Ich (w) wurde „angemacht“ und gefeuert

Ich hätte nie geglaubt, einmal Ihren Rat einholen zu müssen. Für mich schien bisher alles so schlüssig und nachvollziehbar, was Sie schrieben. Jetzt bin ich voll in ein „emotionales Messer“ gelaufen, und es könnte sein, daß mir so etwas wieder passiert.Hier also eine neue Facette für Ihre Geschichten aus dem prallen Leben. Ich bin 27 Jahre alt, weiblich. Vor einigen Monaten begann ich meine Tätigkeit bei einem großen Automobilkonzern.Ziemlich von Anfang an wurde ich von einem vorgesetzten Mitarbeiter stets für meine Arbeit sehr gelobt und mit Komplimenten überhäuft. Nach anfänglichem kollegialen Schulterklopfen steigerten sich seine Annäherungsversuche zum Umarmen, um die Hüfte fassen und auf die Wange küssen. Schließlich, nach vier Monaten, wurde ich von ihm gefragt, wie ich seine Verhaltensweise fände. Daraufhin sagte ich ihm sehr vorsichtig in etwa, daß ich das nicht mag und er es lassen sollte und es nicht hierher passe.Daraufhin änderte sich das Benehmen dieses Vorgesetzten um 180°. Er wurde mir gegenüber launisch, kritisierte, drängte mich, schneller zu arbeiten und stand ständig hinter mir, um mich zu kontrollieren. Das endete dann im 6. Monat der Probezeit mit einer sofortigen Kündigung wegen angeblich mangelhafter Leistung. Irgendwelche Kritikgespräche oder Abmahnungen hat es nicht gegeben.Obwohl die ganze Angelegenheit von mir noch vor den Betriebsrat gebracht wurde, sagte man dort, daß man nichts für mich tun könne, da ich keine Zeugen finden würde, die diese Belästigungen bestätigten, denn alle Mitarbeiter hätten Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.Rückblickend sage ich mir, ich hätte mich ruhig verhalten und zumindest die Probezeit abwarten sollen.Was rät Heiko Mell? Ich glaube, dieses Problem gibt es häufiger als gemeinhin zugegeben wird, denn auch hier versuchte man sofort, diesen „Sprengstoff“, wie man den Fall nannte, unter den Teppich zu kehren. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Antwort:

Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis – damit meine ich mich und meine Bereitschaft, mich mit einem Thema einzulassen, bei dem sich jeglicher Kommentar zur Tretmine auswachsen kann. Aber hat mich das je schrecken können? Also dann:Nehmen wir einmal an, geehrte Einsenderin, es sei genau so gewesen wie Sie es geschildert haben. Dann sieht das in meinen Augen etwa so aus:1. Die Geschichte ist durchaus nachvollziehbar. Überall dort, wo Männer und Frauen zusammenkommen, muß – trotz aller Gegenmaßnahmen per Erziehung, Moralkodex, Verhaltensnorm, Strafvorschrift – mit einer bestimmten Zahl von „Vorkommnissen“ gerechnet werden. Der dahinterstehende Ur-instinkt ist einfach zu mächtig. Ich will damit nichts entschuldigen, absolut nichts. Aber es gilt auch: Wo es Eigentum gibt, gibt es auch Diebstahl. Nichts und niemand wird das jemals völlig ausschließen können (was ja nicht bedeutet, daß ich Diebstahl gutheiße).2. Nur um es abzuhaken: Was der „vorge-setzte Mitarbeiter“ sich da geleistet hat, ist diskussionslos falsch und disqualifiziert ihn. Aber um ihn geht es ja hier gar nicht mehr.3. Es kann(!) durchaus sein, daß es völlig unabhängig von der „Anmache“ und dem anschließenden „Abblitzen“ des Vorgesetzten auch zu einer Entlassung am Ende der Probezeit gekommen wäre. Ein Berufsanfänger wird am Anfang freundlich aufgenommen, man bringt ihm Wohlwollen entgegen, stützt und fördert ihn. Dann, wenn die erste Einarbeitungsphase vorüber ist und von ihm Leistung gefordert wird, „bringt“ er nichts, versagt er beim ersten Druck und wird schließlich am Ende der Probezeit entlassen. Das alles gibt es auch ohne jeden sexuellen Touch. Letzterer kann hinzukommen – aber hier liegt kein Beweis im streng juristischen Sinne vor, daß dieser Faktor ursächlich war.4. Ihr Lösungsansatz, Sie hätten sich zumindest während der Probezeit „ruhig verhalten“ (also den Vorgesetzten noch nicht so früh zurückweisen) sollen, ist indiskutabel. Sie sollten schon aus Selbstachtung nicht einmal daran denken. Außerdem wäre später, wenn Sie nun plötzlich Ihr Verhalten um 180° ändern würden, der „Knall“ vermutlich viel größer – und der Vorgesetzte könnte durchaus auch Entlastungspunkte an vielen Stammtischen sammeln.5. „Es könnte sein, daß mir so etwas wieder passiert.“ Sie sind 27, da wissen Sie als Frau ja doch schon einiges über Ihre Anziehungskraft auf Männer – und auch darüber, ob solche Versuche wie die Ihres damaligen Vorgesetzten eher oft oder eher selten vorkommen. Vielleicht reagiert ja auch nur dieser eine Mann über, dann müßten Sie eher keine ständigen Wiederholungen befürchten. Daß Chefs am Arbeitsplatz generell häufiger zu solchen Annäherungsversuchen neigen als Männer in der U-Bahn oder der Diskothek, würde ich nicht unterstellen.6. Mit allem Respekt und mit aller Vorsicht und absolut eingedenk Ihres damaligen Status als Mitarbeiterin in der Probezeit meine ich: Sie hätten die Dinge wahrscheinlich nicht so weit kommen lassen sollen. Umarmungen, um die Hüfte fassen und auf die Wange küssen sind hierzulande zwischen Menschen, die eine reine Sachbeziehung haben und sich erst kurze Zeit kennen, nicht üblich. Sie haben – vielleicht verunsichert durch die Situation „Probezeit“ und „unerfahren in der Berufswelt“ – nicht früh und energisch, aber auch nicht diplomatisch genug eine Grenze gezogen. Wer Übergriffe hinnimmt, ermuntert den Übergreifer. Und ganz am Anfang eines Kennenlernens ist auch für Männer eine Grenzziehung leichter zu verkraften als mitten in einem fortgeschrittenen Prozeß. Wehret den Anfängen!

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1460
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-01-28

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