Heiko Mell

Ein Mann, ein Wort, ein Wortbruch?

Man erhält einen neuen Arbeitsvertrag von Firma A. Arbeitsbeginn in drei Monaten. Man unterschreibt diesen. Einen Monat später, also noch vor dem Arbeitsantritt bei A, erhält man ein attraktiveres Angebot von Firma B.

Ist man dem Arbeitsverhältnis zu Firma A verpflichtet oder gelten während der ersten drei bis sechs Monate von beiden Seiten keine Kündigungsfristen? Persönlich habe ich Gewissensbisse, ein gutes Angebot wegen eines besseren abzusagen. Ich habe im Kopf: Zusage ist Zusage.

Antwort:

Nur zur Sicherheit: Rechtsauskünfte konkreter Art kann, darf und will ich nicht geben. Im Zweifelsfall kontaktiere man einen Anwalt, viele Details dazu regelt schon der jeweilige Arbeitsvertrag. Oft steht dort sogar, eine Kündigung vor Dienstantritt sei ausgeschlossen. Das Thema hat viele Facetten. Z. B. diese:

1. Unsere gesamte Wirtschaftsordnung beruht darauf, dass durch Unterschrift besiegelte Vereinbarungen ernstgenommen und eingehalten werden. Die Juristen haben dafür einen lateinischen Grundsatz, der übersetzt lautet: „Verträge müssen eingehalten werden.“ Das muss also der Normalfall sein und bleiben.

2. Wer Verträge bricht, muss nicht nur wissen, was er riskiert (z. B. Schadenersatzleistung, Details sagt ihm sein Anwalt), er muss auch wissen, was er anrichtet: Der neue Arbeitgeber hat sich auf seine Unterschrift verlassen, allen anderen Bewerbern abgesagt und steht wieder vor dem Nichts (bei dieser Stellenbesetzung), wenn der neue Mitarbeiter seine freiwillig eingegangene Verpflichtung nicht einhält.

Die – z. T. hohen – Kosten der alten Aktion für Inserate, Reisekosten für fünf bis zehn Bewerber, interne Kosten für etwa zehn bis zwanzig Manager- und weitere Sachbearbeiterstunden sind dann ohne bleibenden Gegenwert entstanden und werden – ohne Erfolgsgarantie – noch einmal fällig.

3. Wie lautet die alte Volksweisheit so schön: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Gleiches Recht für alle: Möchten Sie, dass der neue Arbeitgeber mit Ihnen einen Vertrag schließt, aber heimlich weitersucht, ob sich für Ihren Job nicht noch ein besserer Bewerber findet – und Ihnen dann kurz vor Dienstantritt mitteilt: „Ätsch, es wird nichts daraus“?

4. In jedem Fall führt so ein Vertragsbruch zu einer Verhärtung der Haltung der geschädigten Firma gegenüber Bewerbern. Spätere Kandidaten wundern sich über unmotiviert erscheinende Absagen (in Wirklichkeit glich man nur im Typ, im landsmannschaftlichen Status oder in anderen Details des Lebenslaufes jenem wortbrüchigen Bewerber „von damals“). Oder sie ärgern sich über fast schon bösartig klingende Vertragstexte (die jenes Unternehmen nun hat ausarbeiten lassen, um „nie wieder hereingelegt zu werden“).

5. Eigentlich kann – und darf – ein wie von Ihnen geschilderter Fall gar nicht geschehen. Eine Firma B legt niemals plötzlich und unmotiviert ein konkretes Angebot vor. Es sind nur zwei Möglichkeiten denkbar:

a) Es handelt sich um Ihre Bewerbung aus dem Fall, der mit dem Vertrag mit A hätte abgeschlossen sein sollen. Ein seriöser Bewerber sagt am Tage der Unterschrift bei A alle anderen Kontakte (auch zu B) ab und zieht seine Bewerbungen zurück. Dann gibt es keine Versuchung durch B oder C mehr.

b) Es könnte sich um einen Abwerbeversuch durch B handeln, der nichts mit den „alten“ Bewerbungen zu tun hat. Der beginnt aber nicht mit der Vorlage eines Vertragsangebotes, sondern mit der vorsichtigen Anfrage, ob man nicht interessiert wäre an einem Gespräch über … Dann lautet die Antwort: „Nein, ich habe gerade einen neuen Vertrag unterschrieben. Vielleicht in vier oder fünf Jahren wieder.“

Fazit zu 5: Der ganze Fall kann also nur auftreten, wenn Sie etwas falsch (gegen die Regeln) gemacht haben.

6. Damit Sie nicht denken, die Dinge seien nur im Arbeitsleben so: Wenn Sie den Vertrag auf Lieferung eines neuen Autos beim Händler der Marke A unterschrieben haben, morgen eine Probefahrt bei der Konkurrenzmarke B absolvieren und deren Auto besser finden, haben Sie ebenso ein Problem.Das bekommen Sie auch – vor allem in moralischen Dimensionen – wenn Sie Gisela einen Heiratsantrag machen, jeden Tag Details der Eheschließung planen und „bis zuletzt“ in den Discos der Stadt Umschau halten, ob sich da nicht noch attraktivere Alternativen finden.

7. Es gibt tatsächlich einen Persönlichkeitstyp, der sich nie endgültig festlegen mag, der jede seiner Entscheidungen immer wieder infrage stellt, ständig Zweifel hat, ob das denn wohl richtig war. Und es gibt Menschen, die analysieren sorgfältig, treffen ihre Auswahl in vernünftigem Zeitraum und bleiben konsequent dabei. Es ist auch eine Frage des Selbstbewusstseins und eventuell vorhandener Führungseigenschaften.

Und als Trost: Definitionsgemäß ist eine Entscheidung die Festlegung auf eine von mehreren Handlungsmöglichkeiten, ohne zu wissen, ob man tatsächlich die beste Variante wählt. Welche das gewesen wäre, erfährt man glücklicherweise so gut wie nie. Denn die Zukunft mag zeigen, dass die nicht gewählte Firma die solidere war – aber stets bleibt offen, wie man dort mit dem Chef zurechtgekommen wäre.

Kurzantwort:

Wer seine Unterschrift unter einen (Arbeits-)Vertrag setzt, hat diesen einzuhalten. Die Kündigung im Rahmen der dort festgelegten Regelungen ist erlaubt, eine simple Rücknahme des gegebenen Wortes nicht. In  Versuchung gerät diesbezüglich nur, wer sie durch Fehlverhalten provoziert.

Frage-Nr.: 2538
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-01-27

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