Heiko Mell

Mein Management war auf einem „Du“-Workshop

Seit mehreren Jahren bin ich als Abteilungsleiter eines mittelgroßen Unternehmens beschäftigt, das vor meinem Eintritt von einem amerikanischen Konzern gekauft worden war.

Bis vor kurzem waren die Gliederungen in diesem Unternehmen klar: Das mehrköpfige Direktorium unterscheidet sich durch seine Funktion als Entscheidungsträger und durch Statussymbole von den übrigen Mitarbeitern. Das reicht vom Mobiltelefon über Dienstwagen und Prokura bis zu einem Netzwerk zwischen den Direktoren, in dem wichtige Informationen ausgetauscht werden. In der Ebene darunter gibt es Abteilungen mit Abteilungsleitern sowie Mitarbeitern ohne Leitungsfunktion.

Diese Art der Organisation schätze ich als konservativ ein, sehe sie aber als vorteilhaft, da klare Verhältnisse ebenso wie Ziele schaffend – denn der Sprung auf die nächste Hierarchieebene wäre ja jeweils ein klar erkennbarer Fortschritt.

Vor kurzem nun hat das Direktorium als Teil einer Maßnahme zur Bildung einer Unternehmenskultur an einem Workshop teilgenommen. Nach der Rückkehr war ein deutlicher Ruck sowohl vom äußeren Erscheinungsbild als auch vom Verhalten her zu spüren: Kein Direktor trug mehr Krawatte, sie haben damit begonnen, sich mit Abteilungsleitern und Mitarbeiter zu duzen. Meine Fragen:

1. Ich schätze mich als eher konservativ ein, bevorzuge klare Verhältnisse und versuche, eine gesunde Distanz zu wahren. Auch ein von mir geduzter Chef beurteilt mich, entscheidet über mein berufliches Fortkommen und meine Gehaltsentwicklung. Kann mein Verbleib in dieser Unternehmenskultur auf Dauer funktionieren?

2. Mit einem Menschen per „Du“ zu sein, setzt nach meinem Verständnis eine sehr enge persönliche Beziehung, eine Freundschaft, voraus. Angesichts der sehr plötzlichen Umstellung unterstelle ich jedoch andere Motive, vielleicht eine verstärkte Motivation der Mitarbeiter. Bislang hat sich an anderen Merkmalen, die das Direktorium abgrenzen, nichts geändert (Statussymbole).

3. Der Ruck kam plötzlich und heftig. Ist das von langer Dauer oder ist davon auszugehen, dass nach einer Verpuffung dieses Seminareffektes eher wieder eine Rückkehr in eine klare, konservative Struktur zu erwarten ist?

Antwort:

Die Sache ist völlig klar: Der Fehler lag bei Ihnen. So sind sie nun einmal, die Amerikaner, jeder weiß das – und Ihr Unternehmen gehörte ihnen bei Ihrem Eintritt schon. Jetzt haben sie, wie – fast – alle Käufer dem gekauften Objekt die Erscheinungsbilder ihrer Kultur übergestülpt.

Die Duzerei ist amerikanischer Standard-Umgangston – der in der Sprache verankert ist und nichts, aber auch gar nichts zu bedeuten hat und mit unserer gezielt und sparsam eingesetzten Freundschaftsanrede nicht vergleichbar ist. In vielen deutschen Unternehmen innerhalb amerikanischer Konzerne bildet das deutsche Top-Management die Schnittstelle, lässt sich oben und kollegial von den Amerikanern sowie von anderen europäischen Konzernmanagern duzen – siezt aber seinerseits seine deutschen Mitarbeiter. Es gibt Fälle, da duzen sich deutsche Top-Manager, wenn Amerikaner dabei sind, sagen aber „Herr Müller“, wenn sie sich allein treffen.

Ihre Direktoren haben entweder das neue Auftreten verordnet bekommen oder sich entschlossen, das Duzen, wenn sie es denn schon selbst erdulden müssen, gleich allgemein im deutschen Management einzuführen (wes Brot ich ess““, des Lied ich sing). Wie gesagt, es bedeutet nichts, für Deutsche mit konservativer Prägung ist es eine reine Geschmacksfrage und den Eigentümern der Firma gefällt es eben.

Auch das krawattenlose Auftreten (das gern auch nur an bestimmten Tagen „genommen“ wird), hat dort z. T. Tradition, der man sich als leitender Angestellter eines solchen Unternehmens dann besser anschließt. Manche nennen es Kultur, andere empfinden es als „Masche“.“Vergehen“ wird das alles erst – wenn Ihr Unternehmen wieder einmal verkauft wird. Beispielsweise an eine deutsche Gruppe. Sie müssen gehen, wenn es Sie stört.

Kurzantwort:

Wer in ein ausländisch beherrschtes Unternehmen eintreten will, muss vorher prüfen, ob die Kultur dieses Landes ihm gefällt – er wird damit konfrontiert werden.

Frage-Nr.: 1545
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-11-24

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