Heiko Mell

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Seit ein paar Jahren bin ich als wissenschaftlicher Angestellter an der Universität …, Lehrstuhl …, tätig. Ihre Serie verfolge ich seit fünf Jahren und habe mit Ihrer Hilfe schon eine wichtige Angelegenheit aus meiner heutigen Sicht richtig entschieden. Dafür danke ich Ihnen herzlich.

Den Grundsatz, das Privatleben vom Beruflichen zu trennen, habe ich leider vernachlässigt. So habe ich mich mit einem Kollegen angefreundet, und wir haben außerhalb der Arbeitszeit viel zusammen unternommen. Kürzlich hat dieser Kollege meine langjährige Lebensgefährtin, die von ihm schwanger ist, geheiratet. Wir waren vor einigen Monaten gemeinsam mit einer vierten Person in Urlaub, kurz danach waren die beiden ein Paar.
Die Arbeit fällt mir seitdem schwer, vor allem weil ich den Kollegen lieber nicht mehr sähe. Da ich ihn aber nicht zum Kündigen zwingen kann, möchte ich selbst den Lehrstuhl vorzeitig verlassen, natürlich promoviert.
Diese Möglichkeit deckt sich mit meinem Wunsch, endlich in die Praxis zu gehen. Mein Vertrag läuft noch etwa ein Jahr. Mein langfristiges Ziel ist eine C4-Professur.

1. Wie erkläre ich den Wunsch, vorzeitig auszuscheiden, meinem Chef und Doktorvater, ohne die Promotion zu gefährden? Es gibt noch einen speziellen Grund, der dem Professor die Suche nach einem Nachfolger für mich erschweren würde.
2. Wie verhalte ich mich gegenüber dem Kollegen am professionellsten? Zur Zeit ignoriere ich ihn so weit wie möglich. Gemeinsame Projekte gibt es zum Glück nicht.
3. Als potenziellen neuen Arbeitgeber stelle ich mir ein großes Ingenieurbüro oder eine technische Abteilung eines Industrieunternehmens vor. Wie beurteilen Sie meine Chance?
3.1 Lasse ich im Lebenslauf die Tätigkeit während des Studiums in einem Ingenieurbüro aufgrund des schlechten Zeugnisses besser weg?

Antwort:

Woran merkt man, dass man etwas weniger jung ist als man sich mitunter fühlt? Ich zum Beispiel daran, dass mir als Überschrift spontan ein Schlagertitel einfiel, der zwar einmal an der Spitze der Hitparade gestanden hat – aber so etwa acht Jahre vor Ihrer Geburt (Lebenslauf, alle Zeugnisse und Foto liegen der Einsendung bei). Connie Francis sang das 1960. Als Empfehlung an Gleichaltrige: Erzählen Sie niemals Geschichten, die vor der Geburt der Zuhörer spielen, ob über Schlagersängerinnen oder über Kaiser Wilhelm ist unerheblich.Was ist eigentlich passiert? Sie haben entweder keine glückliche Hand in der Auswahl Ihrer langjährigen Lebenspartnerin gehabt (Ihr Fehler) oder Sie haben sie falsch behandelt (Ihr Fehler) oder Sie haben nicht bemerkt, dass die Beziehung längst nicht (mehr) so toll lief, wie man sich das hätte wünschen können (auch Ihr Fehler). Oder Sie können, eine reine Definitionsfrage, von großem Glück sprechen, dass Sie bestimmte Erfahrungen mit dieser Partnerin vor einer eventuellen Heirat machen durften. Ihr Kollege stand bloß so günstig, wäre er nicht gewesen, wäre ein anderer gekommen.

Also entweder haben Sie Fehler gemacht oder Sie hatten Glück. Erstere machen wir alle, letzteres wünschen wir uns.Nun kommen die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis: Sie sollten unbedingt gegen den Impuls ankämpfen, jetzt die Stätte Ihrer vermeintlichen Blamage zu räumen und das Feld Ihrem Rivalen zu überlassen. Wir wachsen nicht nur an unseren Siegen, sondern vor allem an richtig verarbeiteten Niederlagen. Stehen Sie das durch – vermeiden Sie es vor allem, Ihren beruflichen Lebenslauf aus privaten Gründen zu verbiegen. Letzteres ist eine eiserne Regel, die sich extrem oft bewährt hat. Bleiben Sie also da.

Gehen Sie zu Ihrem Rivalen und sprechen Sie mit ihm. Sagen Sie ihm, Sie hätten das Geschehene erst einmal verarbeiten müssen, aber jetzt hätten Sie zu einer realistischen Einschätzung der Situation gefunden. Vor allem seien Sie zu der Erkenntnis gekommen, dass es Unsinn wäre, ihm weiterhin Vorwürfe zu machen. Es sei halt wohl doch nicht die ideale Beziehung gewesen zwischen Ihnen und seiner (jetzigen) Frau.

Natürlich ist der Verlust bitter für Sie. Und Ihr Kollege hört jetzt viel Intimes über Sie – aber Sie haben schon mit seiner Frau geschlafen. Soll er doch gehen. Sehen Sie es einmal so: Die Frau sind Sie so oder so los – warum wollen Sie sich jetzt noch zusätzliche berufliche Nachteile einhandeln? Und die Kollegen? Die wissen es doch ohnehin alle. Wenn Sie jetzt auch noch Ihre Promotion gefährden, hätten Sie nichts gewonnen, nicht einmal Ihren Seelenfrieden. Es bliebe Ihnen nur das höchst unangenehme Gefühl, wie ein total Geschlagener vom Schlachtfeld zu kriechen und womöglich Ihre Langfristzielsetzung zu gefährden.Ihre konkreten Fragen habe ich ohnehin nicht so ganz verstanden. Ihnen schwebt eine Hochschullaufbahn vor. Also ist doch völlig zweifelsfrei klar, was Sie vorzeigen müssen: eine durch und durch einwandfreie, absolut positive Basis in allen Lebensphasen, die mit der Hochschule zu tun haben. Top-Promotion, Top-Beurteilung Ihres Professors, keinerlei Auffälligkeiten, keine offenen Fragen, die Ihr Uni-Werdegang etwa aufwürfe.

Und da wollen Sie hingehen und Ihren Professor ärgern, indem Sie ihm mit irgendwelchen „Geschichten“ kommen? Na also wissen Sie …

Zu 1: Streichen Sie das Projekt.

Zu 2: Habe ich oben beantwortet.

Zu 3: Als junger, frisch promovierter Ingenieur ohne sollten Sie genügend Chancen dafür haben.

Zu 3.1: Das ist gar kein Zeugnis, sondern eine reine nichtssagende Tätigkeitsbeschreibung; lassen Sie die weg. Aber geben Sie die Tätigkeit im Lebenslauf an, sie ist nützlich.

PS. Sie werden langsam „alt“, unabhängig von privaten Problemen sollten Sie sich um einen schnellen Abschluss der Promotion bemühen. Dieser ist nach meinen Erfahrungen so mit 31 Jahren üblich, manchen gelingt er vorher. Sie jedoch werden nicht unerheblich darüber liegen. Inwieweit das bei einer Hochschullaufbahn stört, weiß ich nicht. In der Industrie ist das jedoch stets ein Thema.

Kurzantwort:

Als eiserne Regel gilt: Keine(!) weitreichenden beruflichen Entscheidungen aus privaten Gründen. Natürlich wird gerade dagegen oft verstoßen, aber nur selten ungestraft. Das gilt insbesondere bei anspruchvollen beruflichen Zielen.

Frage-Nr.: 1562
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-02-09

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