Heiko Mell

Die rücken mein Geld nicht heraus

Ich bin seit vielen Jahren eifriger Leser Ihrer Karriereberatung und bedanke mich für die zahlreichen Hinweise, die bei mir zu einer sehr nützlichen Denkweise im täglichen Arbeitsleben geführt haben.
Nun habe ich nach mehr als zehn Beschäftigungsjahren selbst gekündigt, um eine aus meiner Sicht einmalige berufliche Chance wahrnehmen zu können.

Normalerweise wäre ich davon ausgegangen, dass bei einer solchen Konstellation alles seinen geordneten Gang geht, insbesondere in einem Großunternehmen. Nun aber gibt es Unstimmigkeiten bzgl. einiger vertraglich geregelter Gehaltsbestandteile, die der bisherige Arbeitgeber nicht auszahlen möchte. Er beruft sich dabei auf eine Betriebsvereinbarung, deren vollständigen Text mir das Unternehmen jedoch nicht zukommen lassen möchte.

Ich bin im Kontakt mit einem Anwalt, um die Angelegenheit aus rechtlicher Sicht zu prüfen.

Lässt man die eher „romantische“ Betrachtung eines langjährigen Arbeitsverhältnisses außer Acht, bei dem immer wieder zu hören war, welche gute und tolle Arbeit man geleistet hat, dann frage ich mich, wie weit man jetzt gehen kann bzw. sollte. Die rechtliche Betrachtung ist die eine Seite, auf der anderen möchte ich natürlich ein sehr gutes Arbeitszeugnis haben.

Zu welchem Schritt würden Sie mir raten?

Antwort:

1. Es gibt Menschen, die folgen stur einem Prinzip: Wenn ich im Recht bin oder mich im Recht fühle (sofern diese Formulierung zulässig ist), dann lasse ich mir absolut nichts gefallen und setze mein Recht durch. Koste es, was es wolle – und wenn der mir entstehende Schaden den „Gewinn“ der Aktion deutlich übersteigt.

Kriege entstehen so, solche zwischen Staaten ebenso wie die zwischen Nachbarn oder Ehepartnern.

Ich neige dazu, dem ohnehin sozial schwächeren Angestellten zu einer Abwägung zwischen Aufwand/Nachteil einer- und Ertrag andererseits zu raten.

Sie haben selbst schon auf die mögliche Zeugnisproblematik hingewiesen. Aber es geht noch weiter:

Sie könnten (es gibt keine Garantie für das Gegenteil) Ihren neuen Traumjob schnell wieder verlieren und sich bald erneut bewerben müssen. Dann könnten die Bewerbungsempfänger bei Ihrem heutigen Arbeitgeber telefonisch Referenzen einholen. Und der könnte dann etwa so reagieren: „Was soll ich Ihnen sagen, am Schluss war es sehr unerfreulich. Offenbar mit dem damals neuen Arbeitsvertrag als Sicherheit in der Tasche fing er an, unhaltbare Forderungen zu stellen, uns Anwälte auf den Hals zu hetzen und uns wegen angeblicher Gehaltsforderungen vor Gericht zu zerren. Wollen Sie noch mehr wissen?“ Wie würde der Anrufer dann wohl über Ihre Bewerbung entscheiden?

Wenn Sie 100 000 Euro zu bekommen haben, fechten Sie es durch. Geht es um 1000 Euro, überlegen Sie im Sinne einer Kosten-/Nutzen-Analyse.

 

2. Große Unternehmen neigen nach meiner Erfahrung in solchen Fragen zu einem eher korrekten Vorgehen und versuchen nicht, den Angestellten zu übervorteilen resp. zu betrügen. Sie haben viel zu viel Angst davor, solch ein Versuch könnte irgendwann in der Zeitung stehen – und die paar Euro machen den Kohl für einen Großbetrieb auch nicht fett. Ich gehe davon aus, dass Ihr Arbeitgeber zumindest glaubt, im Recht zu sein und vielleicht unglücklich argumentiert hat.

 

3. Betriebsvereinbarungen sind Verträge zwischen dem Arbeitgeber und dem Betriebsrat als dem gewählten Vertreter der Belegschaft. Dass eine solche Vereinbarung bei einzelnen Arbeitnehmern zu Nachteilen führt, ist möglich. Dass sie gerade dann aber „geheim“ ist, halte ich für ausgeschlossen. Fragen (!) Sie notfalls den Betriebsrat, der hat den Text.

 

4. Vielleicht liegt dem „Konflikt“ einfach ein Missverständnis zugrunde und Sie sollten noch einmal mit der Personalleitung reden.

 

PS. Sollten Sie – ob mit oder ohne Wettbewerbsklausel im Vertrag – zum direkten Wettbewerber gehen und Ihr alter Arbeitgeber weiß das, dann könnte das durchaus als „Kriegserklärung“ Ihrerseits gelten. Sie hätten dann in manchen Augen „mit den Feindseligkeiten angefangen“.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2860
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-02-09

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