Heiko Mell

Neu im Metier – und schon wieder gehen?

Ich bin Anfang 30, war Zeitsoldat bei der Bundeswehr und habe dort mein Ingenieurstudium absolviert. Seit etwa einem Jahr bin ich bei einem der großen deutschen Industriekonzerne angestellt und arbeite dort im F+E-Bereich. Zum Abschluss eines zusätzlichen Studiums fehlt mir noch meine Diplomarbeit, an der ich gerade berufsbegleitend sitze.

Ich bin im Konzern nicht sehr zufrieden. Das Arbeitsklima ist zwar o.k., aber die Arbeitsmoral und – einstellung der Kollegen ist schwierig. Ich würde hier fast Vergleiche mit dem gerne genannten Beamtentum anbringen. „Haben wir immer so gemacht“, ist einer der häufigen Sätze. Die eingefahrene Art und Weise, auf den eigenen Arbeitsergebnissen zu sitzen wie die Henne auf dem Ei (bloß keine Daten rausgeben, man könnte darauf festgenagelt werden), belastet mich.

Derzeit bin ich im Kontakt mit einem Beratungsunternehmen, das sich auf Unterstützung im Projektmanagement spezialisiert hat. Dies ist auch der Schwerpunkt in meinen Weiterbildungen gewesen.

Jetzt bin ich etwas unschlüssig. Es handelt sich um meine erste Anstellung; ich bin aber leider sehr unglücklich. Soll ich die Zähne zusammenkneifen und eine gewisse Zeit vollmachen/absitzen? Oder ist es nicht so entscheidend, da es sich um meine erste Stelle handelt?

Ich möchte mich sehr im Voraus bedanken. Allein das Runterschreiben meiner Situation und meiner Gedanken hat mir schon einen kleinen Schritt weitergeholfen.

Antwort:

Gerade der letztgenannte Aspekt ist interessant. Ich höre so etwas öfter: Schon das Aufschreiben des Problems mit der Zielsetzung, die Dinge für einen Außenstehenden verständlich darzustellen, hilft in vielen Fällen.

Als Tipp für andere Leser lässt sich daraus ableiten: Wenn Sie einmal in einem komplexen Problem stecken, schreiben Sie es auf. Formulieren Sie alles so, dass man es einem Fachmann vorlegen und gleichzeitig veröffentlichen könnte, kürzen Sie Ihre Darstellung auf ca. 1,5 Seiten. Sie sehen danach klarer als zuvor, Sie erkennen Banalitäten neben Wichtigem, trennen immer mehr geradezu lächerliche Kleinigkeiten ab und legen den Kern frei. Es hilft in den meisten Fällen.

Herzlich gelacht habe ich, geehrter Einsender, über Ihre „zusammengekniffenen Zähne“. Ich habe zwar nie gedient, aber viel gelesen und gesehen (Kino/Fernsehen). Also ist mir auch klar, was da geschehen ist: Man kneift keine Zähne zusammen, man beißt sie höchstens entsprechend. Andererseits kneift man im Unteroffiziers-Jargon durchaus etwas zusammen, was mit „A“ anfängt und hier nicht hingehört. Sie haben tapfer versucht, diesen 08/15- Standardbegriff ins Zivile zu übertragen, sind aber nicht über den Versuch hinausgekommen. Gewohnheit prägt eben doch …

In der Sache bewegen Sie sich auf sehr dünnem Eis. Auf Vorwürfe dieser Art haben Ihre Kollegen gerade gewartet. Man nennt so etwas in solchen Kreisen Nestbeschmutzung und ist nicht sehr freundlich gegenüber dem „Beschmutzer“. Also habe ich mir sehr viel Mühe gegeben, Ihre Angaben zu überarbeiten. Resultat: Sie können nicht identifiziert werden! Sollte ein misstrauischer Auch-Leser auf den Busch klopfen, leugnen Sie in aller Ruhe Ihre Urheberschaft.

Zur Sache: Ich gehe davon aus, dass Ihre Beobachtung den Tatsachen weitgehend entspricht. Es gibt Konzerne, die sind dafür bekannt. Ihrer ist einer mit weltweit allerbestem Ruf, was die Produkte angeht. Aber man sagt allgemein: Niemand bewegt etwas bei der XY AG. Aber man kann dort etwas werden (Karriere machen). Und wenn man nach angemessener Zeit von dort weggeht, öffnet der Name dieses Arbeitgebers Türen und Tore.

Sie nun kommen aus einer ganz anderen beruflichen Welt, für dieses neue Umfeld fehlen Ihnen die Maßstäbe. Bei Industriekonzernen gilt: Wer einen kennt, kennt alle. Natürlich gibt es im Detail Unterschiede, so wie es sie aber auch zwischen zwei Abteilungen der XY AG geben kann.Also erlaube ich mir, Ihre Einschätzung „vermutlich völlig richtig“, aber eben auch „nicht hilfreich“ zu nennen. Bedenken Sie auch, wie viele tausend Menschen dort einigermaßen zufrieden arbeiten. Und wie erfolgreich dieses Unternehmen ist – das muss man ja auch sehen.

Und der Name XY AG steht in Deutschland wie ein Fels unter kleineren Felsen. Wer dort tätig war (Lebenslauf), muss aufpassen, dass er im Zusammenhang damit keine unnötigen Fragen aufwirft. Das würde mehr auffallen als beispielsweise eine lächerlich kurze Dienstzeit bei Müller + Sohn. Außerdem neigen Traditionskonzerne zum Kopfschütteln, wenn ein Mitarbeiter extrem früh (achten Sie einmal auf die dort üblichen Durchschnittszeiten der Betriebszugehörigkeit) wieder geht. Das färbt dann schnell auf das Zeugnis ab.

Mein wichtigstes Argument jedoch ist dieses: Sie kommen aus einem völlig anderen beruflichen Metier, in dem Sie mehr als zehn Jahre lang geprägt wurden. Jetzt sind Sie seit ein paar Monaten in einer völlig neuen, völlig anderen beruflichen Welt tätig, die Ihre endgültige werden soll. Und Sie sind bei einem weltweit hochrenommierten Haus beschäftigt, das auf nahezu allen Gebieten international ganz oben mitspielt. Wer möchte von Ihnen hören, wie Sie die neue Umgebung bewerten, wie Sie die Einstellung der Kollegen beurteilen etc.? Sie können ja noch gar nicht wissen, ob Sie vielleicht auf industrieübliches Verhalten gestoßen sind oder ob Sie zufällig eine der „schlimmsten“ Abteilungen der ganzen deutschen Wirtschaft kennengelernt haben.

Vor allem aber: Bei Ihnen steht das bisher völlig unbewiesene Hineinpassen eines Ex-Soldaten ins zivile Umfeld auf dem Prüfstand. Mit einer extrem kurzen Dienstzeit gerade bei diesem Top-Unternehmen hätten Sie den ersten entscheidenden Test dieser Art „vermasselt“.

Und Sie wissen nicht, absolut nicht, was Sie im zweiten zivilen Unternehmen erleben würden. Nichts schützt Sie gegen das Risiko, dort auch nach wenigen Monaten wieder gehen zu wollen oder zu müssen. Dann würde ein Betrachter Ihres Werdeganges sagen: „Hat in der für ihn fremden zivilen Welt nicht Fuß fassen können.“

Ich kann gut verstehen, worüber Sie sich heute ärgern. Aber raten muss ich Ihnen, die typische Realität eines beruflichen Umfeldes, das noch dazu einen großen Namen hat, zu akzeptieren, sich zu integrieren, mindestens drei Jahre lang dabeizubleiben und ggf. dann mit glänzender Beurteilung durch Ihre Vorgesetzten wegzugehen. Beratungsunternehmen gibt es dann immer noch.

Ich war nie Soldat, bin aber vielseitig interessiert und Vater eines Sohnes, der nach seinem Wehrdienst als Hauptgefreiter abging. Meinen Sie nicht, dass es viele Wehrpflichtige, Zeit- und Berufssoldaten gegeben hat und gibt, die ebenfalls nach den ersten Monaten in dieser für sie neuen Welt völlig unzufrieden sind oder waren und am liebsten „nur schnell weg hier“ gesagt hätten? Manche davon sind dann doch viele Jahre dabeigeblieben.

Bedenken Sie bitte auch: Sie mit Ihrem speziellen Weg sind die Ausnahme im gesamten beruflichen System. Im Normalfall kommt ein junger Mensch mit Ingenieurstudium in einem Alter irgendwo zwischen 22 und 26 Jahren erstmals in die Welt der Industrie. Er ist so etwa sieben bis zehn Jahre jünger als Sie und nicht „beruflich anderweitig vorgeprägt“. Sie sind die Ausnahme, von Ihnen werden jetzt besondere Anpassungsbereitschaft und Toleranz erwartet. Ich rate Ihnen zum Durchhalten – im Hinblick auf mögliche kommende Belastungen kann die derzeitige Unzufriedenheit das kleinere Übel sein. Und mit Ihrer halbfertigen Diplomarbeit (Zusatzbelastung) werden Sie auch besser am vertrauten Arbeitsplatz fertig.

Kurzantwort:

Gerade in seiner ersten beruflichen Anstellung sollte man durchhalten und nicht zu schnell das Handtuch werfen. Das gilt besonders, wenn man vorher einen etwas speziellen Weg gegangen ist und der eigene Werdegang später misstrauisch dahingehend geprüft wird, ob wohl die Integration im neuen Umfeld gelungen ist. Das gilt noch einmal verstärkt, wenn jenes erste
Unternehmen Weltgeltung hat.

Frage-Nr.: 2672
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-02-20

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