Im Ausland degradiert

Ich arbeite seit über acht Jahren bei der XY AG im Entwicklungsbereich und wurde vor einigen Monaten für ein Jahr zu einer Auslandstochter abgeordnet. Mein Einsatzort liegt im spanisch sprechenden Teil des Landes. Bei meiner Ausreise sprach ich kein Wort Spanisch, alle Angestellten hier sprechen aber mehr oder weniger Englisch.Nach dem Auftreten bestimmter Probleme im Fertigungsbereich hatte die deutsche Bereichsleitung im Konzern beschlossen, einen Know-how-Träger hierher zu senden. Für diese Funktion wurde ich ausgewählt. Vorher war ich für die technische Betreuung ausländischer Fertigungsstätten zuständig gewesen.Mein Chef in Deutschland hatte mir eine Projektleiterfunktion bei meiner späteren Rückkehr in Aussicht gestellt. Auf dieses Ziel arbeite ich schon länger hin und habe deshalb der Abordnung zugestimmt.Die hiesige Werkleitung war über die Abordnung eines Deutschen natürlich nicht sehr glücklich, hat mich aber trotzdem freundlich aufgenommen.Wenige Wochen nach meinem Tätigkeitsbeginn wurde mir von der hiesigen Werkleitung neben meiner eigentlichen Aufgabe die Leitung einer Fertigungseinheit (ohne Personalverantwortung) übertragen. Ich hatte bislang noch nie in der Fertigung gearbeitet und dies der Werkleitung auch gesagt. Ich habe mir aber die Aufgabe zugetraut und deshalb die Stelle übernommen. Mein deutscher Chef war einverstanden.Relativ kurz danach wurde jedoch beim Besuch eines hochrangigen Managers aus Deutschland nicht ich, sondern ein in diesem Land aufgewachsener Kollege als Leiter der Fertigungseinheit vorgestellt. Ich war schockiert, da im Vorfeld nicht mit mir darüber gesprochen wurde.Später hat der Werkleiter diese „Änderung“ mit meinen mangelnden Spanischkenntnissen begründet. Dieser Umstand ist richtig, war der Werkleitung aber auch bekannt gewesen. Allerdings scheinen nur meine sprachlichen Fortschritte nicht den Erwartungen zu entsprechen, während ich für meine fachliche Arbeit gute Noten erhielt.Mein neuer Titel wurde nun Projektleiter mit einem Zwei-Mann-Team, ich berichtete an die Werkleitung. Mein Chef in Deutschland war über diese „Degradierung“ natürlich mehr als verwundert, hat sich aber ansonsten ruhig verhalten (zumal sein deutscher Kollege in der Fertigungsleitung mir ebenfalls gute Arbeit attestierte).Vor einigen Tagen nun wurde von der hiesigen Werkleitung ein neuer Manager eingestellt. Seine Aufgabe ist die Leitung aller Projekte. Mein Team wurde ihm direkt unterstellt. Das wiederum habe ich nicht von der Werkleitung, sondern von meinen Mitarbeitern erfahren. Inzwischen hat mich jedoch der Werkleiter angesprochen, ob ich noch ein Jahr länger bleiben möchte.Wie soll ich mich verhalten, wie begründe ich diese zweite „Degradierung“ innerhalb weniger Wochen?Ich befürchte, daß mein deutscher Vorgesetzter mir bei meiner Rückkehr keine Projektleitung mehr übertragen wird.Soll ich mich extern um eine neue Stelle bemühen oder hier meinen Vertrag verlängern?

Antwort:

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. „Auslandseinsatz“ glänzt, zumindest glänzen die Augen junger Deutscher, wenn sie erzählen, jetzt wollten sie sich beruflich außerhalb der Grenzen umsehen.Die Erfahrungen dort, das Geld und eben dieser „Glanz“ sind jedoch mitunter hart verdient, das sieht man an diesem Beispiel wieder einmal. Damit kein Zweifel besteht: Eben deshalb suchen ja die Unternehmen so sehr die Auslandserfahrungen bei Bewerbern. Wegen der – hoffentlich bestandenen – Härtetests, die damit fast immer verbunden sind. Die verbesserten Sprachkenntnisse allein machen es nicht! Aber das erfolgreiche berufliche Überleben in einem Land, in dem alles anders ist, in dem die Leute anders denken, die „Spielregeln“ andere sind und nichts so funktioniert wie zu Hause, das formt die Persönlichkeit, das trainiert Eigenschaften, die man als Manager sehr gut gebrauchen kann.Und selbst wenn man nur ein Land kennenlernen konnte, ist man schon viel besser gerüstet für spätere Entscheidungen im internationalen Maßstab oder für Geschäftskontakte mit dem Ausland als jemand, der nie die „Nase vor die Haustür“ gesteckt hat.Falls man den Härtetest erfolgreich besteht – das sei betont. Ohne Erfolg (oder mit klarem Mißerfolg) ist Auslandserfahrung so viel wert wie ein Studium ohne bestandenes Examen. Also weniger als nichts.Warum das so ist? Weil jemand, der nie „draußen“ war, immer noch behaupten kann, er könne das, ließe man ihn nur. Während der, dem der Erfolg versagt blieb, seine Nichteignung schon einmal unter Beweis gestellt hat.Das ist ein bißchen pauschal – wie das Leben eben ist.Damit sind wir bei Ihnen, geehrter Einsender.Schauen wir uns einmal an, wen die XY-Leute dort hingeschickt haben in jenes ungewöhnliche mehrsprachige überseeische Land: TH-Diplom mit vorzeigbarem Ergebnis, aber dann: Traineeprogramm bei Firma A (nicht identisch mit XY). Ich zitiere Ihre Originalaussage dazu im Lebenslauf: „Das Beschäftigungsverhältnis wurde von mir gekündigt, da ich mich für diese Tätigkeit als ungeeignet halte und ich Probleme mit der damaligen Führungskultur in diesem Unternehmen hatte.“ (Anmerkung von mir: was für ein Deutsch, ein schauderhaftes.)Also ein Mann, der durchaus dazu neigt „Probleme“ in Firmen zu bekommen, der nicht überall und jederzeit so „funktioniert“, wie es für Angestellte erstrebenswert wäre. Und das noch dazu in einer konjunkturellen Hochphase, als Sie mit Ihrem guten Examen hätten wählen können unter den „Töchtern des Landes“. Jene eine hatten Sie sich ausgesucht – und eben damit einen totalen Mißerfolg gelandet. Also „ein Mann für alle Fälle“ waren Sie schon einmal nicht. Das ist Feststellung, keine Kritik.Werfen wir nun einen Blick auf die Situation, in die man Sie bei XY hineinwarf:Von Ihrer Tätigkeit her waren Sie mit Ihrer „Betreuung ausländischer Fertigungsstätten“ prädestiniert für eine Aufgabe wie diese. Bewährung im Ausland war der folgerichtige nächste Schritt. Aber die Sprache! Jedermann hier weiß, daß die Bevölkerung in jener Provinz dort Spanisch spricht (ich habe manche Details verändert). Da mögen die meisten Angestellten Englisch sprechen oder radebrechen, „das Volk“ da draußen (und jeder einzelne Mitarbeiter in der Fertigung, natürlich) spricht Spanisch. Und wenn man die Presseberichte hier richtig liest, dann tun sie es ziemlich fanatisch.Das Werk selbst hatte „Probleme“ im Fertigungsbereich. Vermutlich mit der Qualität. Und ebenso vermutlich war die vielzitierte Werkleitung dafür verantwortlich – und durfte sich die Vorwürfe anhören.Und dann kamen Sie. Offiziell als Know-how-Träger, intern mit Sicherheit als „Aufpasser“ bezeichnet. Der hatte dem Management dort gerade noch gefehlt!Natürlich weiß auch ich nicht, was dann wofür Ursache und was Wirkung war. Aber ich habe eine hübsche Theorie, die einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit für sich hat – und in die jedes mir bekannte Detail hineinpaßt. Damit ist noch nicht bewiesen, daß sie stimmt, aber doch so gut wie:Der Werkleiter dort hat seine Enttäuschung über die „Probleme“, seine Erbitterung über die vermutlich erfolgte Schuldzuweisung an ihn und die Wut über die Entsendung eines „Aufpassers“ zunächst einmal auf Sie konzentriert. Und er arbeitet jetzt daran, daß man so schnell keinen neuen „Oberschlauen“ von der Mutter entsendet, wenn Sie erst endgültig gescheitert sind.Und Sie, taktisch untalentiert, aber selbstbewußt, sind ihm blind in die erste Falle getappt und kurz davor, in die zweite zu stolpern.Sehen wir uns seine Situation an: Daß er Sie nicht lieben konnte, war klar. Auch verhindern konnte er Sie nicht. Aber scheitern lassen. Natürlich durften Sie keinen Erfolg haben, wo man „vor Ort“ unter seiner Verantwortung bisher keinen gehabt hatte.Also hat er Sie abgelenkt und „anderweitig“ beschäftigt, was gar nicht vorgesehen war, hat Ihnen unlösbare Aufgaben gestellt, an denen er Ihre Destabilisierung aufhängen konnte.Ist die Übertragung einer (teilweisen) Fertigungsleitung an einen Mann, der die Sprache der Mitarbeiter in dieser Fertigung nicht spricht, etwa kein geschickter Schachzug? Noch dazu, wenn der Betroffene auch noch so unvorsichtig ist, sich das „zuzutrauen“? Es ist geschickt – wenn man vorhat, diesen Mitarbeiter so „klein“ zu machen, daß er in seinem Hauptaufgabenfeld nichts „Böses“ mehr anrichten kann. Indiz: Nie hat der Werkleiter mit Ihnen über „Degradierungen“ gesprochen, stets hat er den indirekten Weg gewählt, der Sie viel härter treffen mußte.Imponierend dann die Idee des Werkleiters (allein als taktische Leistung)Ihnen die Vertragsverlängerung anzubieten: Solange Sie da sind, schicken die Deutschen keinen neuen Aufpasser. Und Sie hat er schon „kleingekriegt“, Sie haben mit Ihrer eigenen Existenz zu tun und machen ihm keinen Ärger mehr. Die Einstellung des neuen Leiters aller Projekte aber hat er sicher nicht Ihretwegen vollzogen, da sind Sie vermutlich „zufälliges Opfer“.Soweit man das von hier aus überhaupt tun kann, rate ich Ihnen:1. Bleiben Sie nicht länger dort als unumgänglich. Ich bin zwar immer für Durchstehen einer Problemsituation, um später das Feld als Sieger verlassen zu können. Aber hier haben Sie, im „Fadenkreuz“ des ranghöchsten Chefs „vor Ort“, nicht die Spur einer Chance.2. Dreh- und Angelpunkt ist Ihr Vorgesetzter in Deutschland. Der hat Sie entsandt – und bisher wenig Freude mit seiner Entscheidung gehabt und wohl auch wenig Erfolge erzielt mit Ihrem kostspieligen Auslandsengagement. Dieser Mann nun müßte Sie mit offenen Armen empfangen, Ihre Leistung im fernen Ausland anerkennen – um Sie dann zum Projektleiter zu ernennen …Es kommt also darauf an, wie er die ganze Geschichte beurteilt und wie er Ihren wechselvollen Weg dort im Lande bewertet. Das können Sie nur herausfinden, indem Sie mit ihm sprechen. Als Tip dafür: Beschweren Sie sich dabei keineswegs ausschließlich über den Werkleiter – niemand will ständig „Ausreden“ hören. Schildern Sie ihm die Situation so objektiv wie möglich und geben Sie auch Ihre Fehler zu. Sagen Sie ihm, was Sie dort in seinem Sinne noch erreichen können und was nicht.Denken Sie aber daran: Ihr Chef in Deutschland muß später als Resultat Ihres Einsatzes nach „oben“ Erfolge melden können – keine Erklärungen für Mißerfolge. Also liefern Sie ihm nach Möglichkeit jetzt entsprechende Prognosen und in Kürze die dazu passenden Resultate.Und da das hier ein besonders wichtiger Punkt ist, der nahezu jeden Mitarbeiter irgendwann einmal betrifft, hier noch einmal die anders verpackte Warnung: Als naiver Laie denkt man, mit dem Hinweis „Der Werkleiter hat mich abgeblockt und kaltgestellt, er redet nicht mit mir, ich konnte ja gar nichts machen“ sei man als Betroffener total entlastet. Das ist ein fataler Irrtum!Der Chef als erfahrene XY-Führungskraft setzt das sofort in eine Darstellung aus seiner Sicht um und überlegt, was er dabei für ein „Bild“ hinterläßt. Für ihn sieht das, aufs Wesentliche reduziert, so aus: „Ich habe einen Mißerfolg erlitten und zu verantworten. Die Entscheidung, meinen Mitarbeiter Müller in jenes Land zu schicken, war vermutlich falsch. Der Mann ist dort gescheitert. Schön, die haben ihn dort auflaufen lassen, aber damit war zu rechnen. Jetzt habe ich nicht nur die hohen Entsendungskosten zu vertreten, auch mit der Übertragung unseres Know-hows auf die dortige Fertigung kommen wir nicht weiter.“Und dann geht er hin und überlegt, wie er diese ganze Geschichte seinerseits „oben“ darstellt (das ist dann ein ganz anderes Thema). Für die Behandlung seines ins Ausland entsandten Mitarbeiters hat er zwei Möglichkeiten: a) Er sagt sich, der könne eigentlich wirklich kaum etwas dafür, holt ihn nach Vertragsablauf nach Hause, lobt ihn nicht gerade, gibt ihm aber eine neue Chance. Die Gefahr dabei: Etwas „hängen“ bleibt immer. b) Er stempelt ihn zum eigentlich Schuldigen, womit dieser Mitarbeiter im Hause „tot“ wäre.Sie, geehrter Einsender, müssen herausfinden, wie „Ihre Aktien stehen“ bei diesem Chef in Deutschland. Im einen Fall machen Sie dann in der Heimat weiter und kämpfen um eine neue Chance dort (wenn es, wie zu erwarten ist, mit der Beförderung nicht gleich klappt). Im anderen Fall bewerben Sie sich extern gleich nach der Rückkehr aus ungekündigter Position mit erster Auslandspraxis im Gepäck. Dann müssen Sie nur noch auf ein einigermaßen gutes Zeugnis hoffen …Und prüfen Sie tatsächlich einmal, ob Sie Begabungsschwächen im Hinblick auf das Durchstehen schwieriger Situationen haben. Das könnte Ihre ganze Laufbahnplanung beeinflussen.

Kurzantwort:

Auslandsentsendungen sind aus der Sicht des Unternehmens auch Härtetests, die es erfolgreich zu bestehen gilt: Gefragt sind Erfolge, nicht noch so gute Ausreden für Fehlschläge.
Frage-Nr.: 1330
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-23

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