Heiko Mell

Leserreaktion: Ich soll Informationen über meinen potenziellen Chef liefern

Frage/1:

(In Frage 3.054 ging es um einen Mitarbeiter, der zufällig den aussichtsreichen externen Bewerber um die zu besetzende Position kannte und nun offiziell um Informationen über diesen Kandidaten gebeten wurde – den er noch dazu unbedingt verhindern wollte; H. Mell):

Ich kann Ihrer Analyse, der Bewertung der Sachlage wie auch der handelnden Personen und ebenso dem Rat an den Einsender nur voll und ganz zustimmen. Alles, was Sie sagen, stimmt mit meinen Erfahrungen überein, die ich über Jahrzehnte in der Automotive-Industrie sammeln durfte.

Bevor man sich über einen (auch einen potenziellen) Vorgesetzten höheren Orts negativ äußert, stelle man sich die Frage: Will ich in diesem Unternehmen bleiben, aber gleichzeitig den potenziellen Vorgesetzten verhindern bzw. den aktuellen loswerden?

Wenn JA, dann gilt: Wer auf den König schießt, muss ihn töten (Ralph Waldo Emerson, 1803–82, US-amerikanischer Philosoph und Schriftsteller). Andernfalls wird sich dieser Schuss gegen ihn selbst richten. Aber selbst bei erfolgreichem „Königsmord“ ist die Sache noch nicht in trockenen Tüchern: Der Schütze muss außerdem sicher sein, dass diese Tat bei seinen Vorgesetzten höheren Orts besonders gewürdigt und als eine absolut singuläre Aktion eingestuft werden wird. Andernfalls könnten die höheren Vorgesetzten befürchten, selbst einmal Opfer dieses „Königsmörders“ zu werden.

Also gilt: Auf den König schießt man nur in aller, allergrößter Not. Wobei solche Notsituationen präventiv peinlichst zu vermeiden sind.

Antwort/1:

Auch ich fürchte, es genügt noch nicht einmal, den König dann auch tödlich zu treffen. Mit absoluter Sicherheit hat dieser nämlich einen Nachfolger. Und was hält der bei einem „erfahrenen“ Königsmörder jederzeit für möglich? Richtig, dass er es wieder tut; also gilt generell: So sehr sich auch das Umfeld über einen aus dem Weg geräumten (toten) König freuen mag – der Königsmörder muss weg. Vorsichtshalber.

Bevor sich noch jemand mit zarten Nerven über all die Mörder und Leichen in diesem Beitrag aufregt, holen wir das Thema auf die Arbeitsebene hinunter: Ich habe in einem tiefgestaffelten internationalen Konzern erlebt, wie ein Mitarbeiter in einer Enkeltochter-Gesellschaft den dortigen Geschäftsführer wegen manipulierter Reportingzahlen bei der übergeordneten Tochter‧gesellschaft anschwärzte. Als alles verarbeitet war, stellte sich die Frage nach der Zukunft des Anzeigenden. Seine (Enkeltochter-) Gesellschaft sah das Vertrauensverhältnis als gestört an, wollte ihn loswerden und bot ihn der übergeordneten Tochter zur Übernahme an. Die bedankte sich artig, dachte an ihr eigenes Reporting und reichte das freundliche Angebot an die große Mutter weiter. Die wiederum dachte an ihre Aktionäre sowie an die Steuerbehörde – und lehnte höflich, aber konsequent ab.

Unter Zahlung einer sehr großen Abfindung und mit engagiert formuliertem Lob für seinen tollen Einsatz bekam der Anzeiger, hausintern Denunziant genannt, einen „goldenen“ (gern akzeptierten) Aufhebungsvertrag. Und alle lebten glücklich wie zuvor, gaben sich aber beim Manipulieren von Zahlen jetzt vermutlich etwas mehr Mühe.

Frage/2:

Fazit: Innerhalb solcher Organisationen (Unternehmen), die u. a. nach der Spielregel funktionieren „Ober sticht Unter“, stellt der Angriff auf den Vorgesetzten eine Art des „kalkulierten Selbstmords“ dar.

Ich selbst habe als Leitender Angestellter im mittleren Management einmal einen vorgesetzten Bereichsleiter (aus guten und auch für die Geschäftsführung nachvollziehbaren Gründen) „abgewählt“. Allerdings war für mich von vornherein klar, dass ich das Unternehmen verlassen würde, sollte ich mich nicht durchsetzen können. Ich war erfolgreich, jedoch erst, nachdem ich ultimativ einen Kündigungstermin an alle Geschäftsführer mit Begründung kommuniziert hatte. Dem Vorgesetzten wurde gekündigt, der „König“ war „gefallen“.

Zur Nachahmung kann ich ein solches Vorgehen aber dennoch nicht empfehlen.

Nachdem ich mich dann auch noch erfolgreich der Unterstellung unter einen bestimmten Geschäftsführer widersetzte (auch er wurde kurze Zeit später entlassen), hatte ich meinen Ruf im Unternehmen weg. Ich galt als „Königsmörder“ und „unführbar“.

Für mich jedoch begann nun im Unternehmen eine Phase größter Eigenständigkeit mit weitreichenden Entscheidungsfreiheiten und sehr nennenswerten beruflichen Erfolgen. Ich genoss den mir von der Geschäftsführung entgegengebrachten Vertrauensvorschuss, was meine Motivation und Arbeitsfreude hochhielt. Wenn ich als vermeintlich „unführbarer Königsmörder“ über 20 Jahre lang die Politik und die Arbeit des Unternehmens auf einem speziellen Gebiet etwas außerhalb der operativen Geschäfte nachhaltig mit prägen durfte, dann habe ich wohl nicht alles falsch gemacht.

Den Mangel an Bereitschaft zur Unterordnung (von Gehorsam ohne Einsicht in Notwendigkeiten hielt ich gar nichts) habe ich wahrscheinlich durch meine bedingungslose Offenheit und damit vertrauensbildende Berechenbarkeit, durch Verlässlichkeit sowie durch meine Erfolge ausgeglichen.

Was mir unter bestimmten Bedingungen gelang, kann kein Vorbild zur Ableitung von Handlungsregeln/empfehlungen für Ingenieure im Allgemeinen sein. Somit gilt uneingeschränkt das von Ihnen zum Thema Gesagte.

Antwort/2:

Ich bin Ihnen dankbar für die gegebenen Informationen – und insbesondere für Ihre Warnung, diese nicht als Handlungsempfehlung für andere zu sehen.

Man versteht in Ihrer Darstellung alles bis einschließlich „Ich galt als ‚Königsmörder‘ und ‚unführbar‘“. Danach hätte eigentlich eher eine Katastrophe als eine Erfolgsgeschichte stehen müssen.

Ich habe, so glaube ich, eine Erklärung dafür:

Einen aus dem üblichen operativen Geschäft kommenden „unführbaren Königsmörder“, also etwa einen Produktions- oder Einkaufsleiter, hätte man auf dem üblichen Weg entsorgt. Sie jedoch waren dort in einer Art Stab als hochqualifizierter Spezialist mit vermutlich sehr hoher fachlicher Reputation tätig. Ich habe die mir anvertraute Abteilungsbezeichnung aus Prinzip umschrieben, um jedem Leser zu zeigen, dass hier seine Darstellung selbst dann anonymisiert wird, wenn er das gar nicht verlangt.

Also, geehrter Einsender, mit Ihrem privaten „Volksaufstand“ gegen mindestens zwei hochrangige Manager in den Hierarchieebenen über Ihnen haben Sie großes Glück gehabt – und Ihre besondere Stellung in Verbindung mit gezeigten Leistungen und erarbeiteten Reputationen hat Ihnen geholfen. Wir sind uns einig: ein interessantes Beispiel, aber zur allgemeinen Nachahmung nicht empfohlen.

Es gibt noch einen speziellen Aspekt Ihres Falles, der Ihnen geholfen haben könnte: Ihr Aufbegehren konnte jeweils rein sachlich/fachlich begründet werden. Niemand unterstellte, Sie selbst hätten den Königsjob haben wollen – ein Aufstieg zum Geschäftsführer ist bei Ihrer speziellen Ausrichtung grundsätzlich nicht vorgesehen. Keine Vorteile für die eigene Karriere anzustreben, relativiert auch Königsmorde ein wenig (in jedem Krimi ist der Erbe des reichen Toten ein Hauptverdächtiger).

Aus meiner frühen Jugend fällt mir dazu eine Comic-Serie ein, die genau diesen Aspekt zum zentralen Thema hatte (aus dem Gedächtnis zitiert): Ein Großwesir im Orient namens Isnogud bastelte an Intrigen und Mordanschlägen rund um die Uhr unter der Devise: „Ich will Kalif sein anstelle des Kalifen“ – erfolglos übrigens, sonst wäre die Geschichte ja vorschnell zu Ende gewesen.

Frage-Nr.: 3.066
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-20-03

Von Heiko Mell

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