Heiko Mell

Wie lerne ich, überzeugend zu argumentieren?

Mit großem Interesse lese ich Ihre Karriereberatung. Für mich als Student sind Ihre Erklärungen sehr plausibel, und sie decken sich mit meinen bisherigen, wenigen Erfahrungen.
Nun schreiben Sie, daß es in wichtigen (Gesprächs-)Situationen Vorgehensweisen gibt, die zum Erfolg führen. Die Wahl der Worte spielt dabei sicherlich eine große Rolle.
Der richtige Gebrauch der deutschen Sprache, insbesondere im mündlichen Bereich, fällt mir allerdings schwer. Dies macht sich gegenüber Vorgesetzten oder einer größeren Gruppe sowie in Vorstellungsgesprächen sehr bemerkbar.

Es fällt mir z.B. auf, daß ich oft ein Anliegen oder einen Sachverhalt nicht verständlich vortrage. Vielfach ist mir auch erst später bewußt, daß ich etwas vergessen habe zu erwähnen. In manchen Fällen sage ich etwas so, wie ich es eigentlich nicht ausdrücken wollte.

Um diesem Umstand entgegenzuwirken, habe ich einen Deutschkurs an der Fernuniversität belegt. Da ich mich in Situationen hineinversetzen möchte, in denen ich einfach sprechen muß und damit ich dann aus meinen Fehlern lernen kann, engagiere ich mich in einem berufständischen Verein (Organisation von Vorträgen und Kursen) und arbeite als studentische Hilfskraft bei einer Firma. Die Möglichkeit besteht, eine studienbegleitende Ausbildung zum Reserveoffizier zu beginnen. Außerdem könnte ich hier an der Uni an einem Lehrstuhl Übungen abhalten.

Wie kann man seine kommunikativen Fähigkeiten schulen? Welche der erwähnten Aktivitäten führen in diese Richtung?
Meine Bewerbungsunterlagen sind beigefügt, falls Sie daraus Schlüsse ziehen können.

Antwort:

Sie haben, dies als Erklärung für die anderen Leser, ein Abitur mit guten Noten in Mathematik und Physik (Leistungsfächer) und schauderhaft schwachen Deutsch-Resultaten. Dann haben Sie an einer hochrenommierten TU in E-Technik ein Vordiplom mit 1,9 abgeschlossen und sind trotz abgeleisteten Wehrdienstes noch deutlich unter 25.

Und Sie wissen, daß Sie eine Schwäche haben, Sie setzen sich damit auseinander, arbeiten an dem Problem.Alles in allem, so meine ich, kann sich das Gesamtergebnis durchaus sehen lassen! Es gibt also keinen Grund für Sie, nun etwa in Panik zu verfallen. Sie sind ein junger Mann mit klaren Stärken, soviel steht schon einmal fest.

Definieren Sie zunächst einmal diese Stärken. Und dann, dies als Leitlinie meines Rats, suchen Sie sich vorzugsweise eine berufliche Betätigung, bei der Sie diese Stärken voll zur Geltung bringen können und bei der Ihre Schwächen nicht allzu sehr ins Gewicht fallen.Denn diese Schwächen haben Sie. Sprechen wir offen darüber. Ihre komplette Fragestellung habe ich nur wenig geglättet beim Abdruck hier, manches ist etwas holperig formuliert, aber alles ist absolut klar und verständlich.

Ein kleines Beispiel soll aber doch zeigen, wo das Problem liegt (u.a.): Lesen Sie doch einmal aufmerksam den hier als letzten abgedruckten Satz der gesamten Frage (die Geschichte mit den beigefügten Bewerbungsunterlagen). Diese Konstruktion ist so nicht möglich, jeder halbwegs mit der Muttersprache vertraute Mensch zuckt, wenn er das liest. Sie, verehrter Einsender, zucken nicht. Jetzt ist die Frage, ob Sie das bei aller Grundintelligenz (Abitur, Vorexamen) noch lernen können. Ein bißchen skeptisch bin ich schon.Sie verstehen meine Kritik an dem Satz nicht? Die Logik stimmt nicht, „falls“ stimmt nicht, das ist ebenso falsch wie eine unpassende Taste, die jemand in einem Klavierkonzert anschlägt. „Die Unterlagen sind beigefügt.“ Soweit ist das in Ordnung, außerdem liegen sie tatsächlich vor mir. Sie sind aber bedingungslos mitgesandt worden, also „in jedem Fall“, während Ihre Konstruktion entweder meint: „Falls Sie Unterlagen haben möchten, reiche ich sie gern nach, Anruf genügt.“ Oder auch: „Meine Bewerbungsunterlagen sind beigefügt. Vielleicht können Sie ja auch daraus noch Schlüsse ziehen.“Ich sehe eine besondere Gefahr darin, daß sich Ihre Schwäche zweifach auswirken kann:

1. Es sind in Vorstellungsgesprächen, internen Besprechungen, bei schriftlichen Darstellungen aller Art tatsächlich zweitklassige Lösungen denkbar, die kundigen Zuhörern oder Lesern Bauchschmerzen bereiten. Oder, sachlicher ausgedrückt, die den Erfolg Ihrer mit den Formulierungen angestrebten Bemühungen gefährden.

2. Es ist denkbar, daß Sie sich, die eigene Schwäche vor Augen, dann auch noch verkrampfen, unsicher werden, sich extrem viel Mühe geben, die Probleme überbewerten und alles nur noch viel schlimmer machen. Da Sie auf anderen Gebieten hohen Ansprüchen genügen, könnte diesem Argument besondere Bedeutung zukommen.Ich bin kein Spezialist für Sprachschulung oder die Vermittlung von Deutschkenntnissen, aber ich schreibe und spreche viel und bekomme viel von den Bemühungen anderer in diesem Bereich mit. Auf dieser Basis folgende Denkanstöße für Sie:

a) Leben Sie damit. Begabungen sind begrenzt, manche schließen sich gegenseitig aus (so sind Fremdsprachen-Genies selten gute Manager). Sie können halt andere Dinge.

b) Pflegen Sie Ihre Stärken. Bei Schiller, Heine oder Böll wäre es ziemlich unerheblich, ob sie nebenbei auch noch gut in Mathematik waren. Das gilt auch umgekehrt (in gewissen Grenzen, da jeder irgendwo einmal reden muß). Würde ein Nobelpreisträger sprachliche Unzulänglichkeiten zeigen, wäre dies die „liebenswürdige Schwäche eines großen Mannes“, nicht mehr.

c) Richten Sie Ihren Beruf so aus, daß Ihre Stärken dort eine große, Ihre Schwächen eine untergeordnete Rolle spielen. Versuchen Sie, keine Seminare oder Vorträge zu halten, keine Bücher zu schreiben und bald so weit aufzusteigen, daß Sie Sekretärinnen oder Assistenten bekommen, die Ihnen unterschriftsreife Schriftstücke vorlegen.

d) Irgendwann werden Sie so selbstbewußt sein, daß Sie Schwächen offen zugeben (können). Ich mache das mit meinen heute auch, sogar offen in dieser Zeitung, wenn Sie wollen (aber rechtzeitig fällt mir noch ein, daß ich diesen Raum anstandshalber nicht für Selbstdarstellungen nutzen sollte, lassen wir das also).

e) Gewöhnen Sie sich an, in einfachen, klaren, unverschachtelten Sätzen zu sprechen und zu schreiben. Sehen Sie zu, daß Sie etwas zu sagen haben, lassen Sie den Inhalt wirken. Das kommt sehr gut an. Verzichten Sie halt auf „Mätzchen“ wie jenes in Punkt d) mit meiner Selbstdarstellung vielen Leuten bereitet das zwar Vergnügen, anderen aber auch wieder nicht. Sie sind wie ein Single, der selbst kochen muß, aber weder Koch noch Feinschmecker ist. Das eigentliche Ziel der Nahrungsaufnahme, dem Körper die erforderlichen Stoffe zuzuführen, bekommen Sie auch so hin. Vermeiden Sie halt nur, ohne Not Leute zum Essen bei Ihnen einzuladen es sei denn, die hätten drei Tage nichts gegessen.

f) Bewußt erst so spät, aber natürlich dennoch ganz deutlich: arbeiten Sie an sich. Nicht mit dem Ziel, Meister zu werden, aber doch so nach und nach Geselle. Schließlich zielt darauf ja auch Ihre Frage ab.

Wichtigster Grundsatz: Übung hilft, Routine fördert, Erfahrung gibt Sicherheit. Gehen Sie das aber unverkrampft an und stecken Sie die Ziele nicht zu hoch.

Eine sehr gute Methode, um Sprachgefühl zu entwickeln, ist das Lesen. Wobei es gar nicht vorrangig auf den Inhalt, den Verfasser oder das Niveau ankommt. Tageszeitungen, Illustrierte, Romane aller Art geben Vorlagen, die das Gehirn schulen. Lesen Sie ruhig wild durcheinander, das schadet nichts. Einschränkung dabei: Comics sind eher ungeeignet, Fachliteratur ist wegen der Konzentration auf spezielle Fragen recht unergiebig, viele der großen Schriftsteller sind für Ungeübte schwer verdaulich und verderben den Spaß. Aber lesen Sie z.B. Zeitungstexte laut vor so prägen sich Formulierungen ein, Sie erkennen später Fehler instinktiv.Denken Sie auch an rein Handwerkliches: Wer befürchtet, daß er „Sachverhalte nicht verständlich“ vorträgt und „hinterher merkt“, daß er etwas vergessen hat, muß sich vorbereiten, einen schriftlichen Gesprächsfaden ausarbeiten oder Notizzettel vollschreiben. Er wählt dann das kleinere Übel, wenn er während seiner mündlichen Ausführungen immer wieder einmal nachschaut. Und, siehe d), irgendwann sagen Sie lächelnd: „Bei wichtigen Angelegenheiten mache ich mir gern Notizen.“ Sollte jemand die Nase rümpfen: Seien Sie versichert, daß er mehr rümpfen würde, so Sie unstrukturiert redeten.

g) Zu den von Ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen im Detail:das Engagement im Verein mit der Organisation von Vorträgen und Kursen ist sicher uneingeschränkt empfehlenswert;

die praktische Arbeit bei einem Unternehmen schafft soziale Kontakte und zwingt zum Reden über verhältnismäßig einfache, unproblematische Dinge, das kann nur nützlich sein;

Reserveoffizierausbildung als Mittel zur Sprachschulung ist mir noch nie begegnet. Ich sehe einen positiven Effekt in Richtung Persönlichkeitsbildung/Selbstbewußtsein, der nicht zu unterschätzen ist. Aber bei dem von Ihnen angestrebten Ziel bin ich skeptisch, was das Verhältnis von Aufwand zu Nutzen angeht;

das Abhalten von Übungen am Lehrstuhl ist ganz sicher eine positiv wirkende Maßnahme;

dem Deutschkurs an der Fernuniversität, der sich so oder in anderer Form förmlich aufdrängt, will ich nicht zu nahe treten, allerdings bin ich skeptisch. Wie schwer lernt man doch eine Fremdsprache durch den systematischen, Regeln vermittelnden Unterricht und wie schnell und leicht vor Ort im Ausland? Ich weiß immerhin so viel: Die meisten sprachgewandten Menschen, die ich kenne, sprechen und schreiben einfach, können aber auf Befragen kaum je begründen, warum dies richtig und jenes falsch ist, sie kennen die Regeln nicht einmal. Wer in Ihrem Alter Regeln lernt, wird viel zu lange brauchen, bis er soweit ist, diese dann instinktiv anzuwenden.

Noch eine sehr subjektive Aussage: Leute, die mit der Sprache nicht umgehen können, aber einen nur ein paar Stunden dauernden Rhetorikkurs besucht haben, bringen ihre Zuhörer mitunter je nach Temperament zum Weinen oder an den Rand des Wahnsinns. Die Gefahr ist sehr groß, sich „Maschen“, Floskeln oder besonders gefürchtet Handbewegungen anzueignen, die eher peinlich wirken, wenn ansonsten sprachliche Unzulänglichkeiten dominieren. Es müßte schon ein sehr guter, systematisch angelegter Kurs von längerer Dauer sein.

Als Trost für Sie, verehrter Einsender: Sie sind nicht allein in diesem unserem Lande, ganz im Gegenteil. Selig jedoch sind die, welche unverdrossen ein Talent zur Schau stellen, dessen Fehlen ihnen nie bewußt geworden ist. Und da ich Ihnen zur Einfachheit rate, hier ein Beispiel dafür, wie das geht (Inhalt dieses Absatzes in einfachen, klaren Worten):

Ihre Schwäche ist weitverbreitet. Viele Menschen leiden daran. Die meisten davon haben sie nie bemerkt. Nur den anderen ist das aufgefallen.

Ein sehr wichtiger Rat noch für Sie und Ihre Karriereplanung: Ganz zweifelsfrei muß man in einer Marktwirtschaft nicht nur ein gutes Produkt anbieten, sondern es auch attraktiv verpacken. Es kommt nicht nur auf den Inhalt, nicht nur auf die Substanz an.

Das wird immer dann auch für Menschen wichtig, wenn sie sich bewerben und im Vorstellungsgespräch „verkaufen“. Ein mittlerer „Substanzwert“, brillant dargeboten und durch eine „eindrucksvolle“ Persönlichkeit unterstützt, bringt meist mehr als die umgekehrte Ausprägung. Dies gilt bei Führungspositionen oder entsprechenden Laufbahneinstiegen verstärkt.

Menschen mit Darstellungsschwächen muß also geraten werden, über Alternativen nachzudenken: Streben Sie einen Weg an, der spätere Vorstellungsgespräche im Zusammenhang mit Managementpositionen möglichst vermeidet, konzentrieren Sie sich also eher auf Fachlaufbahnen oder auf den internen Aufstieg beim einmal gefundenen (großen) Partner. Letzteres ist jedoch nicht ungefährlich, da man auch mit zwanzig Dienstjahren wegen einer Betriebsverlagerung ins Ausland entlassen werden kann.

Kurzantwort:

1. Der wichtigste Grundsatz im Umgang mit einer selbst erkannten Schwäche: Leben Sie damit, akzeptieren Sie das Handikap. Dann erst folgt das Bemühen um Verbesserungen auf diesem Gebiet, das selbstverständlich unverzichtbar ist.

2. Ein gutes Produkt in schlechter Verpackung ist schwieriger zu vermarkten als ein weniger gutes in hervorragender Verpackung. Das gilt zu einem großen Teil auch für Bewerber.

3. Schwächen im Werdegang (z.B. schlechte frühere Zeugnisse) und Schwächen in der überzeugenden Darstellung der eigenen Persönlichkeit/Qualifikation geraten im Laufe einer längeren Beschäftigungszeit bei einem Arbeitgeber leicht in Vergessenheit. Es zählt dann nur noch der „Mensch und Fachmann“. Bei externen Bewerbungen jedoch haben diese Schwächen stets wieder entscheidenden Einfluß.

Frage-Nr.: 1099
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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