Chef-Verhalten der Undurchschaubarkeit

In der Antwort auf eine jüngere Frage (1.496) schildern Sie, wie Chefs in der Regel so sind. Natürlich habe auch ich mich weitgehend wiedererkannt. Aber in einem Punkt nicht: Sie schildern, dass Chefs häufig bewusst darauf achten, für ihre Mitarbeiter undurchschaubar zu sein.Dieses Verhalten habe auch ich häufig bei Vorgesetzten wahrgenommen, und es hat mich als engagierten Mitarbeiter immer sehr geärgert. Ich glaube, dass Vorgesetzte damit einen großen Fehler begehen, weil so etwas ausgesprochen demotivierend wirkt.Ich habe auch Chefs gehabt, die so etwas nicht nötig hatten. Und ich selbst bemühe mich ebenfalls sehr darum, für meine Mitarbeiter durchschaubar und transparent zu sein. Das ist zwar manchmal anstrengend und unbequem (z. B. wenn man offenes Feedback über Schlechtleistungen gibt), letztlich aber lohnt es sich.Zumindest habe ich das Gefühl, dass meine Mitarbeiter mich u. a. deshalb schätzen und achten – sie verstehen, was ich will, was meine Grundsätze sind. Und im Ergebnis scheint die Motivation nicht darunter zu leiden. Jedenfalls machen meine Mitarbeiter reihenweise Überstunden, häufig ohne direkten Druck meinerseits.Aber vielleicht liegt das auch nur an meiner bislang nur relativ kurzen „echten“ Führungserfahrung, und später werde ich wie die meisten anderen auch …? Oder ich bin heute schon so und weiß es nur noch nicht?

Antwort:

Ich will zunächst auf die Gründe für die gewollte Undurchschaubarkeit vieler Vorgesetzten eingehen (ohne diese zu verteidigen, darum geht es hier absolut nicht).Im Idealfall ist der Chef ein fachlich sehr kompetenter, mit starker Persönlichkeit ausgestatteter Mensch. „Oben“ ist er sehr gut angesehen, er darf mit weiteren Beförderungen rechnen. Niemand unter ihm zweifelt seine Autorität an, alles hört auf ihn, die Mitarbeiter folgen ihm gern. Dieser (Ideal-)Mann (der ebenso eine Frau sein kann) hat Undurchschaubarkeit nicht nötig.Nun sind solche Führungskräfte selten. Im anderen Extrem ist jener Mann (der ebenso eine …) fachlich schwächer und persönlich überfordert. Und / oder „oben“ schlecht angesehen. Nicht nur, dass an weitere Beförderungen nicht zu denken ist, sogar die fällige Vertragsverlängerung ist unsicher. Nun hat man ihm auch noch Ziele gesetzt, die unerfüllbar zu sein scheinen. Der Mann hat Angst (viele Chefs haben Existenzangst!).Vor allem hat er Angst, überflüssig bzw. durch eigene Mitarbeiter ersetzbar zu werden. Durch Mitarbeiter, die ohnehin meist denken, eigentlich sei der Chef überflüssig und / oder sie könnten das ebenso gut. Will ein solcher Chef in dieser Situation „wie ein offenes Buch“ für seine Mitarbeiter sein? Mitnichten will er das. Undurchschaubarkeit ist also oft auch ein Stück mühsam aufgebauter vermeintlicher Unersetzlichkeit.Oft gebieten auch die Regeln der Führung, sich nicht offen und durchschaubar zu geben. Darf ein Kapitän in starkem Sturm auf die Frage eines ängstlichen Matrosen, was man denn jetzt gegen den drohenden Untergang machen solle, etwa antworten: „Ich weiß es nicht, ich fühle mich genau so verzweifelt und hilflos wie Sie.“ Darf er nicht. Zuversicht im Blick, Stahl in der Stimme, gibt er klare Kommandos und verhindert allein dadurch Verzagtheit und Chaos.Auch dieses vorgespielte Rollenverhalten wäre eine spezielle Art der Undurchschaubarkeit („der weiß immer, was zu tun ist, der hat doch mehr drauf als wir einfachen Matrosen“).Soviel dazu. Aber mich bewegt, wenn ich Ihre Zuschrift so lese, noch etwas anderes:Sie sind eine junge Führungskraft. Und Sie sind stolz auf Ihr gutes Verhältnis zu Ihren Mitarbeitern. Es ist Ihnen wichtig, dass die Sie achten („mich schätzen“) und dass Sie ein gutes Verhältnis zueinander haben. Das wiederum eine wichtige Basis ist für die Motivation der Gruppe, für Mehrarbeit usw.Das ist alles richtig. Aber es ist nur ein Teil der Wahrheit. Und der andere Teil wird vergessen, verdrängt oder aus Leichtsinn missachtet. Ich formuliere jetzt bewusst etwas überzeichnet, damit ich ankomme mit meiner Aussage, die mir sehr wichtig ist:Das Geachtet- und Geschätztwerden durch die Mitarbeiter, das tolle Klima und das Super-Verhältnis zu den „Leuten“ ist schön, wenn es sich denn so ergibt. Aber seien Sie extrem zurückhaltend, das anzustreben. Denn das ist nicht Ihr Job, dafür werden Sie nicht vorrangig bezahlt! Ihre Aufgabe, von „oben“ verliehen und definiert sowie in ihrer Ausführung allein von „oben“ kontrolliert und bewertet, ist die Erreichung bestimmter Ergebnisse und Ziele. Unter Einbeziehung der Ihnen anvertrauten Mitarbeiter.Schön, wenn Ihr Vorgehen letzteren zusagt. Aber das ist nicht gefordert. Ihrem Chef hingegen soll Ihr Führen gefallen, darum geht es, zu dem Zweck wurden Sie ernannt. Wenn Sie das schaffen – toll. Wenn zusätzlich auch noch Ihre Mitarbeiter glücklich sind – noch ein bisschen toller. Aber beachten Sie die Priorität!Denn eines Tages wird – verlassen Sie sich darauf – jemand über Ihnen etwas verlangen, dessen Durchführung Sie in Konflikt zu Ihren Leuten bringen muss. Etwas, das vielleicht auch Ihnen nicht einleuchtet und Sie zwingt, vor Ihre Mitarbeiter zu treten und (loyal zu Unternehmen und Chef) etwas anzuordnen, was im Gegensatz steht zu dem, was Sie gestern noch gefordert haben. Und dann wird entweder aus Liebe der Mitarbeiter Hass, Enttäuschung oder Verachtung. Oder Sie vertreten „oben“ vorrangig die Interessen Ihrer Leute – und landen im Outplacement (es muss ja nicht bei mir sein, dies als Trost).

Kurzantwort:

Insbesondere junge Manager in ihrer ersten Führungsaufgabe sollten sich kein falsches Ziel setzen: Die Zufriedenheit der unterstellten Mitarbeiter, das optimale Verhältnis zu ihnen und deren begeisterte Zuneigung sind weder gefordert noch uneingeschränkt empfehlenswert. Primärziel ist es, Wohlwollen und Zuneigung des eigenen Chefs zu erhalten. Im – stets zu erwartenden – Konfliktfall muss klar sein, wo die Priorität liegt.
Frage-Nr.: 1511
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-07-28

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