Taktisch ungeschickt?

Mein Chef hat mich jetzt wieder konkret mit dem Vorwurf konfrontiert, ich sei in einem Fall taktisch ungeschickt vorgegangen. Aus Andeutungen auch früherer Vorgesetzter weiß ich, daß ich offenbar damit ein Problem habe. Was ist das nun genau – und was kann ich dagegen tun?

Antwort:

Lassen wir die konkrete Begriffsbestimmung einmal beiseite. Wichtig ist, was Ihr Chef damit meint.Nach vielen Jahren Praxis glaube ich übrigens fast, man hat es oder man hat es nicht, das Gefühl für taktisch kluges Vorgehen oder auch nur dafür, allzu tiefen taktischen Fettnäpfchen auszuweichen. Ob ein Unbegabter durch eisernen Willen zum „Künstler“ auf dem Gebiet wird, weiß ich nicht. Aber, dies als Trost, Problembewußtsein hilft immer ein bißchen und gilt als erster Schritt in die richtige Richtung.Versuchen wir es einmal so: Ein taktisch geschickt vorgehender Mensch sagt und macht nicht nur etwas (ob das in der Sache falsch oder richtig ist, spielt keine Rolle in diesem Zusammenhang), sondern er beobachtet dabei auch jederzeit seine Umgebung. Und dabei schätzt er sofort ein, wie ein Ausspruch oder eine Handlung auf die Zielperson und/oder auf andere Menschen wirkt. Es ist wie ein Filter, den dieser Mensch eingebaut hat und durch den sein Gehirn alles jagt, was es an Gedanken und Absichten produziert (na ja, vielleicht den größten Teil davon).Man könnte ganz Bücher darüber schreiben. Hier immerhin ein Beispiel: Ich sitze mit einem Bewerber um eine gutbezahlte Managementposition im Vorstellungsgespräch und erläutere die Gegebenheiten bei meinem auftraggebenden Unternehmen. Insbesondere erwähne ich mehrfach den künftigen Vorgesetzten, den Geschäftsführer Dr. Müller. Dieser Dr. Müller hat …, dieser Dr. Müller will …, dieser Dr. Müller braucht ….Etwa fünfzehn Minuten später schildert dieser Kandidat seine Studienphase. Ich frage, warum er nicht promoviert hat bei dem guten TH-Examen. Er: „Also ich brauche keinen zusätzlichen Titel vor dem Namen, um meine Persönlichkeit aufzuwerten.“ Für den Job war das belanglos. Aber nun frage ich ihn: „Sagen Sie das dem Herrn Dr. Müller oder soll ich das tun?“Sehen Sie, das war taktisches Ungeschick allererster Güte. Hier hätte sein „Filter“ im Denkzentrum diesen „Erguß“ rechtzeitig stoppen müssen.Hinzu kommt sogar noch, daß das Problem vermutlich weitaus tiefer sitzt. Taktisch ungeschickt war es ja nur, das „hier und jetzt“ auszusprechen. Der Fehler, überhaupt so einseitig zu denken, der hat fast schon strategisches Kaliber. Vielleicht ist ja taktisches Ungeschick tatsächlich nur ein Symptom, an dem man eine „strategische“ Krankheit erkennt (- was für eine Theorie …). Jedenfalls gibt es Karrieren, die taktisch Unbegabten immer verschlossen bleiben.Und wenn Ihnen das Beispiel immer noch nicht ausreicht, vielleicht hilft eine Negativdefinition: Taktisches Geschick ist auf keinen Fall zu vereinbaren mit den oft gehörten Maximen: „Ich sage, was ich denke“ und „Ich lasse mir nichts gefallen.“Bei ersterem ist klar: Damit ist in komplizierten Strukturen als „abhängig Beschäftigter“(!) kein Blumentopf zu gewinnen. Es sei denn, Sie denken schon taktisch klug. Und die zweitgenannte Einstellung zwingt Sie automatisch zu harten Spontanreaktionen, wo doch flexibles Verhalten angebracht gewesen wäre. Was nichts, überhaupt nichts zu tun hat etwa mit: „Ich lasse mir alles gefallen“ – das wäre ja ausgesprochen albern. Aber Sie sollen flexibel reagieren wie ein Judoka, der den Schwung des Gegners ausnutzt und auf seine Chance wartet (die hier in drei Monaten kommen kann!). Jedoch nicht wie ein Kneipenschläger, der auf jeden Fall zuschlägt, wenn ihn jemand anrempelt – ohne vorher zu prüfen, wie viele starke Freunde der Rempler bei sich hat.

Kurzantwort:

Taktisches Geschick ist ein wichtiges Kriterium, um im betrieblichen Alltag weiterzukommen. Manche jedoch verstehen bis ins hohe Alter nicht einmal, was das überhaupt ist.
Frage-Nr.: 1314
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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