – und weiß noch immer nicht alles. Auf jeden Fall aber ist einiges an Erkenntnissen hinzugekommen in den siebenunddreißig Jahren seit Abschluss der ersten zwölf Monate im ersten Job.

Das, geehrter Einsender, wird auch bei Ihnen so sein! Daher sage ich Ihnen mit aller Gelassenheit: Gemessen an der insgesamt möglichen Erkenntnis über dieses Thema wissen Sie noch fast gar nichts über „das Leben im Beruf“ – Ihre bisherigen Beobachtungen sind zufällige Erlebnisse an einem Punkt, der durch zufällige Auswahl entstanden ist, und sie resultieren aus einem Zeitraum, innerhalb dessen Sie nach den Regeln noch gar keine wirkliche Honorierung von Einsatz und Leistung hätten bekommen können, selbst wenn Sie dort mustergültige Verhältnisse angetroffen hätten. Seien Sie also bitte sehr vorsichtig mit zu schnellen Urteilen, die auf zu kleiner Beobachtungsbasis beruhen.

Aber ich habe nicht gesagt, dass Ihre Erkenntnis falsch sein muss: an dieser einen Stelle und nach diesem einen Jahr kann sich ein Eindruck, wie Sie ihn gewonnen haben, durchaus aufdrängen. Sie dürfen das dann nur nicht verallgemeinern im Hinblick auf „das Berufsleben“.

Also lautet mein erster Rat: Halten Sie dort, wo Sie sind, mindestens die ersten zwei Jahre durch. Sehen Sie zu, dass Sie sich da eine sehr gute Beurteilung verdienen – wenn man dafür keine große Gegenleistung verlangt, um so besser und leichter für Sie.

Ach übrigens: Sie werden doch einen Chef haben, der hat Kollegen – und wieder einen Chef. Auch der hat Kollegen. Und die alle verdienen mehr als Sie, sind aufgestiegen – vielleicht waren die besser als die anderen, vielleicht wurden deren Leistungen doch ebenso gewünscht wie honoriert?

Und wenn Sie meinen, nach zwei Jahren gehen zu sollen, dann gehen Sie eben woanders hin. In ein Unternehmen eines ganz anderen Typs, vielleicht einer anderen Branche. Kämpfen Sie dort um die Übernahme von mehr Verantwortung, beispielsweise um die Mitarbeit oder die Teilprojektleitung in einem anspruchsvollen Projekt. Wo Sie richtig und bis an Ihre Grenzen gefordert werden, wo Sie – in Maßen – etwas bewegen, bewirken können, eine kleine „Spur“ hinterlassen.

Und das machen Sie etwa weitere vier bis fünf Jahre, dann bemühen Sie sich in- oder extern um eine Team- oder Gruppenleiterstelle mit fachlicher Verantwortung für die Arbeit anderer.

Dann werden Sie allmählich sehen, dass Leistung und Einsatz in diesem System sich grundsätzlich schon lohnen – aber nicht jedes Mal und schon gar nicht täglich honoriert werden. Es gilt also, Vorleistungen zu erbringen, die „eines Tages“ hoffentlich belohnt werden.

Sie müssen (geschätzt) etwa drei Jahre lang mehr als andere „leisten“ – dann kann(!) es geschehen, dass Sie plötzlich die Projektleitung und die entsprechende Gehaltserhöhung bekommen. Man muss ja auch ein ganzes Studium lang arbeiten und sich überdurchschnittlich anstrengen, damit am Schluss beispielsweise im Examen eine 1,8 herauskommt – und ein Top-Arbeitgeber das durch Einstellung und Eingliederung in eine chancenreiche Umgebung „honoriert“.

Mein zweiter Rat betrifft Ihren Lösungsansatz: „Die honorieren hier Leistung und Einsatz nicht, also arbeite ich nebenher noch freiberuflich.“ Ich halte das für eine „Schnapsidee“, noch dazu für eine gefährliche.

Die Geschichte ist schon rechtlich kompliziert genug, lassen Sie sich in jedem Fall vorher durch einen Anwalt beraten.

Aber unabhängig davon sollten Sie davon ausgehen, dass Ihr Arbeitgeber erwartet, für sein Geld etwa 100 % Ihrer auf Erwerb gerichteten Arbeitskraft einzukaufen – auch wenn er damit juristisch wohl auf schwachen Füßen steht. Aber diesen Arbeitgeber in seinen Erwartungen zu enttäuschen, ist im Hinblick auf eine erfolgreiche Berufslaufbahn auch dann kritisch, wenn Sie formal „im Recht“ wären. Ich rate Ihnen also zusätzlich dringend, ein solches Vorhaben unabhängig von der Rechtslage mit Ihrem Arbeitgeber abzustimmen. Zu weiteren Details kann und möchte ich nichts beitragen, das Thema gerät dann in ein Feld, das außerhalb unserer Zielsetzung liegt.

Kurzantwort:

Nach nur einem Jahr Praxis im ersten Anstellungsverhältnis darf man nicht davon ausgehen, nun „das Berufsleben“ zu kennen. In dieser Zeit gemachte Beobachtungen sollten als das gewertet werden, was sie sind: zufällig angefallene Momentaufnahmen aus einem komplexen Langzeitprozess.

Frage-Nr.: 1677
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-06-14

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