Heiko Mell

Wechsel, wenn der Verkauf droht?

Frage/1: Ich arbeite seit sieben Jahren in einem mittelständischen produzierten Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern als selbstständig tätiger Mitarbeiter im Fachgebiet X und bin Mitte 30. (Wenn das man stimmt: Ihr Unternehmen wurde nicht produziert, es produziert eher, ist also ein produzierendes; H. Mell).

Seit geraumer Zeit steht ein Unternehmensverkauf an. Über den möglichen neuen Eigentümer ist wenig bekannt. Wir werden wohl in einen anderen Tarifvertrag mit schlechteren Konditionen kommen.

Ich habe mich vorsichtshalber beworben und zwei Angebote erhalten, die ich abgelehnt habe. Sie dienten auch mehr dazu, meinen Marktwert zu testen. Nun habe ich ein Angebot im Projektmanagement erhalten, das ist etwas völlig anderes als das, was ich bisher geradlinig und durchgehend gemacht habe. Der Job ist im öffentlichen Dienst angesiedelt und zunächst auf zwei Jahre befristet. Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit einer späteren Übernahme sehr groß.

Zudem wäre der Job sehr krisensicher, und die Zusatzleistungen, wie beispielsweise Weiterbildungsmöglichkeiten, sind gut. Einziges Manko: weniger Gehalt, zumindest für vier Jahre mit der Aussicht, bei guter Arbeit höher eingestuft zu werden. Trotzdem würde ich mein bisheriges Gehalt nicht mehr erreichen. Allerdings muss ich die bei einer Anstellung dort eingesparten Fahrtkosten und das Risiko des Gehaltsverlustes beim alten Arbeitgeber dagegenrechnen. Das Angebot würde mir erlauben, persönliche fachliche Interessen (Branche, Tätigkeit) mit dem Beruf zu verbinden. Zudem ist die Organisation zwar starr, aber Aufstiegsmöglichkeiten wären zumindest theoretisch vorhanden. Eine Beschäftigung bis zur Rente wäre auch nicht ganz abwegig.

Frage/2 (von mir etwas gestrafft; H. Mell): Soll ich überhaupt wechseln? Die offene Frage ist, was der neue Eigentümer langfristig vor hat?

Wenn ich wechsele: Ist es ratsam, einen Weg einzuschlagen, der nicht zum bisherigen Werdegang passt? Ich könnte ja auch in ein größeres Unternehmen gehen, in meinem angestammten Fachgebiet weiter machen und dort eine größere Aufgabe mit mehr Verantwortung übernehmen.

Wenn ich den jetzt angebotenen Job annehme und feststelle, dass es der falsche Weg war, kann ich dann einfach zurück ins angestammte Fachgebiet gehen?

Antwort:

Antwort/1: Wäre ich Rhetoriklehrer oder etwas in der Art, dann hätte ich jetzt ein wunderbares Beispiel für eine Art der Argumentation, die vollkommen abwegig, aber weit verbreitet ist. Volkstümlich gesagt: Sie lügen sich selbst in die Tasche.

Dabei ist, ich spekuliere jetzt einfach einmal, alles ganz einfach: Der mögliche neue Job interessiert Sie, weil Sie mit dem Metier persönliche Interessen verbinden; die Geschichte läge direkt vor Ihrer Haustür (was Sie nicht aussprechen, sondern was ich mühsam aus dem Argument mit den Fahrtkosten herausinterpretieren muss) – und nun wollen Sie diese Stelle und drehen jedes Detail so lange hin und her, bis es scheinbar passt. Der kühl und vor allem sachlich denkende Manager dagegen analysiert alle Aspekte und wertet sie möglichst emotionslos. Dann trifft er eine Entscheidung. In Ihrem Fall sähe das so aus:

a) Auf dem neuen Fachgebiet haben Sie keine direkten Erfahrungen. Sie könnten also auch scheitern, weil Sie Ihre neuen Chefs enttäuschen (dass die Ihnen den Job zutrauen, beweist allein nichts).

b) Falls Sie nach ein bis zwei Jahren gescheitert sein würden oder aus sonstigen Gründen wieder auf den Markt gehen müssten, wiese Ihr Lebenslauf sieben solide, mit positiver Entwicklung hin zur heutigen Funktion verbundene Jahre auf, dann den totalen Wechsel, eine viel zu kurze Dienstzeit und ein fachliches Bild, das nicht Fisch, noch Fleisch wäre: Ihr „altes“ Fachgebiet hätten Sie mit dem Wechsel verlassen, es fesselte Sie nicht mehr, im neuen stünden Sie unter dem Verdacht des Scheiterns und wären dort auf keinen Fall schon ausgewiesener Fachmann.

c) Ein Arbeitgeber, der einen befristeten Vertrag schließt, will, dass dieser am Stichtag ausläuft, ohne dass er kündigen muss: keine Abfindung, kein Personal-/Betriebsrat, keine Kündigungsschutzklage, keine gegnerischen Anwälte, keine Sozialauswahl; prima (für ihn).

Ein Arbeitnehmer, der einen befristeten Vertrag schließt, hat einen Job bis zum letzten dort genannten Tag, dann hat er nichts, er ist erst einmal arbeitslos. Alle Aussagen über die Wahrscheinlichkeit einer Übernahme sind Schall und Rauch ohne jeden Wert. Wenn ein Arbeitgeber so sicher ist, dass eine Übernahme kommt, kann er ja direkt einen unbefristeten Vertrag schließen.

Ein Arbeitgeber, der einen befristeten Vertrag anbietet, muss wissen, dass er damit nicht die Elite der Bewerber gewinnen kann. Die ist heute in unbefristeten Verträgen tätig und „hustet ihm etwas“ – vor allem, wenn er dann auch noch weniger Geld bietet. Also muss er z. B für das Projektmanagement mit Leuten vorlieb nehmen, für die das Gebiet weitgehend neu ist.

Niemals (bis auf die immer denkbaren Ausnahmen, wenn Menschen im Spiel sind) wird ein verantwortungsbewusster Arbeitnehmer eine heute unbefristete Position, in der er nicht unter unmittelbarem Druck steht, gegen einen befristeten Vertrag eintauschen.

d) Oben in Ihrem Brief klagen Sie über denkbare Einkommensverluste durch einen vielleicht kommenden neuen Tarifvertrag. Weiter unten (beim „Traumangebot“) geben Sie zu, dass dort die Einkommensverluste absolut sicher sind, ich habe sogar das Gefühl, dass Sie diese als größer einschätzen. Das ist nicht logisch.

e) Misstrauen Sie jedem Angebot, das direkt vor Ihrer Haustür einen Arbeitsplatz verspricht oder das Ihnen einen Umzug erspart. Die daraus resultierende Freude ist imstande, Ihren Blick für andere Details zu trüben.

f) Der Wechsel in den öffentlichen Dienst hat seine Besonderheiten. Er ist zunächst ziemlich problemlos, gilt aber generell als „Weg ohne Wiederkehr“. Ich will hier nicht werten, einigen wir uns so: Der öffentliche Dienst hat, ob berechtigt oder nicht, in der freien Wirtschaft ein bestimmtes Image, das Bewerber aus diesem Bereich in der Industrie nicht pauschal begehrt macht. Und tatsächlich ist in beiden Bereichen so vieles so viel anders, dass man zumindest beim Wechsel vom öffentlichen Dienst in die Wirtschaft mit großen Problemen rechnen müsste. Am besten planen Sie einen möglichen Schritt in den öffentlichen Sektor als dann endgültig ein (was aber wegen der vorgesehenen Befristung hier nicht geht).

g) Sie schreiben als Mittdreißiger, der beim möglichen neuen Arbeitgeber noch keinen Tag gearbeitet hat, in Ihrem letzten oben abgedruckten Satz, eine „Beschäftigung bis zur Rente wäre auch nicht ganz abwegig“. Das umfasst ca. dreißig weitere Berufsjahre und basiert auf Wunschträumen. In einem anderen, hier nicht abgedruckten Teil schreiben Sie: „Hinzu kommt, dass ich mich schon eine Zeit lang nach einer Veränderung sehne, weil die bisherigen Aufgaben langweilig werden.“ Dabei waren das nur sieben Jahre …

Wachen Sie auf, Sie machen sich etwas vor, Sie reden sich etwas ein.

Antwort/2: Seien Sie generell vorsichtig mit fachlichen Tätigkeitsschwerpunkten, die Sie „privat sehr interessieren“. Erfahrungsgemäß trennt man besser private Interessengebiete vom täglichen professionellen Tun. Zu letzterem gehört es natürlich auch, dass man sich auf den bearbeiteten Gebieten besonders engagiert, an allem Anteil nimmt und sich dort für die angestrebten Erfolge voll einsetzt. Aber privates (persönliches) Interesse am Metier bringt eine emotionale Komponente ins Spiel, die zu falschen Entscheidungen und Vorgehensweisen führen können.

Ein Beispiel: Ein Unternehmen produziert Fensterheber für Pkw. Eine anspruchsvolle, den ganzen Ingenieur fordernde Geschichte. Aber wenn die Leute dort nur Mitarbeiter beschäftigen wollten, die sich „privat für Fensterheber interessieren“, dann würde die Personalsuche doch etwas anstrengend.

Ich rate Ihnen: Wenn Ihre heutige Aufgabe Sie zu langweilen beginnt, suchen Sie sich extern eine neue. Bleiben Sie dabei so nahe wie möglich am Fachgebiet. Ihre heutige Spezialisierung ist weitgehend branchenneutral, erlaubt also auch einen Branchenwechsel. Bemühen Sie sich entweder um den Einstieg in die Führung bei gleich großen (oder kleineren) Unternehmen oder suchen Sie die Fortsetzung auf ausführender Ebene im größeren Haus. Beide Schritte wären geeignet, auf Jahre hinaus keine Langeweile aufkommen zu lassen.

Was den bevorstehenden Eigentümerwechsel beim heutigen Arbeitgeber angeht: Mitarbeiter, die schon etwas „sind“ (hierarchisch gesehen), riskieren dabei oft den Verlust des Erreichten und denken besser rechtzeitig über einen Wechsel nach. Wer nur ausführend tätig ist, kann gelassener abwarten: „Indianer“ im Stamm wird auch der neue Oberhäuptling brauchen. Allerdings könnte er, um den Kaufpreis wieder „hereinzuholen“, einige Indianer entlassen – und bei der Auswahl wird er frühere Verdienste um die Firma nicht berücksichtigen.

Also sollten Sie, sieben Jahre dort hinter und einen Eigentümerwechsel vor sich, ruhig einmal schauen, was der Markt Ihnen bietet.

Wenn Sie den angebotenen Job mit dem befristeten Vertrag im anderen Fachgebiet und bei einem völlig anderen Arbeitgebertyp annähmen, gäbe es keinen leichten Weg zurück in Ihr altes Metier. Vergessen Sie nie: Wer von einem Fachgebiet und von einem Arbeitgebertyp weggegangen ist, sagt ja, dass er dort nicht mehr bleiben wollte. Das ist keine gute Basis, um bei späteren Rückkehr-Bewerbungen das Umfeld, das Sie damals „satt hatten“, nun als „Traumziel“ zu definieren.

Kurzantwort:

1. Misstrauen Sie neuen Arbeitsangeboten, die „direkt vor der Haustür“ liegen.

2. Der öffentliche Dienst und die freie Wirtschaft sind, jeweils aus der Sicht der anderen Seite, tatsächlich in vielen Dingen „anders“. Ein Wechsel will sehr gut überlegt sein und sollte als „endgültig“ angesehen werden.

3. Wer bei einem Wechsel ohne Druck einen unbefristeten Arbeitsvertrag gegen einen befristeten austauscht, gilt als extrem risikofreudig. Mündliche Versprechen, später wahrscheinlich übernommen zu werden, sind ohne Bedeutung.

Frage-Nr.: 2614
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-03-15

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