Heiko Mell

Ortsansässige bevorzugt?

Warum sollte ein Vorgesetzter eine junge und in jeder Beziehung unabhängige Person fördern? Die Gefahr, einen solchen Mitarbeiter später doch noch zu verlieren, ist sicher ungleich größer als diejenige, einen Ortsansässigen zu vergraulen. Steht das nicht im Gegensatz zu der von Ihnen propagierten Flexibilität?

Ich durfte schon eine entsprechende Erfahrung machen: Aus einem gesunden Selbstbewusstsein heraus bin ich fest überzeugt, die bessere Wahl als mein interner Konkurrent zu sein. Nur liegen meine Wurzeln 1000 Kilometer und seine 20 Kilometer von unserem Arbeitsort entfernt.

Antwort:

Ortsansässigkeit ist das normalste Kriterium überhaupt für einen Mitarbeiter. Mit winzigen Ausnahmen trifft das auf jeden von uns zu! Der Begriff bedeutet, am „Ort“ des Arbeitsplatzes zu wohnen, er schließt übliche tägliche Pendlerstrecken von vielleicht bis zu 30 Kilometern ein. Innerhalb dieses Radius hat der Mitarbeiter seinen Lebensmittelpunkt. Beruflich ohnehin, aber – kurz nach der Übersiedlung beginnend und dann mit wachsender Intensität – auch privat. Dort lebt er, so vorhanden, mit Partner und Familie, dort hat er seine – oder sucht sich neue – Freunde, dort hat er seinen Sportverein, Kegelclub, Theaterabonnement, was auch immer.

Und wo er einmal geboren wurde, spielt dann nach kurzer Zeit keine Rolle mehr: Der Mensch ist jetzt ebenso „ortsansässig“ wie die dort geborenen Mitarbeiter. Niemand in der Firma kümmert sich drei, vier Jahre später darum, wo er früher einmal herkam – er ist jetzt „einer von uns“, er gehört dazu. So hat sich um meine sehr weit entfernt liegende Heimat in meiner Zeit als Angestellter nie jemand gekümmert; heute kommt mein engster Mitarbeiter aus einer „ganz anderen“ deutschen Region, was für uns beide überhaupt keine Bedeutung hat.

Beispielsweise sind in der benachbarten Großstadt Köln sehr viele Manager keineswegs in der Region geboren, aber ab ihrem Umzug „ortsansässig“ – und dann haben sie in der Industrie die gleichen Chancen wie „geborene“ Kölner.

Das gilt so für viele andere Regionen Deutschlands auch. Ich kenne zwei Ausnahmen:

1. In bestimmten „provinziellen“ Landschaften, oft – aber nicht immer – durch eine sehr großstadtferne Lage geprägt, hat die jeweilige Firmenleitung schlechte Erfahrungen mit der Integrationsbereitschaft von „Zugereisten“ gemacht. Mit welcher Begründung und durch wessen „Schuld“ auch immer: Sie sind in der Vergangenheit zu oft wieder gegangen, ihre „Ortsansässigkeit“ war nicht von langer Dauer.

Aber auch da gilt: Wer sich glaubhaft am Ort oder in erreichbarer Nähe etabliert (Einfamilienhaus und Kinder in der örtlichen Schule sowie Mitgliedschaft im Schützenverein sind ein gutes Beispiel) und dann seit etwa drei Jahren problemlos „dabei“ ist, gehört gleichberechtigt dazu, wird absolut nicht benachteiligt bei Beförderungen. Die drei Jahre sind keine große Einschränkung: vorher wird man sonst auch nicht befördert.

2. Wenn – wiederum bevorzugt bei Unternehmen in der „Provinz“ – ein neuer familiär ungebundener Mitarbeiter eintritt, der nicht nur seine „Wurzeln“ woanders hat, sondern daraus auch noch eine ständige „Demonstration der Nichtintegration“ macht, dann sind Bedenken und Zurückhaltung gegen eine Beförderung gut vorstellbar: Ein solcher Mitarbeiter spricht nur von seiner fernen Heimat (der mit den Wurzeln), reist jedes Wochenende dorthin, hat dort seine Freunde, dort seine Vereine, übt dort seine Hobbys aus. Und wenn er noch einen Punkt draufsetzen will: dort wohnt auch seine Freundin. Zwar macht er seinen heutigen Job ganz gut – aber man „traut“ ihm auf Dauer nicht! Irgendwann geht der wieder, so der Verdacht.

Mir drängen sich folgende Anmerkungen auf:

a) Bitte prüfen Sie einmal, ob bei Ihnen z. B. Punkt 2 zutrifft.

b) Es geht hier nicht darum, was ich fordere. Sie nennen es Flexibilität. Ich würde diesen Begriff stärker im fachlichen (Aufgaben-)Bereich angesiedelt sehen. Was hier eine Rolle spielt, nenne ich Mobilität, das trifft es am besten. Aber nicht ich „propagiere“ sie aus eigener Kreativität: Die Wirtschaft braucht sie zwingend! Oder wollen Sie den Vorstandsvorsitzer von VW stets nur aus dem Kreis der vorher schon in Wolfsburg ihre „Wurzeln“ habenden Mitarbeiter rekrutieren?

Kurzantwort:

Ohne Bereitschaft der karriereinteressierten Menschen zur Mobilität und zur Integration am neuen Ort(!) ist keine führende Rolle eines Landes in einem von Internationalisierung und Globalisierung geprägten wirtschaftlichen Umfeld denkbar.

Frage-Nr.: 1676
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-06-05

Top Stellenangebote

Allbau Managementgesellschaft mbH-Firmenlogo
Allbau Managementgesellschaft mbH Bauprojektleitung (m/w/d) Essen
APOprojekt GmbH-Firmenlogo
APOprojekt GmbH TGA Spezialist (m/w/d) für die Pre-Sales Phase Berlin, Düsseldorf
Brandenburgische Technische Universität Cottbus - Senftenberg (BTU)-Firmenlogo
Brandenburgische Technische Universität Cottbus - Senftenberg (BTU) Universitätsprofessur (W3) Dekarbonisierte Industrieprozesse Cottbus, Zittau
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences Professur (W2) für das Fachgebiet "Informationstechnik und Mikrocomputertechnik" Karlsruhe
Hochschule für angewandte Wissenschaften München-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften München W2-Professur für Bauproduktionsplanung und Prozessoptimierung (m/w/d) München
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur (W2) "Softwareentwicklung und Embedded Systems" Ulm
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur (W2) "Gesundheitsinformatik" Ulm
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur (W2) "Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik" Ulm
Vermögen und Bau Baden-Württemberg-Firmenlogo
Vermögen und Bau Baden-Württemberg Diplom-Ingenieure (FH/DH) / Bachelor (w/m/d) der Fachrichtung Elektrotechnik, Versorgungstechnik oder einer vergleichbaren Fachrichtung Baden-Württemberg
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg-Firmenlogo
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg Professur (W2) Digitale Produktentwicklung im Maschinenbau Regensburg
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.