Heiko Mell

Überlastung hausgemacht?

So sehr ich im allgemeinen Ihre Beiträge zum Thema Karriereberatung in den VDI nachrichten schätze, hat doch Ihre Einlassung unter der Überschrift „Überlastung ist meist hausgemacht“ meinen Widerspruch geweckt.

Nach Ihrer ersten These ist jede beliebige Aufgabe in fast jeder beliebigen Zeit lösbar. Sie argumentieren weiter, die Qualität leide eben bei nicht ausreichender Bearbeitungszeit, aber selbst ein Vorstandsvorsitzender habe sich damit abgefunden.Nun, dies mag für Angehörige der Beraterzunft und Teile des Managements zutreffen, aber im Hinblick auf sachbezogene Ingenieuraufgaben scheint mir Ihre Aussage wirklichkeitsfremd. Hier ist die Qualität einer Entwicklung kein freier oder zeitproportionaler Parameter, sondern im Pflichtenheft und Qualitätshandbuch minutiös festgeschrieben.

Es geht nicht um die Beschriftung geduldigen Papiers oder das Halten schöner Reden, sondern fehlerfreie Hard- und Software. Mitarbeiter, die die Anforderungen nicht pünktlich erfüllen (können), gefährden ihren Arbeitsplatz. Die im Zeichen der Globalisierung notwendige Maximierung der Arbeitsproduktivität führt leider immer häufiger zur Überlastung von Beschäftigten. Auch viele Selbständige im Überlebenskampf ihres Unternehmens sind betroffen. Natürlich gibt es auch echt hausgemachte Überlastung, aber in diesem Zusammenhang einfach von „meist hausgemachter Überlastung“ zu schreiben, wird den meisten Betroffenen zynisch erscheinen.

Antwort:

Zweifelsfrei haben Sie Recht: Nicht alles ist beliebig schneller zu erledigen. Je „genormter“ die (Routine-)Arbeitsgänge sind, desto unbeeinflussbarer werden sie. Das gilt auch für Berater wie mich: Vorstellungsgespräche mit Bewerbern kosten mich beispielsweise allein für die reine Abwicklung zwei Stunden pro Kandidat, das ist auch bei höchstem Druck nicht wesentlich verkürzbar. Und darauf entfällt durchaus ein nennenswerter Anteil an der Gesamtarbeitszeit.

Aber: Wir sprechen in der Karriereberatung in der Regel nicht über Jobs, deren Tätigkeit zu 100 % von solchen Zwängen diktiert wird. Und natürlich sind dies hier pauschale Aussagen, die sich auf einen durchschnittlichen Leser mit seiner durchschnittlichen Belastung beziehen – und einen Durchschnitt seiner Tätigkeit von der Einstellung als Berufsanfänger über die Tätigkeit als Sachbearbeiter, Projekt-/Team-/Gruppenleiter, Abteilungsleiter und mehr bis zur Pensionierung umfassen. Und dabei kommen dann absolut nennenswerte Anteile von „zeitlich beeinflussbarer“ Arbeit zusammen. Denken Sie nur an die endlosen Meetings, Projektbesprechungen, Internet-Surfereien am Arbeitsplatz, Kollegen-Diskussionen über Frauen, Fußball u. a.

Auch der stark in die Routine eingespannte Mitarbeiter kann sich entscheiden, ob er schnell selbst entscheidet oder erst noch den Chef oder sonst wen fragt. Er kann mutig und entschlossen an eine neue Idee, die er hatte, herangehen oder zögerlich und absichernd (sprich zeitaufwendig).Also bleibe ich bei meiner Grundthese „Überlastung ist meist hausgemacht“. Und ich gehe noch einen Schritt weiter: Würde ein Akademiker berufslebenslang(!) eine Position mit einer Tätigkeit ausüben, in der ihm nahezu „alles“ von Normen und anderen Regeln zwingend vorgeschrieben wäre und er gar keinen Spielraum für schnelleres Erledigen oder Weglassen einzelner Arbeitsschritte hätte, so täte er mir herzlich Leid. Man studiert, um später zu gestalten, weniger um Vorgänge schematisch abzuarbeiten – denke ich. Und jede Art von Gestaltung schließt erhebliche Anteile von solchen Tätigkeiten ein, für die der Zeitaufwand im Ermessen des Durchführenden liegt.Steckte jemand gerade in einer Überlastungsphase ohne eigenen Spielraum und dauerte diese Phase drei Jahre am Stück – so wären selbst das gerade 7,9 % der Lebensarbeitszeit. Schwamm drüber.

(Die Serie „Karriereberatung“ zu nennen, war eine der nahezu genialen Grundideen, die zum Erfolg wesentlich beigetragen haben, sie kam von den Verantwortlichen dieser Zeitung; mit „Der deutsche Ingenieur im Alltagstrott“ o. ä. hätte ich wesentlich mehr Probleme bekommen, so aber gehört ein „Hauch von Elite“ direkt zum Thema.)

Frage-Nr.: 1638
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-12-01

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