Heiko Mell

„Wilder Osten“?

Ich bin Anfang 30, Dipl.-Ingenieur und als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer gemeinnützigen Forschungs-GmbH tätig. Nach Aussagen einiger Landespolitiker ist die Gesellschaft ein „Flaggschiff in der Forschungslandschaft“ unseres – neuen – Bundeslandes. In absehbarer Zeit werde ich meine Promotion abschließen.

Seit 1990 lese ich regelmäßig Ihre Karriereberatung. Nach anfänglicher Skepsis habe ich Ihre Hinweise doch genauer „geprüft und (meistens) für gut befunden“. Sie haben mich auf meinem bisherigen Berufsweg doch recht weit vorangebracht und das fast kostenlos! An dieser Stelle vielen Dank dafür!

1. Es gibt die Aussage von Ihnen, dass sich gute Leute, langfristig gesehen, irgendwie immer durchsetzen, in guten Unternehmen arbeiten und auch gut verdienen werden. Anbei schicke ich Ihnen die aktuelle Tariftabelle für die zutreffende Branche in den neuen Bundesländern. Ich erhalte derzeit ca. 4.500,- DM monatlich, unsere „altgedienten“ Dr.-Ingenieure (kurz vor Rentenbeginn) haben ca. 5.800,- DM/Monat. Die Gehälter anderer Firmen in der Region liegen nur unwesentlich höher.

Nun standen unlängst auf der Titelseite der VDI nachrichten wieder Zahlen für mittlere Jahresgehälter von Absolventen. Meine Kommilitonen, die inzwischen in den alten Bundesländern arbeiten, verdienen meist schon ohne Personalverantwortung längst sechsstellige Jahresgehälter.

Aus der eingangs zu 1. erwähnten Konstellation erlaube ich mir die Frage, ob in Ostdeutschland nur die schlechten Ingenieure arbeiten, die es „woanders nicht geschafft“ haben?

2. Ein Bekannter hat eine Stelle als verantwortlicher Produktionsleiter bei einer Tochtergesellschaft der renommierten (westdeutschen) XY AG in den neuen Ländern angetreten. Dort soll er Verantwortung für mehr als zwanzig Leute im Schichtbetrieb als Produktionsleiter übernehmen.Inzwischen musste er feststellen, dass für diese Stelle insgesamt zwei Mitarbeiter eingestellt wurden. Nach der Probezeit behält sich die XY AG die Möglichkeit offen, nur den besseren Mitarbeiter in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis zu übernehmen und den anderen dann zu entlassen. Im Vorstellungsgespräch wurde diese Konstellation nicht angesprochen. In jedem Fall wird ein Ingenieur-Werdegang auf diese Art und Weise doch arg ramponiert.

Frage: Wie soll man als Angestellter in so einem Fall angemessen reagieren? Als Randnotiz: Diese Stelle ist tariflich auch über die Probezeit hinaus mit ca. 4.100,- DM/Monat deklariert. Ist die XY AG somit ein gutes Unternehmen?

Antwort:

Es ist nicht so einfach mit dem „Osten“, wer wüsste das nicht. Nun darf ich mich vielleicht sogar etwas freier dazu äußern, weil ist selbst in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und also kein „geborener Westmann“ bin. Im Gegenteil: Geboren bin ich so weit östlich, dass von dort aus Ihre Region tief im Westen liegt. Woran wir sehen: Alles ist relativ.

Wir sehen auch: Ich nähere mich dem Thema behutsam. Aber ich werde doch auch Klartext reden, nur so kann Ihnen geholfen werden.

Zu 1: Jawohl, das mit den guten Leuten habe ich gesagt, das gilt auch weiterhin. Aber: Was ich bei Ihnen vermisse, ist zunächst einmal Humor (unverzeihlich!).

Wenn ich sage: „Ein guter Mann arbeitet natürlich nur in einem guten Unternehmen“, dann heißt das: Er vertritt damit „automatisch“ den Standpunkt, sein jeweiliger Arbeitgeber sei gut – weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wenn ich ein „guter Mann“ sein will, dann habe ich selbstverständlich eine tolle Firma. Sollte diese nun in der Praxis ein Murksbetrieb sein – was, wie wir alle wissen, tatsächlich vorkommen kann -, dann nenne ich sie jedoch niemals so, sondern spreche stets nur von einem sehr interessanten Unternehmen (weil nur dieses zu mir passt!).

„Gute Leute“ setzen sich tatsächlich langfristig irgendwie durch, haben also früher oder später Erfolg (nicht garantiert immer, aber doch in mindestens einer Phase ihres Lebens). Nun heißt „langfristig“, irgendwann in den nächsten zwanzig Berufsjahren. Und Ihre (Jahre) haben ja noch gar nicht angefangen, Sie sind ja noch nicht einmal mit der Ausbildung fertig (die Promotionszeit gehört aus der Sicht der Industrie eher in diesen Abschnitt, ist noch keine vollwertige Berufspraxis). Also gemacht, gemach.

Und „gut verdienen“ werden gute Leute auch. Aber auch nicht gleich während der Ausbildung. „Gute Leute“ werden z. B. Abteilungsleiter, Geschäftsführer – und die verdienen alle recht gut. So ist das gemeint. Ein solcher Mensch sollte sich also nicht daran reiben, dass er irgendwo „unten“ relativ schlecht bezahlt wird, sondern sehen, dass er „hoch“ kommt. Dann löst sich sein Einkommensproblem von allein.Also hören Sie doch bloß auf mit der Klagerei. Sie dürfen („danke, liebes Schicksal“) promovieren und werden sogar noch dafür bezahlt. Ihre „Beschwerde“ bezieht sich auf einen überschaubaren Zeitraum, dann ist das vorbei und Ihnen steht die Welt offen. Außerdem sind Sie bei einer „gemeinnützigen“ Institution tätig. Das passt schon überhaupt nicht zu „maximalem Einkommen“.

Ernster ist die Frage nach den „schlechteren Ost-Ingenieuren, die schlechter bezahlt werden“. Lassen Sie es mich so versuchen: Jede gesellschaftliche, jede politische, jede technische Umwälzung bringt – bei allen Vorteilen für viele – auch ungerechte, unverdiente Belastungen für einige andere mit sich. Das ist der Preis, der für solche Veränderungen gezahlt wird, gezahlt werden muss.

Sehen Sie, Leute wie ich haben einen Weltkrieg verloren. Mit allem, was dazu gehört – Heimat weg, Existenz weg, Vermögen der Familie weg, Vater weg, Platz in der Gesellschaft weg. Und ich hatte, mitten im Krieg erst geboren, diesen bestimmt nicht angefangen, fand mich dann aber an seinem Ende als „armes Flüchtlingskind“ in der sowjetischen Besatzungszone wieder. Waren diejenigen Deutschen, die im (wirklichen) Osten gelebt hatten, die schlechteren Menschen gewesen, da man ihnen generell mehr genommen hatte als denen aus „Trizonesien“ (volkstümlich für die drei westlichen Besatzungszonen)?

Ich beklage mich nicht, ich akzeptiere das als Preis dafür, dass ich als Teil der Gruppe „deutsches Volk“ an einer gewaltigen Umwälzung teilhatte, welche sich letztlich als große Chance für uns erwies. Das soll nichts weiter bedeuten als hier steht – Sie dürfen selbstverständlich ganz anders empfinden und müssen gar nichts akzeptieren.

Aber Sie leben jetzt in einer offenen Gesellschaft, in einer Marktwirtschaft. Und wenn Ihnen am Ort X zu wenig (in Relation zum Ort Y) gezahlt wird – warum gingen Sie dann nicht nach Y? Und haben dort promoviert? Oder warum haben Sie nicht ganz auf die Promotion verzichtet und lieber eines jener sechsstelligen Jahresgehälter genommen? Ein Politiker darf das nicht sagen, aber ich als Ratgeber für einen einzelnen Leser darf das. Und wenn ein Problem so einfach und geradlinig zu lösen ist wie dieses, dann ist es wirklich empfehlenswert, diese Lösung zu ergreifen, statt sich am Grundsätzlichen zu reiben: Sofern es regionale Unterschiede in der Attraktivität von Angeboten gibt, beklagen Sie sich nicht, sondern gehen Sie dahin, wo – vermeintlich – Milch und Honig fließen oder bleiben Sie in Ihrer Wunschregion und nehmen Sie die Dinge wie sie sind, aber kombinieren Sie nicht Teile beider Varianten. Ob das eine Lösung für alle sein kann, ist eine Aufgabe für Politiker – die sich im Bedarfsfalle etwas einfallen lassen müssen, um ganze Regionen ggf. wieder attraktiver zu machen.

Sie also sind jung, flexibel, können sich in ganz Europa Ihre spezielle Chance suchen. Unser System sieht vor, dass Sie das auch tun! Mein Mitgefühl gilt den älteren Menschen, die diese Möglichkeit nicht mehr haben – und häufig den Preis dafür zahlen, dass es vielen aus der Gruppe, zu der sie gehören, besser geht als früher. Für sie habe ich leider keine Lösung anzubieten.

Im übrigen weise ich vorsichtshalber darauf hin, dass dies meine Privatmeinung ist und keine offizielle Aussage dieser Zeitung.

Zu 2: Für meine „XY AG“ steht im Original Ihrer Einsendung ein Top-Name der deutschen Wirtschaft. Und am Stammtisch hört sich die Sache wirklich furchtbar an. Aber Sie sehen das falsch:

Wenn jemand mit befristetem Vertrag eingestellt wird, dann nur für die dort festgeschriebene Zeit – mehr ist nicht! Danach ist er „draußen“, arbeitslos, was immer Sie wollen. Aber er wird nicht entlassen! Eventuelle mündliche Aussagen zu einer späteren Neueinstellung mit einem neu abzuschließenden Vertrag, der dann unbefristet wäre, sind völlig unverbindlich. Außerdem pflegen große Firmen sich meist – vorsichtshalber – sehr vage auszudrücken, während die betroffenen Mitarbeiter gern zu viel hineininterpretieren.

Also: Die XY AG stellt zwei Leute mit befristetem Vertrag ein. Diese sind beide zum Ablauf der dort fixierten Frist wieder draußen. Mit mehr können sie nicht rechnen – wenn sie einen solchen Vertrag unterschreiben. Falls dann tatsächlich später einer dieser Mitarbeiter einen neuen Vertrag bekommt – schön für ihn. Vielleicht stellt die AG auch keinen von denen unbefristet ein, auch damit muss man rechnen. Und wer keinen neuen Vertrag bekommt, hatte doch wenigstens für sechs Monate Arbeit – und eine Chance. Nein, das Verfahren mag unschön sein, zu beanstanden ist es nicht.

Würde die AG hingegen zwei Mitarbeiter mit unbefristetem Vertrag einstellen, beiden eine sechsmonatige Probezeit geben, einen internen Wettbewerb ausrufen und dem schwächeren Mitarbeiter mit der (problemlos möglichen) Entlassung in der Probezeit drohen, fände ich das moralisch angreifbar.

Vergessen Sie nie: Unser System ist offen, bietet Ihnen ungeheure Freiheiten, verlangt aber auch viel Eigeninitiative vom einzelnen, notfalls eben regionale Flexibilität.

Kurzantwort:

1. Es ist sowohl legitim als auch ratsam, sich in jene Region hinein zu verändern, die für die individuellen Ansprüche die beste Lösung offeriert. Das gilt auch für „neue Bundesländer – alte Bundesländer“.

2. Ein befristeter Vertrag endet am Fristende. Mehr ist nicht vereinbart worden! Die Befristung ist keine „reine Formsache“! Und: Man ist am Fristende „draußen“, aber nicht entlassen worden.

Frage-Nr.: 1642
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-01-25

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