Von A zu B und zurück

(Hinweis: In der hier angesprochenen Ursprungsfrage ging es um einen Mitarbeiter, der sein Unternehmen A verließ, jedoch in einem schlechten Job bei B erkannte, dass A sein Traumarbeitgeber gewesen war und von mir den Rat bekam, in diesem speziellen Fall doch zu A zurückzugeben; H. Mell).

Ich habe heute mit Überraschung die Frage 2.679 gelesen und mich sofort „wiedererkannt“. Ich habe nach meinem Doktorat vor einer Reihe von Jahren bei einem Unternehmen A in der Schweiz angefangen. Dort habe ich recht schnell Karriere machen können. Ich habe mich fachlich wohlgefühlt und hatte sehr wohlwollende und motivierende Chefs. Ich konnte schnell Projekte übernehmen und wurde nach nur 2,5 Jahren bereits Teamleiter.

Dennoch habe ich mich stets nach einer Veränderung gesehnt. Die Tätigkeit entsprach nämlich nicht dem, was ich gelernt bzw. worauf ich doktoriert hatte. Ich hatte dann die Möglichkeit, entweder intern zu wechseln oder die Firma A zu verlassen. Diese stand nicht besonders gut da. Es gab Umstrukturierungen, Entscheidungsangst, die Firma war gelähmt und Besserung nicht in Sicht.

Dazu kam noch das Argument, dass ich im Ausland (Schweiz) lebte und dachte, ich wäre besonders heimatverbunden und müsste eines Tages zurück nach München (also das klingt nach einem Bayern – aber sagt der „worauf ich doktoriert hatte“? H. Mell).

Dann gab es dieses Angebot von B in München. Was ich dort bekam, war eine Katastrophe. Der internationale Konzern hatte sich nicht überlegt, was er mit einer Abteilung in München eigentlich wollte, fast ein Jahr lang hatten wir keinen Chef. Ich saß dort und hatte teilweise wochenlang nichts zu tun.

Auch gesundheitlich war ich angeschlagen. Wenn Mitarbeiter nicht mit adäquater Arbeit ausgelastet werden, dann ist das auch eine Art von Mobbing. Ich hatte keine Lust mehr, morgens aufzustehen und konnte abends nicht mehr schlafen.

Dann habe ich mich am Stellenmarkt umgesehen und genau die Erfahrung gemacht, die Sie geschildert haben: Ich war vom Teamleiter bei A als Sachbearbeiter zu B – noch dazu in eine andere Branche – gewechselt, der Lebenslauf war damit verunstaltet und wirkte abschreckend.

Meine Rettung: Ich bin zurück zu A in die Schweiz gegangen. Ich habe dort eine neue Rolle in einem anderen Fachbereich übernommen und habe bereits zwei Projekte, die ich leiten kann – ich bin glücklich damit.

Es war für mich eine extrem wichtige Erfahrung, denn auch ich hatte während meiner ersten großen Anstellung bei A gedacht, dort wäre alles schlecht. Jetzt weiß ich, dass es anderswo noch viel schlimmer sein kann. In ein paar Jahren könnte ich mich neu orientieren, ich könnte mir aber auch vorstellen, bis zur Rente bei A zu bleiben. Ich bin froh, dass ich nun wieder einen sicheren Hafen gefunden habe. Ich weiß heute gar nicht mehr, warum ich den Drang verspürt hatte zu wechseln. Aber alles in allem hat es mir gut getan und ich bin um mehr als eine Erfahrung reicher.

Antwort:

Also, liebe Leser, die Sie sich gelegentlich nach dem Studium der Einsendung fragen, was mir wohl diesmal wieder einfällt: Womit fangen wir an? Ist es das Gleichnis vom verlorenen Sohn, der reumütig „nach Hause“ zurückkehrt, nachdem er in der beruflichen Fremde unglücklich geworden war? Soviel vorab: A als neuer Arbeitgeber, der mit dem alten A identisch ist, spielt hier eigentlich gar keine Rolle, statt zu A (zurück) hätte unser Einsender auch zu C gehen und glücklich werden können.

Erledigen wir erst einmal einen Nebenkriegsschauplatz: Ich kann die Geschichte mit dem Mobbing durch und bei B so nicht stehen lassen.Kein Unternehmen der Welt, schon gar nicht ein Konzern von jenseits des „großen Wassers“, wo man die Profit-Orientierung quasi erfunden hat, kommt auf die Idee, in Germany eine Niederlassung aufzumachen, dort diese so verdammt tüchtigen Deutschen einzustellen und sie dann durch bezahltes Nichtstun so richtig schön fertig zu machen. Mobbing setzt Absicht und gezieltes Vorgehen voraus. Was hier bei B geschah, war vielleicht Pech, übliches Durcheinander bei Neuaufbau oder sogar totale Unfähigkeit des Managements, aber keinesfalls Absicht. Außerdem trägt unser Einsender erhebliche Mitschuld, denn er hätte dort niemals sein dürfen. Dazu gleich mehr.

Beginnen wir am Anfang: Ein junger Ingenieur in seiner ersten Anstellung. Das geht in der Regel nicht ohne Frustrationen ab. Wie immer sich das praktische Berufsleben zeigt – so schön wie in den Träumen des früheren Studenten kann es nicht sein. Diese Erkenntnis, die jedem Anfänger droht, ist als Praxisschock bekannt. Dabei spielt durchaus auch eine Rolle, welche spezifische „Vorbildung“ der einzelne Kandidat mitbrachte. Je mehr an Erfahrungen aus dem gehobenen industriellen Umfeld die Eltern am Abendbrottisch vermitteln konnten (und je mehr der junge Abiturient und Student bereit war, dabei interessiert zuzuhören), desto besser. Es gilt der Umkehrschluss.

Und es ist in allen Bereichen des Lebens ähnlich: Keine Partnerin, kein Partner wird je auf Dauer dem ursprünglichen Ideal entsprechen, kein gekauftes Auto wird es tun, keine gewählte Partei wird ihre Wähler nicht irgendwann enttäuschen. Um nun beurteilen zu können, wie die unvermeidlichen Enttäuschungen zu werten sind, ob man seinen Ärger besser hinunterschluckt oder den Wechsel erwägt, braucht man Erfahrung. Genau die hat der junge Berufstätige in seinem ersten Job nicht.

Ideale Erfahrungen übrigens wären eigene Einblicke in die Arbeitsumfelder möglichst vieler Unternehmen. Man erwirbt ein bisschen davon in Praktika, man kann lesen (z. B. in dieser Serie), man kann den Erlebnisberichten anderer lauschen. Aber wer drei Arbeitgeber hinter sich gebracht hat, sollte eigentlich beim Vierten ganz gelassen auf Belastungen reagieren.

Aber irgendwann wird es so manchem jungen Menschen zu viel, er wechselt. Um ihn vor allzu übereilten Entschlüssen zu schützen, gibt es die Regel, den ersten Job mindestens zwei Jahre lang durchzustehen; diese – eigentlich zu kurze – Beschäftigungszeit wird dann auch toleriert.

So weit war auch bei unserem Einsender noch alles in Ordnung, der aufkeimende Wechselwunsch war durchaus nachvollziehbar. Aber dann folgen massive Fehler, die ebenso klassische Regelverstöße sind:

1. Da ist das herumgeisternde Ziel „zurück nach München“. München ist ein Ort (die Schweiz ist so gesehen auch einer), man will aber nicht an einen Ort, man will in einen ganz klar umrissenen Job. Wenn der zufällig da ist, wo man gerne hinginge, ist es gut. Dieser Ort darf jedoch nie oben auf der Prioritätenliste stehen, das endet sehr oft im Chaos. Aber das sagte ich schon an dieser Stelle, geschätzt etwa dreihundert Mal.

2. Sehr groß ist die Gefahr, wenn unter der Devise „bloß weg hier“ gewechselt wird. Man soll hingegen nicht vor etwas weg-, sondern auf etwas zulaufen. Vollzogen wird der – im vorliegenden Fall ja völlig freiwillig erfolgende – Wechsel, wenn eine bessere, mindestens jedoch gleich gute Position gefunden wird. Dabei darf, ja soll man durchaus anspruchsvoll sein. „Hauptsache München“ löst das Problem in der Regel nicht.

3. Jetzt kommt der zentrale Fehler überhaupt: Ein nicht unter Entlassungsdruck stehender Teamleiter akzeptiert eine Sachbearbeiterstelle. Das ruiniert den Werdegang und gilt als Eingeständnis, der Teamleitung letztlich doch nicht gewachsen gewesen zu sein. Wenn die Branche, aus der man kommt, recht eng ist, kann die Befolgung dieser Regel durchaus schwierig werden – aber dann darf man sich nicht auf eine enge Zielregion beschränken. Vielleicht glaubt das der Ur-Münchener ja nicht, aber in West-, Mittel- und Norddeutschland leben auch Menschen, manche sind sogar glücklich (aber als Warnung: Man „doktoriert“ dort nicht).

Man soll – diese Mahnung geht an Unternehmen – Bewerber möglichst nicht unterhalb der zuletzt innegehabten Rangstufe einstellen. Denn ein früherer Teamleiter (z. B.) wird nicht nur seine Leitungsfunktion vermissen, er wird auch überkritisch an seine als unangemessen empfundenen Sachbearbeiteraufgaben herangehen. Die werden ihn kaum je zufriedenstellen.

Soviel dazu. Lernen können wir aus dieser Darstellung, dass man ein Arbeitsumfeld eigentlich nur so richtig beurteilen kann, wenn man Vergleichsmaßstäbe hat. In aller Bescheidenheit: In dieser Serie schildern wir solche Beispiele praktisch Woche für Woche.

Und wenn Sie zahlreiche Originalbeiträge aus der Karriereberatung thematisch geordnet „am Stück“ zur Hand haben und nachlesen wollen: Kürzlich ist in der Reihe „VDI Karriere“ in der 2. Auflage neu erschienen „Heiko Mell, Erfolgreiche Karriereplanung“, Springer-Verlag 2014, mit über 200 Seiten allein an praktischen Beispielen und den Kommentaren dazu.

Frage-Nr.: 2704
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-08-29

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