Heiko Mell

Meier, Sie machen bitte …

Als freiberuflicher Diplomingenieur besuche ich oft dienstlich verschiedene Firmen. Mir fällt auf, dass Vorgesetzte ihre männlichen Untergebenen schlicht und einfach mit dem Familiennamen, also ohne jegliche Anredeform, ansprechen. Da sagt beispielsweise der Abteilungsleiter zu seinem Mitarbeiter Dr. Müller, der in seiner Branche ein anerkannter Fachmann ist: „Müller! Ich benötige diesen Bericht bis morgen früh …“

Als Mitarbeiter ließe ich mir von meinem Chef das Anreden mit „Müller!“ möglicherweise nur einmal gefallen – sicher nicht unbedingt zu meinem Vorteil.

Als Gast in einer derartigen Firma erkenne ich wenigstens an der gegenseitigen Anrede meiner Verhandlungspartner („Schulz!“, „… Herr Seidel“) auf Anhieb deren Unterstellungsverhältnis. Irgendwie empfinde ich es aber so, als würde der Chef seinen Mitarbeiter geringschätzen oder nicht besonders achten. Helfen Sie vielleicht auch manchem Mitarbeiter, wegen einer Beschwerde über eine Geringfügigkeit seine Karriere nicht zu gefährden.

Antwort:

Zweifel gibt es keine: Die Anrede „Müller“ ist guter alter preußischer Kasernenhofton, kein Wirtschaftsstandard, absolut überholt und aus heutiger Sicht mit der Würde des Menschen unvereinbar.Auf einen menschenwürdigen Ton im Unternehmen zu achten, ist Sache der „obersten Heeresleitung“, also der Geschäftsführung bzw. des Vorstands. „Müllert“ man dort auch, müsste bei denen angesetzt werden.

So etwas ist nie einfach – und sollte weder als „Protest“, noch als Massenaktion mit gewählten Sprechern und Anführern vorgetragen werden. Vielleicht gibt es einen einsichtsvollen Betriebsrat, der das Thema bei passender Gelegenheit und unter vier Augen vorträgt.

Übrigens ist es sehr wohl denkbar, dass „müllernde“ Vorgesetzte damit eigentlich auch keine Diskriminierungsabsicht verbinden. Obwohl sie sich hüten werden, den eigenen Chef so anzugehen. Vermutlich tun sie es gedankenlos – und sind einem ruhigen, im vertraulichen Gespräch vorgebrachten Argument gegenüber sogar aufgeschlossen.

Sie, geehrter Einsender, weisen auf die Gefahr für einen betroffenen Mitarbeiter hin, „wegen einer Beschwerde über eine Geringfügigkeit“ die Karriere zu gefährden. Dazu dieses:

1. Für mich, beispielsweise, wäre das keine Geringfügigkeit. Ich könnte und würde so auf Dauer nicht arbeiten. Und ich bin mit dieser Einstellung sicher nicht allein.

2. Mir gefällt das Wort „Beschwerde“ nicht. Es wird stets nur verwendet, um sich bei jemandem über unhaltbare Zustände, für die er verantwortlich ist, oder über sein falsches Verhalten zu beklagen. Mit einer Beschwerde ist stets massive Kritik verbunden. Außerdem soll, so der Beschwerdeführer, der Beschwerdeadressat sein Fehlverhalten eingestehen, bereuen und schwören, er werde es nie wieder tun. Das ist nicht der Umgangston, den man mit Leuten pflegen sollte, von denen die eigene Existenz abhängt (Chefs).

3. Ich empfehle als Gesprächsmuster, das Problem vom Chef wegzunehmen und erst einmal auf die eigene Person zu verlagern. Begründung: Wenn der Mitarbeiter ein Problem hat, hilft der Chef gern. Wenn man diesem jedoch Vorwürfe macht, geht er sofort in die aggressive Verteidigung. Also nicht: „Sie machen einen Fehler, indem Sie mich ständig … Ich lasse mir das nicht länger gefallen und fordere Sie auf …“Sondern etwa so: „Ich habe ein Problem. Vielleicht bin ich auch besonders empfindlich, nicht jeder denkt schließlich so wie ich, mancher andere kommt damit vielleicht ganz gut zurecht. Es geht um die Ansprache im direkten Kontakt. Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn ein Kollege oder eine Führungskraft (man beachte 1. die Reihenfolge und 2. die Verallgemeinerung) zu mir schlicht “Müller“ sagt, also das gebräuchliche “Herr“ weglässt. Ich möchte ungern als Mimose gelten. Aber ich wäre dankbar, wenn ich in dieser Frage Ihre Hilfe finden könnte. Sie haben einmal gesagt, Ihre Tür stünde uns jederzeit offen, wenn uns etwas bedrückt – jetzt komme ich auf Ihr Angebot zurück.“

Ich kann nicht garantieren, dass das schon alle Probleme löst. Aber große „Schwierigkeiten“ wird ein derart vorgehender Mitarbeiter nicht bekommen. Und dieses Vorgehen eignet sich für sehr viele Anliegen, die man an Chefs hat. Beachten Sie: Es ist alles gesagt, alles offen ausgesprochen worden, aber hat sich hierbei jemand „beschwert“? Und der Chef hat sogar noch die Chance, großmütig Abhilfe zu versprechen, ohne eigenes Fehlverhalten unbedingt eingestehen zu müssen. Immer und überall im Leben macht der Ton die Musik.

Kurzantwort:

Der kluge Mitarbeiter hat weniger eine „Beschwerde“ beim Chef vorzubringen, er selbst hat hingegen ein „Problem“ – bei dessen Lösung der Chef helfen soll.

Frage-Nr.: 1546
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-12-01

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