Meine Chefs schreien sich an

Seit mehr als einem Jahr bin ich Projektleiter bei einer der größeren …-firmen in … Wir sind ein alteingesessener Betrieb mit X Monteuren und Y Leuten für Planung und Verwaltung. Als einziger angestellter Ingenieur bin ich hauptsächlich für die „technisch aufwendigen Brocken“ unserer Aufträge zuständig.Die jetzige Unternehmensleitung umfaßt einen technischen und einen kaufmännischen Geschäftsführer (GF). Diese beiden GF haben fast ausnahmslos gegensätzliche Ansichten. Sie sind sich nicht einig und reden kaum mehr miteinander. Wenn überhaupt, dann schreien sie sich an. Diskretion gegenüber der Belegschaft interessiert nicht. Beide haben Defizite, sich bei anstehenden Schwierigkeiten zu entscheiden. Bei der wöchentlichen Projektleiterbesprechung wird nur „gesülzt“ und höchstens entschieden, „daß mal über das Thema gesprochen werden muß“ – und auf die nächste Woche vertagt.Wir anderen sind davon so genervt, daß Schwierigkeiten nach Möglichkeit gar nicht mehr an den technischen GF herangetragen werden, weil konkrete Hilfe nicht zu erwarten ist. Sogar bei einigen Kunden ist keiner der beiden GF gern gesehen. Unser Umsatz ging im letzten Jahr zweistellig zurück. Von den GF wird das mit der miesen Branchenkonjunktur begründet nach dem Motto „die Schuld tragen andere“. Mittlerweile ist das Betriebsklima so miserabel, daß keiner aus dem Büro mehr für diese GF arbeiten will und schon manche unserer Monteure aussprechen, daß „der Fisch am Kopf anfängt zu stinken“.Ich habe selbst viele Jahre als Monteur in dem Metier bei leider zu vielen Arbeitgebern gearbeitet, bis ich mit knapp 30 Jahren mein Studium begann. Dies ist meine erste Anstellung danach. Ursprünglich wollte ich mindestens fünf Jahre „alles durchstehen“ und nicht mehr wechseln – auch im Glauben, ich hätte dazugelernt.Mit unseren Kunden kann ich gut zusammenarbeiten, meine Arbeit macht mir Spaß. Deshalb habe ich im Grunde keinerlei Ambitionen zu wechseln. Andererseits schätze ich die Überlebenszeit unserer Firma nur noch auf drei bis fünf Jahre.Wie kann sich ein Mitarbeiter in so einer Situation angemessen verhalten? Ich möchte meine früheren Fehler eines zu schnellen Wechsels nicht wiederholen und nicht der Illoyalität bezichtigt werden. Habe ich überhaupt eine Wahl?

Antwort:

Das Thema berührt drei unterschiedliche Aspekte, die wir auch getrennt behandeln sollten:1. Muß mit derartigen betrieblichen Verhältnissen gerechnet werden, ist so etwas für bestimmte Firmen gar typisch?Leider ja. Probleme dieser Art treten völlig unabhängig von Firmengrößen oder Branchen auf. Ursache ist die – von den Gesellschaftern zu vertretende – Aufteilung der Macht auf zwei gleichberechtigte Personen. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die harmonisch zusammenarbeiten. Aber das ist dann eher Zufall – schon das Austauschen eines Geschäftsführers kann den „Dschun-gelkampf“ ausbrechen lassen.Etwas besser funktioniert diese Konstruktion, wenn eine starke Autorität über den beiden potentiellen Kampfhähnen vorhanden ist. Beispiel: Eine doppelt besetzte Werkleitung unter einem seine Aufsichtspflicht sehr ernst nehmenden Vorstandsmitglied.Aber zwei GF an der Spitze und mehrere Gesellschafter darüber, die kaum merken, was im Detail vorgeht – das ist eine klare Fehlkonstruktion. Sie berücksichtigt nicht hinreichend die Schwächen menschlicher Charaktere.Stellen Sie sich ein Schiff vor, bei dem die Kapitänsposition doppelt besetzt ist. Entweder halten die beiden vor jeder kleinen Entscheidung endlose Palaver ab oder sie machen mit sich widersprechenden Kommandos die Mannschaft wahnsinnig. Deshalb hat man in der Marine auch die goldene Regel: „Auf jedem Schiff, obs dampft, obs segelt, gibts einen, der die Sache regelt.“ Eine weise Einrichtung.Das bedeutet übrigens nicht, daß ein GF nach Hause gehen und der andere doppelt so viel arbeiten sollte. Aber einer sollte GF sein und der andere „nur“ Prokurist; oder einer ist Vorsitzender der GF und der andere „einfacher“ Geschäftsführer. Wichtig ist, daß einer „das letzte Wort“ hat.2. Welche Möglichkeiten hat ein (leitender) Angestellter, „von unten her“ etwas gegen diese Misere zu tun?Grundsätzlich keine – jedenfalls keine, von der er etwas hat. Den beiden Streithähnen als Untergebener ins Gewissen zu reden, ist aussichtslos. Ihnen zu drohen, mit Kündigung, Streik oder was auch immer, darf nicht einmal erwogen werden.Da nach Punkt 1 klar ist, daß die Ursache nicht in den Personen der GF, sondern in der Konstruktion der Unternehmensleitung liegt, wären die eigentlichen Ansprechpartner die Gesellschafter. Die aber würden das Problem entweder nicht verstehen oder nicht mit „kleinen Angestellten“ reden oder sich doch – wieder – nicht einigen können.Außerdem könnte ein solcher Vorstoß ein verblüffendes Resultat erzielen: Plötzlich wären sich beide GF in einem Punkt einig, nämlich im Haß auf den Mitarbeiter, der sich „oben“ über sie „beschwert“ hat (wie sie es nennen werden).Nein, für solche Fälle sehen die Spielregeln des Systems nur eine Lösung vor: Wer sich durch diese Probleme extrem belastet sieht, muß gehen. Dazu wiederum braucht er einen neuen Job – und um den zu bekommen, muß er auf dem Arbeitsmarkt begehrt sein. Um das gewährleisten zu können, darf er vorher nicht zu oft gewechselt haben, sonst ist sein Kreditrahmen überzogen. Für solche Notfälle bildet man im Lebenslauf vorher(!) „Spargut-haben“ bei früheren Arbeitgebern.3. Die spezielle Situation unseres Einsenders:Gut ein Jahr in der ersten Position nach dem Studium, das ist nicht gut für einen Wechsel. Wenn Sie noch dazu spät studiert und damit lange Jahre gewerblicher Praxis haben, sieht das wie Flucht vor der ungewohnten, Sie überfordernden Aufgabe eines Ingenieurs aus. Zwei, besser drei Jahre sollten es schon sein.Außerdem wissen Sie nicht, was beim nächsten Arbeitgeber kommt. Der könnte in wirtschaftliche Probleme geraten – und schon hätten Sie zwei extrem kurze Dienstzeiten hintereinander. Denken Sie daran: fünf Jahre pro Arbeitgeber sind im Durchschnitt für Tätigkeiten eines Akademikers mindestens anzustreben (zwei bis drei Jahre beim Sonderfall Einstiegsposition). Also gilt es, noch etwa ein Jahr durchzuhalten – und zu überleben. Wenn Sie nur das als Ziel nehmen, müßte es zu schaffen sein. Die Konflikte bedrücken Sie ja vor allem, wenn Sie

  • – an das Wohl des Unternehmens denken (vergessen Sie das – warum setzten die Gesellschafter auch eine derart unproduktive GF ein);
  • – aus eigenem Antrieb möglichst effizient arbeiten wollen (das ist dort offenbar nicht so wichtig; arbeiten Sie eben so effizient, wie es unter den gegebenen Umständen möglich ist);
  • – sich generell über Hindernisse ärgern (über dieses hier müssen Sie sich nicht ärgern, wenn Sie kühl und logisch an die Dinge herangehen: Das Unternehmen, vertreten durch die beiden GF, hat Ihre Arbeitskraft „gekauft“. Nun geben Sie ihm, was unter den obwaltenden Umständen möglich ist).

Ach und noch etwas Wichtiges: Der junge Akademiker in den ersten Berufsjahren nach dem Studium kann kaum beurteilen, ob er nur „den ganz normalen Wahnsinn“ des beruflichen Alltags erlebt oder in eine wirklich nicht alltägliche Sondersituation hineingeraten ist. Daher ist gerade ihm zur Besonnenheit zu raten. Ich habe hier schon oft geschrieben, daß ich die Produktivitätsreserven im Management auf bis zu 80 % der Gesamtkapazität schätze – wegen der berühmt-berüchtigten menschlichen Unzulänglichkeiten.Und als Warnung: In Vorstellungsgesprächen äußern erfahrene Manager oft, ihre ersten Arbeitgeberwechsel hätten sie sich aus heutiger Sicht ersparen sollen – es sei woanders auch nicht besser gewesen. Das Problem ist die Unterscheidung zwischen dem „System an sich“ (klingt besser, müßte aber wohl „an und für sich“ heißen) und dem einzelnen Unternehmen.Hinzu kommt meine goldene Erkenntnis über Bewerber: Sie tun es immer wieder. Wer bei drei Arbeitgebern nach (zu) kurzer Zeit gewechselt hat, wird es auch beim vierten tun. Das Problem dabei: Es wird ihm nicht bewußt sein, daß er „es wieder tut“. Er wird hingegen fest davon ausgehen, daß ungewöhnliche, ja extreme Umstände ihm gar keine andere Wahl ließen.Ich habe, gerade wegen der besonderen Bedeutung dieses Themas, große Lust, folgendes zu empfehlen: Wer mehrere kurze Dienstzeiten nacheinander aufzuweisen hat – unabhängig von den vermeintlich „guten Gründen“ dafür – stelle sich allein vor den Spiegel und sage zu sich: „Ich bin ein Häufigwechsler; meine Toleranzschwelle, ab welcher Belastung ich zur Flucht neige, ist niedriger als bei vielen anderen Menschen.“ Oft hilft diese Selbsterkenntnis, mitunter schützt sie vor Wiederholungen.Service für Querleser:1. „Auf jedem Schiff, obs dampft, obs segelt, gibts einen, der die Sache regelt“ (Marineweisheit).

Kurzantwort:

1. „Auf jedem Schiff, obs dampft, obs segelt, gibts einen, der die Sache regelt“ (Marineweisheit).

2. Nahezu alle „Häufigwechsler“ glauben, gute Gründe für die kurzen Dienstzeiten pro Arbeitgeber zu haben. Wahr ist hingegen, daß meist nur ihre Toleranz gegenüber durchaus üblichen Belastungen geringer ist.
Frage-Nr.: 1397
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-06-18

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