Heiko Mell

Rauchzeichen

Ich bin 25 Jahre alt und weiblich. Vor einigen Wochen habe ich meinen ersten Job bei einem großen Konzern in der …abteilung begonnen. Die Abteilung besteht aus meinem Chef und drei männlichen Kollegen, die schon viele Jahre zusammenarbeiten und ein gut eingespieltes Team sind. Die Tätigkeit erfordert häufiges Reisen über mehrere Wochen und eine ständige enge Teamarbeit.

Als einzige Frau habe ich von vornherein kein „einfaches Standing“ („keinen leichten Stand“ in unserer Muttersprache, d. Autor). Aber nun hat sich ein Problem aufgetan, mit dem ich nicht gerechnet hätte:

Meine drei Kollegen sind alle massive Raucher. Sie sind sich einig, am Arbeitsplatz rauchen zu wollen. Nach der ersten Woche bat ich sie, eine andere Lösung zu finden, da es mich als Nichtraucherin leider erheblich stört. Sie zeigten Verständnis und zogen sich hinter eine Stellwand zurück (was nicht wirklich viel bringt). Innerhalb von wenigen Tagen allerdings stellte sich der jetzige Zustand ein, dass sie im Büro bleiben und nur alle um einen Tisch sitzen.

Sicher könnte ich sie erneut bitten, den Raum zum Rauchen zu verlassen, aber selbst wenn sie es respektieren würden und immer rausgingen, würden sie das zusammen tun – und nichts ist schlimmer, besonders für einen neuen Mitarbeiter, als regelmäßig allein im Büro zu sitzen und nicht an den informellen Gesprächen teilnehmen zu können. Ich müsste befürchten, mich auf diese Weise nie integrieren zu können, was bei einer so kleinen Abteilung enorm wichtig ist.

Hätte mein Chef bei der Einstellung nicht auf diese Situation achten müssen? Was kann ich in dieser Zwickmühle tun, um nicht zum Passivraucher oder gar Raucher zu werden, aber nicht ewig die Außenseiterin zu bleiben?

Antwort:

Ist das ein Karriere-Thema? Es ist: Nichts, was hierzu gesagt werden kann, wird eine Laufbahn fördern, aber an dem Problem könnte eine solche durchaus zerbrechen.

Ich finde, dass Sie sich – bei der kurzen Berufspraxis – schon anerkennenswert intensiv mit dem Problem befasst und wichtige Aspekte beleuchtet haben. Vor allem haben Sie nicht spontan gehandelt, nicht überreagiert und kein Porzellan zerschlagen. Mit Sicherheit gibt es nicht die zentrale Lösung. Aber ich kann Denkanstöße geben, die vielleicht zur von Ihnen schließlich zu findenden Lösung beitragen.

1. Es scheint unmöglich zu sein, Rauchern dieses „Laster“ abzugewöhnen. Geld und gute Worte versagen da gleichermaßen. An der Raucherei Ihrer Kollegen wird sich also generell nichts ändern.

2. Sie können den heutigen Zustand auf Dauer nicht ertragen. Das sieht jeder ein. Der Qualm ist lästig, auf Dauer ungesund, abends riechen alle Ihre Kleider intensiv nach Rauch. Und zu einem erfolgreichen Arbeiten gehört eine Umgebung, in der man sich zumindest nicht ständig unwohl fühlt. Mittelfristig muss also etwas geschehen.

3. Die Primitivlösung „Ich beschwere mich und verlange vom Arbeitgeber ultimativ Abhilfe“ verbietet sich. In der Sache kämen Sie heute vermutlich damit durch, in der Abteilung jedoch hätten Sie erbitterte „Todfeinde“. Sie würden das mittel- bis langfristig nicht „überleben“. Sie sind noch in der Probezeit, wären für die Kollegen und den Chef(!)der Außenseiter und Störfaktor, der Unruhe hineingebracht hat. Und – sehr wichtig – noch haben Sie dort zwangsläufig nichts Großes geleistet. Wer auf Erfolge zurückblicken kann, setzt leichter persönliche Forderungen durch als ein „blutiger Anfänger“.

4. Als einzige Frau in der Abteilung sind Sie zunächst ohnehin eine auffallende Besonderheit und werden sicher auch von allen Seiten misstrauisch betrachtet: „Ob die sich wohl einfügt – oder macht sie von Anfang an Ärger?“ Also könnte insbesondere in den ersten Monaten ein Hineinfügen ins bestehende Team angesagt sein.

5. Absprachen auf freiwilliger Basis, wie sie jetzt mit Ihren Kollegen bestehen, funktionieren meist nur teilweise. Sie erleben hier ein bekanntes Prinzip: Alle organisatorischen Einheiten reagieren wie ein Pendel. Stößt man sie aus der gewohnten Standard-Ruhe heraus, reagieren sie auch gehorsam – um möglichst bald wieder in den alten Zustand zurückzukehren.

6. Kündigen und den Arbeitgeber wechseln können Sie jetzt noch nicht: Sie müssten bei Bewerbungen Erklärungen abgeben, riskierten eine Einstufung als „Frau, die offenbar Ärger macht“ – und hätten in Ihren noch so „jungen“ Lebenslauf doch schon ein unübersehbares Signal eingebrannt: „Den ersten Job habe ich nach sechs Wochen geschmissen.“ Vor allem aber: Sie wissen nicht, was beim zweiten Arbeitgeber auf Sie zukäme.

7. Die einzige Lösung, die auf Dauer halbwegs funktionieren kann, liegt bei Ihrem Chef. Der hat das Problem bei Ihrer Einstellung nicht erkannt – mag das aber jetzt auch nicht als Fehler vorgehalten bekommen.

Natürlich dürfen Sie nicht „hinter dem Rücken“ der Kollegen zu ihm gehen und sich „beschweren“ (so würden die das empfinden, er übrigens auch). Und – eine Empfehlung fürs Leben – Chefs legt man niemals Probleme auf den Tisch, sondern Lösungsvorschläge. Man trägt ihnen möglichst nur etwas vor, das sie „abnicken“ können – hingegen nichts, bei dem sie nachdenken und unbequeme Entscheidungen treffen müssen.

Mein Ansatz wäre also: Reden Sie mit Ihren Kollegen. Gutwillig. Ihrer Situation als Neuling angemessen und voller Verständnis für die so anders als Sie empfindenden Raucher. Erkennen Sie an, dass die drei dort vorher glücklich waren und Sie jetzt hinzugekommen sind. Bitten Sie aber für Ihre Einstellung um Verständnis – und machen Sie deutlich, dass weitere neue Mitarbeiter, die hinzukommen könnten, wahrscheinlich auch Nichtraucher wären, dass also irgendwann ohnehin eine tragbare Lösung gefunden werden müsste. Das werden die auch alles einsehen – solange Sie nicht die fanatische Nichtraucherin spielen und solange Sie nicht verlangen, dass die ihr Rauchen aufgeben. Machen Sie ruhig deutlich, dass Sie befürchten, sich massive gesundheitliche Probleme einzuhandeln und dass Sie sich in dem Qualm sehr unwohl fühlen (das Thema kennt heute jeder Raucher). Die Kollegen werden das bagatellisieren („wir leben ja auch noch“), aber Ihre offen eingestandenen Befürchtungen doch respektieren.Und dann versuchen Sie, im Team eine Lösung zu erarbeiten, die für alle tragbar ist.

Die Lösung sollte klar, einfach, zumutbar und leicht kontrollierbar sein („also gut, wir verpflichten uns, ab jetzt weniger zu rauchen“, taugt nichts). Anzustreben wäre eine sichtbare Veränderung, vielleicht durch Möbelumstellung, eventuell durch einfache bauliche Maßnahmen unterstützt. Vielleicht kann man so auseinanderrücken, dass Sie nur noch mit einem Raucher eng zusammensitzen und die drei sich nicht mehr ständig gegenseitig animieren. Und dass man abspricht: Wer zu Ihnen beiden an den Doppelschreibtisch tritt, raucht dort nicht (als Beispiel).

Dann sollten Sie das Einverständnis Ihrer Kollegen dafür einholen, mit diesem Lösungsvorschlag gemeinsam zum Chef zu gehen und ihn um Zustimmung zu bitten. Vielleicht findet sich ein Kollege sogar bereit, den Wortführer zu machen, wenn Sie ihn entsprechend nett darum bitten.

Dem Chef dürfte das alles recht sein, wenn nur der Abteilungsfrieden gewahrt bleibt. Aber die gefundene, von ihm „abgenickte“ Lösung wäre dann „amtlich“.

8. Ausblick: Wenn ein Nichtraucher mit drei Massivrauchern im Team arbeitet, Rauch nicht mag, von den Kollegen aber auch nicht räumlich isoliert sein will („informelle Gespräche“), dann ist nur ein halbwegs erträglicher Kompromiss möglich, jedoch keine totale Lösung. Nun sind Sie ja ohnehin oft auf Reisen – und nach zwei Jahren wechseln viele junge Menschen den ersten Arbeitgeber oder die Abteilung. Bis dahin müssen Sie abwägen, wieviel Sie ertragen können und wollen. Ohne irgendeine Art von „Preis“ zu zahlen, kommen Sie aus der Situation vermutlich nicht heraus.

Frage-Nr.: 1672
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-05-25

Top Stellenangebote

Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Einkäufer (m/w/d) Coswig
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG-Firmenlogo
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG Ingenieure (m/w/d) Fachrichtung Bau und Architektur Elektrotechnik Versorgungstechnik Frankfurt am Main
Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Projektingenieur (m/w/d) Coswig
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen-Firmenlogo
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen Projektleiter (m/w/d) für den Bereich Bundesbau Wiesbaden
Karlsruher Institut für Technologie-Firmenlogo
Karlsruher Institut für Technologie Projektbevollmächtigte (w/m/d) Fachrichtung Maschinenbau, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen oder Wirtschaftsinformatik Eggenstein-Leopoldshafen
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG-Firmenlogo
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG Patentingenieur (m/w/d) Wolfertschwenden
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH QC-Fachkraft – für die SW-Programmierung der Automotive-Teststände (m/w/d) Lüneburg
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH-Firmenlogo
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH Bauingenieur / Statiker (m/w/d) Wesseling
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH-Firmenlogo
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH Straßenbau-Ingenieur (m/w/d) Celle, Bad Bevensen
FICHTNER GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FICHTNER GmbH & Co. KG Piping Engineer Öl & Gas (m/w/d) Hamburg

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…