Über mir knirscht es

Mein Problem läßt sich knapp umreißen: Mein direkter und mein nächsthöherer Vorgesetzter können nicht miteinander.Dabei sehe ich für mich die Gefahr, zunehmend zwischen den Stühlen zu sitzen. Grundsätzlich komme ich mit den beiden fachlich und menschlich sehr gut klar. Aus Gründen der Loyalität und Praktikabilität bei der täglichen Zusammenarbeit ist für mich zunächst mein direkter Vorgesetzter die entscheidendere Person. Allerdings steht er mit seinen Ideen und seinem Führungsstil häufig in der Firma ziemlich einsam da, und auch ich gebe in vielen Fällen eigentlich meinem nächsthöheren Vorgesetzten recht, zu dem ich – u. a. da er mich letztlich eingestellt hat – ein sehr gutes Vertrauensverhältnis habe.Meinem direkten Chef ist das in letzter Zeit nicht völlig zu unrecht suspekt geworden, da er sich mit mehreren Aktionen ins Abseits gestellt hat und den Ärger, den er mit seinem Vorgesetzten hat, sicherlich auch auf Indiskretionen von meiner Seite aus zurückführt (auch wenn dem gar nicht so ist).Wie soll man sich generell in so einer Situation verhalten? Einerseits schmeichelt es der Eitelkeit, vom nächsthöheren Vorgesetzten ernstgenommen und unterstützt zu werden, andererseits macht es die tägliche Arbeit nicht gerade leicht. Die vorhandenen Spannungen verunsichern inzwischen auch die mir zugeordneten Mitarbeiter, und das ganze Theater kostet mich mehr als ein Viertel meiner Arbeitszeit. Für die Firma ist diese Situation natürlich hochgradig suboptimal, aber solange keine Lösung „von oben“ erfolgt, wüßte ich doch zumindest gerne, ob ich mich tendenziell eher offen auf eine der beiden Seiten schlagen oder die Gratwanderung zwischen den beiden Stühlen noch weiter zu überleben versuchen sollte.Ach ja, es klingt zwar sehr nach Schmeichelei, aber ich möchte Ihnen sehr für Ihre überaus lehrreiche Serie danken. Ich reiche sie regelmäßig im Freundeskreis (auch an Nicht-Ingenieure) weiter und möchte Ihnen den schönsten Kommentar eines Freundes nicht vorenthalten: „Nach ein paar Folgen Heiko Mell braucht man keinen Psychologen mehr!“

Antwort:

Also was letzteres genau bedeuten soll, weiß ich nicht. Jedenfalls möchte ich bitte nicht etwa im Umkehrschluß als jemand gelten, der für Leute schreibt, die eigentlich einen Psychologen brauchen würden. Was wiederum nicht gegen diese Berufsgruppe gerichtet sein soll, ich habe Gegner genug.Ich kann, geehrter Einsender, nicht nur für Sie oder andere Fragesteller schreiben, ich muß stets auch um möglichst breite Information für möglichst viele bemüht sein. Daher versuche ich auch hier, für (noch) nicht betroffene Leser ein paar Hintergründe zu erläutern:Zunächst einmal spielt sich dieser spezielle Konflikt in einer Firmenumgebung ab, die man durchaus als „fein“ bezeichnen darf. Weiter kann ich aus Gründen der Vertraulichkeit nicht gehen – ich will aber vermeiden, daß vielleicht ein jüngerer Leser, der altersbedingt noch den festen Glauben an das Gute in den Strukturen größerer Unternehmen hat, die Geschichte irgendwo bei einer „Klitsche in der Provinz“ angesiedelt wähnt.Abgesehen davon: Das Problem ist absolut typisch für komplexe Führungsstrukturen und irgendwie „so alt wie die Welt“; es ist unausrottbar und würde beispielsweise einem Geschichtsschreiber aus der Zeit Cäsars sehr vertraut vorkommen. „Nichts hat sich geändert“, würde er murmeln. Was ja nicht einmal falsch wäre. Schließlich werden auch heute noch „Cäsaren“ von Machtpositionen vorzeitig entfernt – nur der Dolch ist hierzulande durch feinere Methoden ersetzt worden.Da man, wenn es denn einen Schuldigen gibt, den immer auch ruhig nennen soll: In diesem Fall ist der nächsthöhere Vorgesetzte derjenige, der allein die Zuständigkeit für „das ganze Theater“ hat. Schließlich geschieht all dies in seinem Bereich – und er ist aufgerufen, das abzustellen. Da dafür aber im Moment seine Macht vielleicht nicht ausreicht oder da er eventuell glaubt, den Staub, den eine Bereinigung der Situation zwangsläufig aufwirbelt, mit Blick auf seine Vorgesetzten nicht gebrauchen zu können, unterläßt er das. Prinzip dabei: Wer nichts macht, macht auch zunächst nichts Falsches.Er, der nächsthöhere Vorgesetzte, hat ganz klar die besten Karten in diesem „Spiel“. So schnell kann ihm nichts geschehen – sofern es ihm gelingt, den Konflikt schön „unter der Decke“ zu halten. Bekommen sich die zwei Leute unter ihm in die Haare, kann er schlichten – und die Waage einmal so, einmal so ausschlagen lassen und geschickt mit wechselnden Mehrheiten operieren.“Teile und herrsche“ soll auf Ludwig XI. (1461 – 1483) zurückgehen, auch Goethe hat es sehr schön formuliert: „Entzwei““ und gebiete!“ (hat es aber nicht gerade empfohlen). In jedem Fall kann der „Oberboss“ erst einmal in Ruhe abwarten, was geschieht.Der direkte Vorgesetzte nun hat schon einen schwereren Stand. Er harmoniert nicht mit seinem Chef – damit wird der für ihn zum „Feind“. Sicher, das sollte nicht sein und dagegen müßte er unbedingt etwas tun, aber das ist hier nicht Thema. Nehmen wir diese Differenzen zwischen ihm und seinem Chef einfach einmal als Faktum. Wenn sich nun sein „Untergebener“ mit seinem „Feind“ gut versteht – dann wird er mißtrauisch, unzufrieden, wütend. Wer zum „Feind“ überläuft, gehört „erschossen“, das war schon immer so.Der direkte Vorgesetzte hat bei dem „ganzen Theater“ übrigens wirklich etwas zu verlieren: Es geht um seine Reputation im Hause, um seine Ehre (so wie er sie sieht), ja eventuell sogar um seine Existenz. Das alles trübt zwangsläufig seinen Blick für die Angemessenheit von Reaktionen und macht ihn so gefährlich wie einen angeschossenen, in die Enge getriebenen Bären.Details hängen von seiner individuellen Situation ab: Ist er noch jünger, fürchtet er, dies alles könnte seiner weiteren Karriere schaden – und kämpft verzweifelt aus angeschlagener Position. Ist er älter, fürchtet er um ein unrühmliches Ende seiner Laufbahn, um vorzeitige Verabschiedung in den Vorruhestand – und kämpft ebenso hartnäckig.Immerhin: Er macht einen ganz zentralen Fehler, man hat halt kein schlechtes Verhältnis zum Vorgesetzten – falls doch, bemüht man sich im ureigenen Interesse um Abhilfe. Eigentlich könnte man auch noch verlangen, daß er vernünftig genug ist, seinen „Untergebenen“ (unseren Einsender) aus seinem Privatkrieg herauszuhalten. Aber das tun Menschen an der Spitze von Einheiten nie. Eher im Gegenteil: Ein General läuft nicht mit dem Bajonett auf den Feind zu, er läßt andere laufen, das ist das Prinzip dabei.Bleibt der Rangniedrigste der drei Manager, unser Einsender. Seine Situation ist brisant. Er kann jederzeit „Bauernopfer“ werden, wenn er nicht aufpaßt. Daß er ein Viertel seiner Arbeitszeit für „taktische Überlegungen und Maßnahmen“ aufwendet, ist völlig richtig – und eher zu wenig als zu viel. Das mag aus der Sicht des Unternehmens unbefriedigend sein, aber das ist ein anderes Thema und fällt in eine andere Zuständigkeit.Gegen die Ursachen des Konfliktes oder für seine Beendigung kann dieser „kleinste“ der drei betroffenen Manager überhaupt nichts tun. Chefs mögen von jüngeren Unterstellten weder ermahnt noch zum Versöhnungsgespräch geladen werden. Alles was er erreichen könnte, wäre entweder, den Konflikt zu verschärfen oder sich die Finger zu verbrennen.Sein Sinnen und Trachten darf nur darauf gerichtet sein, die Geschichte zu überleben und möglichst geringen Schaden dabei davonzutragen. Daß ein entweder nur besonders clever oder schon intrigant veranlagter Mensch zusätzlich noch versuchen würde, die Dinge zu seinem Vorteil zu beeinflussen, soll hier einmal nicht betrachtet werden (ein solches Vorhaben wäre mit extrem hohem Risiko behaftet und kann generell nicht empfohlen werden).Spielen wir die Möglichkeiten durch, die unser Fragesteller hat:1. Immerhin denkbar wäre die offizielle Beschwerde o. ä. ganz oben beim Vorstand mit der Bitte, doch im Zuständigkeitsbereich anständige Arbeitsbedingungen zu schaffen und den Konflikt aus der Welt zu räumen.Das wäre die sicherste Methode, extremen Ärger mit allen Prozeßbeteiligten einschließlich des Vorstands zu bekommen. Es gibt elegantere Methoden, beruflichen Selbstmord zu begehen.2. Der nächsthöhere Vorgesetzte ist schon eine besondere Versuchung. Er hat mehr Macht und Einfluß als der direkte Chef, er könnte – z. B. – eine Beförderung ermöglichen (kann der direkte Chef nicht). Und – wer will es leugnen – er könnte die Position des direkten Chefs neu besetzen, wenn dieser auf der Strecke bleibt (wobei man notfalls etwas nachhelfen …). Außerdem ist er näher am Vorstand, was niemals schaden kann. Und er macht in dem „ganzen Theater“ jetzt natürlich die bessere Figur (ihm nimmt man ja nichts weg und sei es die Reputation).Es gibt allerdings deutliche Warnungen, die ausgesprochen werden müssen:a) Für diesen nächsthöheren Vorgesetzten könnte der Fragesteller im Augenblick nützlich sein. Teils als „Bauer“ im bereichsinternen Machtkampf überhaupt, teils als Informant und teils als Hilfsmittel, um den direkten Vorgesetzten des Einsenders abzuschießen.Aber spätestens wenn danach die Beförderung des Fragestellers anstünde, würde der nächsthöhere Vorgesetzte stutzen: Dieser „Mensch“, der eben erst gegen seinen direkten Chef gearbeitet, ja diesen mit „abgesägt“ hat – der unterstünde, seine Beförderung vorausgesetzt, jetzt ihm unmittelbar. Oh, hat dieser Mensch nicht die Angewohnheit, mit seinem nächsthöheren Vorgesetzten zu konspirieren? Das hieße ja, er diene sich nun dem Vorstand an. Kein Zweifel, das muß verhindert werden. Und heißt es nicht: Man liebt den Verrat, aber haßt den Verräter? Also – weg mit dem Burschen! Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen (nach Schiller, Fiesco).b) Das Wohlwollen des nächsthöheren Vorgesetzten ist ein „Turbolader“, der die klassische Antriebsquelle (Verbrennungsmotor) wirksam und nachhaltig unterstützt. Allerdings: Fällt der Motor aus, bewirkt der Turbolader gar nichts, auch nicht, wenn er einen eigenständigen Antrieb hätte.“Motor“ ist der direkte Chef. Er muß eine Gehaltserhöhung beantragen – die der nächst-höhere Vorgesetzte genehmigen kann; er muß eine Top-Beurteilung schreiben (intern oder fürs Abschlußzeugnis), die der andere dann absegnet. Schön, der nächsthöhere Vorgesetzte kann auch einmal ein bißchen „schieben“ – aber gegen den Willen des direkten Chefs geht auf Dauer nichts! Letzterer gibt Aufgaben und Termine vor, beurteilt Arbeitsergebnisse. Wenn der „mauert“, alles torpediert und kritisiert, ist unser Fragesteller „tot“ – da kann und will(!) der nächsthöhere Vorgesetzte dann nicht total gegensteuernd eingreifen.3. Der direkte Vorgesetzte wäre ein extrem gefährlicher Gegner, also darf er gar nicht erst Gegner werden! Wenn er das will, kann er dem Fragesteller noch sehr wirksam schaden (ihn beispielsweise zum Intriganten und Zuträger für höhere Vorgesetzte stempeln), bevor er selbst gehen muß.Natürlich läßt sich, ohne die handelnden Personen zu kennen, nur eine Grobkonzeption für optimales Vorgehen erarbeiten. Aber die sähe bei mir so aus:I. Suchen Sie, geehrter Einsender, das Gespräch mit Ihrem direkten Vorgesetzten. Sprechen Sie die Probleme recht offen an. Versichern Sie ihn Ihrer Loyalität – und gestehen Sie etwas zerknirscht ein, daß vielleicht fälschlicherweise der Eindruck hätte entstehen können, Sie wären gelegentlich der Versuchung erlegen … (das denkt er ohnehin).Sagen Sie ihm, sie würden zum nächsthöheren Vorgesetzten gehen und dort in diesem Sinne Klarheit schaffen. Ein bißchen heikel ist: Das wird dem direkten Chef nicht gefallen; entweder möchte er dabei sein oder er will ihm Ihre „Botschaft“ selbst ausrichten. Das müssen Sie verhindern. Bestehen Sie darauf, allein mit dem nächsthöheren Vorgesetzten zu reden. Sagen Sie, das müßten Sie schon allein in Ordnung bringen, Sie hätten ja auch allein jenen fälschlichen Eindruck hervorgerufen. Und er sollte Sie am Ergebnis Ihres Tuns messen, aber in dieser für Sie sehr schwierigen Angelegenheit (das muß er einsehen!) den Weg Ihnen überlassen.II. Dann suchen Sie das Gespräch mit dem nächsthöheren Vorgesetzten. Und dem schildern Sie Ihre „Not“. Natürlich sagen Sie ihm, wie interessant es für Sie gewesen ist, den direkten Kontakt zu ihm gehabt zu haben. Aber „so lange ich Ihnen nicht unmittelbar unterstehe(!)“ müsse Ihre Loyalität Ihrem direkten Chef gehören. Sonst – das wird ihm imponieren – „würden auf Dauer auch Sie die Achtung vor mir verlieren“ (was stimmt). Dann lassen Sie noch durchblicken, wie gern Sie doch unmittelbar mit ihm …, aber Sie hätten die Organisation nicht gemacht, und nun bliebe Ihnen keine andere Wahl als loyal zu Ihrem direkten Chef zu stehen.Das alles löst Ihr Problem nicht, mildert aber den Druck. Übrigens sieht der Mensch, was er zu sehen erwartet – das gilt auch für Ihre beiden Chefs, die dann weniger Ärger mit Ihnen erwarten. Dieser Effekt hilft Ihnen.

Kurzantwort:

Zwischen zwei sich befehdende Chefs zu geraten, kann für einen Angestellten zur extremen Belastung oder Existenzgefährdung werden. Am direkten Chef führt überhaupt kein Weg vorbei. Schlimmstenfalls muß sogar ein Arbeitgeberwechsel ins Auge gefaßt werden, um der Bedrohung zu entkommen.
Frage-Nr.: 1366
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-02-26

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