Mit vollem Engagement zwischen alle Fronten!

Ich bin Diplom-Ingenieur, gut Mitte 30. Nach fünf Jahren bei meiner ersten Firma bewarb ich mich bei einem mittelständisch strukturierten Unternehmen, das Tochter eines weltweiten Konzerns ist.Vom Entwicklungsleiter wurde mir beim Vorstellungsgespräch angeboten, dort eine neue Abteilung (Entwicklung + Projektmanagement) mit einem neuen Zweig an Produkten aufbauen zu können. Bei meinem Ehrgeiz gepackt, sagte ich zu und stürzte mich voller Eifer auf diese äußerst interessant und herausfordernd erscheinende Aufgabe.Schon bald klärte sich meine Situation folgendermaßen: Der neue Produktzweig war eine Idee aus dem Mutterkonzern und wurde von unserem Geschäftsführer zunächst keineswegs begrüßt. Mein Chef, der Entwicklungsleiter, war nur sehr halbherzig (und wohl eher aus opportunistischer Einstellung) daran interessiert.Ich merkte bald, daß er mich nicht als verantwortungsvollen Manager, sondern eher als fachkundigen Ansprechpartner sehen wollte, um seine eher privat motivierten und reichlich theoretischen Lieblingsthemen zu erörtern.De facto mußte ich mich bald entscheiden, entweder den persönlichen Adjutanten meines Chefs ohne eigene Ambitionen zu spielen oder die mir übertragene Aufgabe ohne seine Unterstützung und Rückendeckung voranzutreiben. Die dritte Möglichkeit – Flucht – entfiel, da der Markt für leitende Ingenieure zu dieser Zeit sehr eng war.Ich entschied mich für die Sache und versuchte trotzdem, meinem Chef soweit wie möglich entgegenzukommen. Das Verhältnis zu meinem Chef wurde weiter dadurch belastet, daß er technisch elegante Konzepte favorisierte, während ich mich am technisch Machbaren und an den Kundenwünschen orientierte.Da dem Mutterkonzern sehr am Gelingen des neuen Zweiges gelegen war, wurde meinem Chef bald ein Vertreter der Mutter beigeordnet, was die Aufsicht über den neuen Zweig betraf (später hatte mein Chef diesbezüglich nur noch eine beratende Funktion, blieb aber weiterhin mein disziplinarischer Vorgesetzter). Das belastete die Situation natürlich noch mehr. Dazu kam, daß sich die beiden Herren kaum auf eine gemeinsame Linie einigen konnten. Auch unser Geschäftsführer hatte zu allem seine abweichende Meinung.Trotz dieser Widrigkeiten und dank der guten Zusammenarbeit mit dem Vertreter des Mutterkonzerns konnte ich wichtige Projekte retten und meinen nicht unerheblichen Teil dazu beitragen, daß der neue Bereich in der Mitarbeiterzahl drastisch anwuchs und einen erheblichen Teil des Umsatzes der Gesellschaft erzielte.Nach einer schweren Auseinandersetzung mit meinem disziplinarischen Chef, bei der es darum ging, daß er mich zu einer Aktion zwingen wollte, die ich auch heute nicht mit meinem staatsbürgerlichen Gewissen vereinbaren könnte, hatte ich ihn zum erklärten Feind.Ich suchte eine ganze Weile nach einer angemessenen Position und kündigte dann. Der Geschäftsführer und der Vertreter des Mutterkonzerns waren ernsthaft betroffen. Der GF versuchte noch, mich zurückzuhalten und bot mir an, jederzeit zurückkehren zu können.Fazit: Die Situation war von Anfang an verfahren.Frage: Wie geht man mit einer solchen Situation um? Habe ich nicht das Bestmögliche daraus gemacht? Ich bin jetzt Technischer Leiter einer anderen mittelständischen Firma. Hätte ich mich damals dafür entschieden, persönlicher Attaché zu werden, wäre ich jetzt nicht Technischer Leiter – oder?Ich bekomme jetzt die Quittung in Form eines Arbeitszeugnisses, das ich als bösen Karrierekiller einschätze. (Es folgt im Original eine längere Schilderung der Vorgänge um das Zeugnis, mehrere Entwürfe und Ausfertigungen liegen bei; d. Autor.)

Antwort:

Ein Geschichte, wie das (Berufs-)Leben sie schreibt. Sie kommt jeden Tag irgendwo vor; niemand darf sicher sein, „so etwas“ niemals selbst erleben zu müssen. Also ist die Analyse angebracht, wie man damit umgeht:Aus den mir vorliegenden Daten geht hervor, daß Sie ein junger Ingenieur von 31 Jahren mit fünf Jahren Praxis waren, als Sie bei jenem Unternehmen eintraten. Die verschiedenen Zeugnisausführungen nennen als Einstiegsposition dort einen „Entwicklungsingenieur“ oder „Projektleiter in der Entwicklung“. Nach kurzer Zeit übertrug man Ihnen die Leitung einer offenbar neugeschaffenen, aufzubauenden Hauptabteilung (lt. Zeugnistext).Da hätten Sie doch sehr, sehr mißtrauisch werden müssen! Oder anders gesagt: Wer macht denn so etwas, noch dazu in einem Konzernbetrieb und überträgt einem so jungen, bis dahin wohl „führungsmäßig“ vollständig unerfahrenen Mann von 31 Jahren den Aufbau und die Leitung einer Hauptabteilung? Daß man dieses „Paket“ Ihnen aufgebürdet hat, ist doch ein sicheres Indiz dafür, wie die Entscheidungsträger damals das Projekt insgesamt eingestuft hatten: „halbherzig“ eben und mit dem Gedanken, man könne zwar gegen die albernen Ideen der Mutter nichts tun, aber man brauche das alles ja auch nicht zu übertreiben. „Heißa“, jubelte der Entwicklungsleiter, „dann bekomme ich eine neue Planstelle und die nutze ich inoffiziell, um mir einen Assistenten aufzubauen.“Das alles hätten Sie spüren müssen – wenn Sie weniger vom „Ehrgeiz gepackt“, sondern etwas kritischer sich selbst gegenüber gewesen wären. „Warum geben die ein so großes Ding ausgerechnet in meine Verantwortung?“, wäre die Frage gewesen. Sie hätten also schon bei der Einstellung mißtrauisch sein sollen. Von da an lief alles nach der eigenen, aber vorhersehbaren Logik solcher Konstellationen. Ein zweite, jetzt schon massivere, Warnung erhielten Sie, als der Interessenkonflikt zwischen der fernen Mutter und Ihrem Chef ausbrach. Diese Situation ist von tödlicher Brisanz. Sie taten, was Ingenieure stets gern tun – Sie entschieden sich für die „Sache“. Was so übrigens nicht richtig ist – es gibt in diesen Fragen keine Sache, sondern nur unterschiedliche machtpolitische Felder. Aber nehmen wir ruhig einmal an, es wäre so gewesen wie Sie es sehen. Dann lautet meine Aussage, in der wiederum die ganze „tödliche Brisanz“ erkennbar wird: „Sachen schreiben keine (guten) Zeugnisse“.Soll ich einmal ein Muster an Banalität abgeben? Ich formuliere die aufsehenerregende Regel: Chefs, die sich über Mitarbeiter massiv ärgern, geben diesen keine guten Beurteilungen. Dann haben Sie auch noch technisch-fachlich nach „links“ tendiert, während Ihr Chef „rechts“ favorisierte. Chefs, die sich über Mitarbeiter massiv ärgern, … aber das hatten wir ja schon.Als schließlich der Chef den beigeordneten Vertreter der Mutter bekam, herrschte „Krieg“ – von da ab war die Situation für Sie praktisch nicht mehr beherrschbar. Man erkennt übrigens, daß Sie in den Augen Ihres Chefs enger mit dem „Feind“ als mit ihm selbst zusammengearbeitet haben – wofür man in „richtigen“ Kriegen erschossen wird …Spätestens in dieser Situation hätten Sie die „Notbremse“ ziehen und so nicht weitermachen dürfen. Eine Serie einzelner Gespräche mit allen drei Chefs bzw. Partnern, die Sie inzwischen „über Ihnen“ hatten oder auch ein gemeinsames Vierertreffen – irgendwie hätten Sie als Schwächster im Bunde sagen müssen: „Ich kann nicht mehr. Ich will arbeiten, ich kann sachliche Resultate erzielen – aber bitte einigt euch, sprecht mit einer Stimme, sagt mir eindeutig, was ich tun soll, nehmt mich aus dieser unhaltbaren Situation heraus“ (damit hätten die ein Problem gehabt).Dann der Höhepunkt: Sie machen sich mit einer höchst nebulösen Begründung („staatsbürgerlich“) Ihren disziplinarischen Chef zum Feind. Ich könnte sofort eine neue Regel kreieren: Ein Chef, den man sich zum Feind macht, schreibt kein gutes Zeugnis. Aber wem soll ich das als Sensation verkaufen?Also die Sache mit dem Zeugnis ist klar: Sie hatten massiven Ärger mit dem Chef, dieser war überhaupt nicht mit Ihnen zufrieden – und das steht nun im Dokument. Dieses ist damit sachlich (ging es Ihnen nicht „um die Sache“?) ziemlich korrekt. Bitte beachten Sie auch: Beide Zeugnisse (1. Ausführung, 2. Ausführung), die Sie inzwischen haben (eines immer kritischer als das andere) tragen allein die Unterschrift Ihres früheren Geschäftsführers – der damit ja wohl doch nicht so eindeutig auf Ihrer Seite stand wie Sie beim Ausscheiden dachten („wollte mich halten“).Nun sind Sie technischer Leiter (woanders) und fragen, ob damit nicht doch alles letztlich vorteilhaft für Sie war. Aber Sie haben mehrere Belastungen zu tragen:a) Sie können vor sich selbst (und darauf kommt es an) das letzte Engagement nicht als Erfolg sehen. Das ruhige Bewußtsein jedoch, bisher alles erfolgreich hinbekommen zu haben, ist der beste Nährboden, auf dem neuer Erfolg gedeiht. Der fehlt nun, das könnte, ja muß eigentlich zu Selbstzweifeln führen.b) Die Probleme beim letzten Arbeitgeber schimmern im Zeugnis durch (dazu sind Zeugnisse ja letztlich da). Wenn Sie sich jetzt bald wieder bewerben, würde das Ihre Marktchancen beeinträchtigen.c) Wenn Sie noch einmal „Pech“ dieser Art haben sollten, addieren sich die kritischen Punkte, Sie werden leicht zum „Wiederholungstäter“ in den Augen Dritter.d) Sie können da, wo Sie jetzt sind, so schnell nicht weg – nicht mit dem Zeugnis. Damit ist die stärkste „Waffe“ des Angestellten (Kündigung) in Ihrem Fall erst einmal stumpf. Je später Sie sich wieder bewerben, desto geringer die Bedeutung des dann „alten“ Zeugnisses gegenüber dem, was Sie dann über Ihren „heutigen“ Job, über Beförderungen und Erfolge in der Bewerbung schreiben können.Im Moment ist Ihr Technischer Leiter ein bißchen wie ein toll aussehendes Haus, dessen Fundament brüchig ist. Das merkt erst jemand, wenn Sie das Haus verkaufen wollen. Bis dahin haben Sie Zeit, die Kellermauern Stück für Stück zu verstärken.Sie stellen dann noch Fragen, wie nachträglich ein besseres Zeugnis zu bekommen wäre. Darin kommen Begriffe wie „Gericht“ und „Zeugen“ vor. Ich rate entschieden ab. Ihr Chef war, ich zitiere, „Ihr „erklärter Feind“. Auf der Basis ist ein Kampf um eine „unbelastete“ berufliche Vergangenheit nicht zu gewinnen, weil es die gar nicht gab!Und bitte sehen Sie, wie wenig der reine Kampf um die „Sache“ sich für den „kleinen“ Angestellten lohnt. Kämpfen Sie taktisch vor allem für sich selbst, das hat Zukunft. Ich weiß genau, wie sich das liest. Aber die Realität steht hinter mir.

Kurzantwort:

Zufriedene Chefs schreiben gute Zeugnisse, „erklärte Feinde“ tun es eher nicht. Gute Zeugnisse werden erarbeitet, nicht hinterher erstritten.
Frage-Nr.: 1454
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-01-07

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