Heiko Mell

Druck auf den Chef ausüben?

Seit knapp zwei Jahren bin ich (Mitte 20) bei einer Konzerntochter tätig. Seit einiger Zeit haben wir einen neuen Hauptabteilungsleiter, dem ich direkt berichte. Vor seinem Eintritt hatte es einige Probleme gegeben. So war ich dann zunächst guter Hoffnung, mit meinem neuen Chef endlich einen kompetenten Ansprechpartner bekommen zu haben, der die in meinem Fachgebiet offensichtlichen Strukturprobleme (Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Abteilungen, keine klaren Aufgabenverteilungen für die einzelnen Mitarbeiter) angeht.

Leider haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt. Mein Chef hat es nicht geschafft, eine leistungsfähigere und geordnete Struktur zu errichten. Kollegen, die schon viele Jahre im Unternehmen und in der Branche tätig sind, sehen in ihm keine fachliche Autorität und seine Anweisungen als praxisfern an. Leider wird dieses Problem nicht im größeren Kreis debattiert, sondern ständig hinter verschlossenen Türen und hinter dem Rücken des Chefs. Viele ältere Kollegen sind total konfliktscheu und arrangieren sich mit dieser an und für sich unbefriedigenden Situation.

Mein Problem (und das meiner jüngeren, berufsunerfahreneren Kollegen) ist nun, dass innerhalb der Abteilung zunehmend eine gewisse Lähmung um sich greift. Jeder schiebt die Probleme auf den neuen Chef, zumeist ohne dass dieser davon erfährt. Meine Vorschläge und Fragen zum zukünftigen Konzept stoßen beim Chef zunehmend auf taube Ohren.Ich bin ziemlich unzufrieden, dass ich nichts bewirken kann, um meine Fähigkeiten in einem geordneten Arbeitsumfeld besser einsetzen zu können. Es beschleicht mich das ungute Gefühl, dass a) ich mich nicht so weiterentwickle, dass ich für weitere (Führungs-) Aufgaben bzw. andere Arbeitgeber in der gleichen Branche interessant werde bzw. bleibe und b) die Qualität unserer Produkte leiden wird, da diese in hohem Maße von gut zusammenarbeitenden Projektteams bestimmt wird.

Besteht irgendeine Möglichkeit, sanften Handlungsdruck auf den Chef auszuüben, ohne als „Aufrührer“ zu gelten? Sollte man sich eher auf die Seite des Chefs oder auf die der Kollegen stellen?

Ändert sich in absehbarer Zeit nichts, so werde ich wohl versuchen, den Arbeitgeber zu wechseln. Wie sollte man dann die vergangenen, vermeintlich wenig erfolgreichen Arbeitsjahre „verkaufen“?

Antwort:

Ihre Beobachtungen sind absolut nachvollziehbar, solche Fälle gibt es zu Tausenden im Lande. Ich sehe mehrere Aspekte als wesentlich an:

1. Sie sind jung und haben damit – das muss so sein – einen hohen Anspruch in Sachen „ideale/optimale Lösung“ irgendwelcher Probleme. Und Sie sind – zwangsläufig – unerfahren, haben erst wenige oder gar keine Vergleichseindrücke, an denen Sie Ihre Bewertung ausrichten können. Außerdem stehen Sie betriebsintern noch recht weit unten in der Hierarchie und wissen nicht, was „oben“ vorgeht, wie ein Chef denkt, welchen Zwängen er ausgesetzt ist. Vor allem aber fehlen Ihnen Informationen, die vielleicht Ihr Chef hat (welche Ziele hat man ihm gesetzt, was weiß er über anstehende Veränderungen, Planungen der Konzernleitung, Einstellungen seines Vorgesetzten zu diesen Dingen?).

Als Konsequenz daraus sind Sie gut beraten, vor allem zu beobachten, Schlüsse zu ziehen, zu lernen. Letzteres ist unbezahlbar und betrifft auch Reaktionen von Kollegen etc. Falls Sie sich je gefragt haben, warum Unternehmen immer Leute „mit Berufserfahrung“ suchen: Die haben so etwas schon erlebt und gehen routiniert damit um.

2. Für Fälle dieser Art hat das System keine Lösung. Daher wäre jeder Versuch einer solchen mit extrem hohem Risiko verbunden.

Vorgesehen ist im System: Der Vorgesetzte Ihres Chefs kontrolliert letzteren – und merkt, dass da unten etwas „faul“ ist. Er beobachtet eine hohe Fluktuationsrate in dieser Hauptabteilung, bekommt Beschwerden anderer Unternehmensbereiche über diesen schlecht funktionierenden „Laden“ auf den Tisch – und registriert schließlich auch selbst, dass er keinen vernünftigen „Output“ aus der Hauptabteilung bekommt. Merkt dieser Vorgesetzte hingegen nichts, dann ist entweder auch nichts und Sie liegen falsch – oder dieser Mann ist auch noch unfähig, dann hätten Sie ohnehin keine Chance, irgendetwas zu verbessern.

3. Seien Sie äußerst misstrauisch gegenüber „Aktionen“ aus dem Kollegenkreis und lassen gerade Sie sich nicht etwa zum Wortführer machen. Unternehmen werden von oben nach unten glücklich gemacht, niemals(!) umgekehrt. Nur ein sehr erfahrener, älterer Abteilungsleiter, der das Vertrauen des Chefs hat, könnte unter Umständen im vertraulichen Gespräch sehr vorsichtig einmal andeuten, dass da eventuell … Aber gedankt würde ihm das sicher letztlich von niemandem! Und Beschwerden beim Vorgesetzten des Chefs sind völlig tabu.

4. Das Unternehmen ist aufgerufen, auf sich selbst aufzupassen – und nur tüchtige Leute zu Hauptabteilungsleitern zu ernennen. Am besten, Sie „da unten“ versuchen zu glauben, dass es das auch tut. Oder Sie gehen – das ist die zentrale (und einzige) „Waffe“ des Angestellten im Existenzkampf. Und wenn viele Kollegen auch gehen, merkt das schließlich „ganz oben“ jemand. Dann haben Sie etwas bewirkt – aber nichts mehr davon.

5. Spätere Bewerbungsempfänger erfahren ja über die „Zustände“ dort nur das, was Sie ihnen erzählen. Und: Auch die kochen nur mit Wasser. Übrigens: Lt. Arbeitsvertrag sind Sie weder dort, um etwas zu lernen, noch steht da etwas vom idealen Umfeld. Seien Sie versichert, dass viele Leser denken: Der ist in unserem Unternehmen beschäftigt.

Kurzantwort:

Das Empfinden von Mitarbeitern, ihr Chef sei mehr oder minder unfähig, ist weit verbreitet – kann aber durchaus auch richtig sein. Nur: Von „unten her“ ist dagegen kaum etwas zu machen. Ggf. müssen interne Versetzung oder externer Wechsel angestrebt werden.

Frage-Nr.: 1659
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-04-19

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