Heiko Mell

Verzweiflung pur

Frage:

Ich weiß weder vor noch zurück. Nach meiner Ausbildung habe ich sofort eine Stelle als Konstrukteur im Bereich Forschung und Entwicklung bei einem mittelständischen Unternehmen gefunden. Nach ca. 2,5 Jahren habe ich die Firma im Guten verlassen.

Ich wollte mich persönlich weiterentwickeln und auch privat sollte es klappen. Deshalb habe ich gekündigt, bin mit meiner Partnerin in eine andere Stadt gezogen und habe bei einer Firma angefangen, die ähnliche Produkte herstellt wie mein voriger Arbeitgeber. Direkte Konkurrenten sind die Firmen meines Erachtens nicht, aber ich könnte meine Erfahrungen gut einbringen, dachte ich. Ich wurde auch dort als Konstrukteur im Bereich F+E eingestellt.

Nach jetzt kaum einem Monat habe ich leider Folgendes feststellen müssen: Die Firma quetscht mich leider nur über jegliche Gegebenheiten bei meinem Ex-Arbeitgeber aus. Auch mein Tätigkeitsgebiet entspricht nicht dem, was mir versprochen wurde. Auch strebe ich ein Fernstudium an, eine Unterstützung (Arbeitszeit, unbezahlter Urlaub) war zugesagt worden, wurde jetzt aber wieder verneint.

Ich weiß nun überhaupt nicht mehr, was ich machen soll, weil es meines Erachtens nicht von Durchhaltevermögen zeugt, schon nach so kurzer Zeit das Handtuch zu werfen. Andererseits habe ich große Bedenken, dass ich nur Informationslieferant bin und dann nach einem halben Jahr Probezeit wieder gehen kann.

Ich spiele schon mit dem Gedanken, wieder zurück zu meinem alten Arbeitgeber zu gehen. Wenn ich mich jetzt bei anderen Firmen bewerbe, werden die auch nicht gerade erfreut sein, dass ich mich nach so extrem kurzer Zeit schon wieder nach einem neuen Arbeitgeber umsehe.

Antwort:

Analysieren wir erst einmal, was da „gelaufen“ ist:1. Warum sind Sie überhaupt vom alten Arbeitgeber weggegangen? Ihre Angabe „persönliche Weiterentwicklung“ überzeugt mich nicht! Sie waren Konstrukteur in F+E und sind jetzt Konstrukteur in F+E bei ähnlichem Produktprogramm. Lohnt dafür dieser Aufwand, verbunden mit dem dazugehörenden Risiko (das ja nun voll „durchgeschlagen“ ist)?

Ich bin ein misstrauischer Mensch, nicht von Natur aus, sondern aus Erfahrung. Wie heißt es bei Ihnen? „… und auch privat sollte es klappen. Deshalb habe ich gekündigt, bin mit meiner Partnerin in eine andere Stadt gezogen …“ Ich glaube, dass irgendein ominöses Privatmotiv Ursache Ihres ganzen Wechselabenteuers war. Übrigens, dies nur am Rande, versteht man das als unbefangener Leser nicht: Wenn Sie die Partnerin in der alten Stadt schon hatten, warum mussten Sie dann mit ihr umziehen und dafür Ihren offenbar guten Job aufgeben?

Am Ende dieses ersten Kapitels steht: dringender Verdacht, letztlich aus rein privaten Gründen schwerwiegende Entscheidungen getroffen zu haben. Man soll das nicht tun!

2. Der Zeitpunkt der ganzen Aktion war absolut falsch gewählt! Sie wollen sich durch ein Fernstudium entscheidend (in Ihrem Fall um eine ganze Dimension, Sie haben mir Details mitgeteilt) verbessern, also ist dies das wichtigste Vorhaben Ihres jungen (Berufs-)Lebens. Man taucht aber nicht bei einem neuen Arbeitgeber auf und verkündet:

a) „Ich werde 15 bis 20 % meiner geistigen Kapazität nicht in meinen neuen Job (Überstunden u. Ä.) stecken, sondern in mein Fernstudium.“ So klingt das für ihn.

b) „Bei dem Projekt Fernstudium brauche ich zusätzlich eure Hilfe und Unterstützung (Zeitvereinbarungen etc.), ich werde also nicht voll einsetzbar sein – und ihr müsst das akzeptieren.“ Und das, bevor sicher ist, was Sie dort leisten werden.

c) „Sowie ich das neue Zertifikat in Händen habe, verliert ihr mich. Denn ich werde noch an jenem Tag andere, anspruchsvolle Aufgaben verlangen, am besten eine Beförderung. Die werdet ihr mir so spontan nicht geben können/wollen, also werde ich kündigen.

„Das sagen Sie unausgesprochen – so läuft es immer in solchen Fällen. Deshalb soll man neue Arbeitgeber nicht mit solchen Projekten konfrontieren. Am besten wickelt man so etwas bei der alten Firma ab, wo man – hoffentlich – schon als guter, leistungsstarker Mitarbeiter bekannt ist. Oder man findet einen Weg, das ganze Projekt heimlich durchzuziehen.

3. Sie sind enttäuscht, dass vermeintliche „klare Zusagen“ des neuen Arbeitgebers bezüglich des Tätigkeitsgebiets und Ihres Fernstudiums nicht eingehalten wurden.

Das wäre Ihr gutes Recht, aber:Die Erfahrung lehrt, dass Vorstellungsgespräche ein idealer Ort für gravierende Missverständnisse sind! Vorgesetzte neigen dort eher zu verschraubten Unverbindlichkeiten („Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass sich hier ein Weg finden ließe, Ihnen entgegenzukommen“), der unter Stress stehende Bewerber registriert nur die Kurzform „ich habe die feste Zusage“. Aber das war nur „heiße Luft“!

In nahezu jedem Arbeitsvertrag steht, es gelte nur die schriftliche Vereinbarung, mündliche Nebenabreden seien bedeutungslos. Was für Sie heißt: Alles, was Ihnen wichtig ist, muss im Arbeitsvertrag stehen, denn: „Worte sind Schall und Rauch.“ Zum Beispiel hätten Sie um Aufnahme der „Zusagen“ zum Fernstudium in den Vertrag bitten können – im negativen Fall hätten Sie eben nicht unterschrieben.

Firmenvertreter wissen, dass sie mit „festen Zusagen“ in Vorstellungsgesprächen, die später nicht gehalten werden, Ärger bekommen. Also machen sie kaum solche, sondern behelfen sich mit hübsch klingenden Unverbindlichkeiten. Daher ist ihnen dringend mehr Klarheit und Offenheit anzuraten – und Bewerber sollten besser zuhören.

4. Dass Sie sich als reines „Ausfrageobjekt“ im Hinblick auf Ihre alte Firma fühlen, kann leider durchaus den Tatsachen entsprechen, so etwas kommt vor. Es werden gelegentlich Einladungen zu Vorstellungsgesprächen „zwecks Informationsbeschaffung“ aus einem bestimmten Unternehmen veranlasst, ebenso hat man schon von Einstellungen auch oder nur aus diesem Grund gehört. Es spricht für Sie, dass schon der Verdacht Sie abstößt (Sie können sich weigern – aber der Arbeitgeber kann sich weigern, Sie über die Probezeit hinaus zu beschäftigen).

Man kann als Bewerber diese Gefahr reduzieren, indem man möglichst auch dann nicht zum Wettbewerb wechselt, wenn man keine entsprechende Klausel im Vertrag hat (außerdem erzürnt ein solcher Wechsel meist den alten Arbeitgeber).

5. Ich wollte Ihnen zeigen, dass Sie an Ihrer Situation nicht unschuldig sind. Erfahrungsgemäß wird man besser damit fertig, wenn man das akzeptiert.Was können oder sollten Sie jetzt tun?

I. Ich fürchte, das Klima am neuen Arbeitsplatz ist durch die aufgetauchten Konflikte (Tätigkeit, Fernstudium, Ausfragerei) schon stark belastet. Das Fernstudium, dem ich in Ihrem speziellen Fall(!) Priorität einräumen würde, ist dort kaum noch realisierbar. Also sollten Sie trotz berechtigter Bedenken einen weiteren Wechsel ins Auge fassen.

II. Ich bin grundsätzlich gegen die Rückkehr zum alten Arbeitgeber: Sie hatten Gründe, dort wegzugehen, diese bestünden weiterhin.

Aber 1: Wenn dieses Fernstudium auf Nr. 1 Ihrer Liste steht, lässt sich das ggf. dort am besten realisieren, fühlen Sie einmal vor.

Aber 2: Sagen Sie dort lieber nicht, Sie wären vom heutigen Arbeitgeber über jene Firma „ausgequetscht“ worden – Sie wecken sonst eventuell den Verdacht, Sie seien nun von jenem Unternehmen bewusst zur aktiven Informationssammlung zurückgeschickt worden (auch das hat es schon gegeben). Geben Sie als Gründe für Ihre Enttäuschung „Tätigkeit“ und „Fernstudium“ an, das genügt.

Sofern Sie diese Variante wählen, gilt: So schnell wie irgend möglich. Es gibt sogar alte Arbeitgeber, die „vergessen“ bei einem späteren erneuten Ausscheiden eines Rückkehrers die fehlenden Wochen an der durchgängigen Dienstzeit im Zeugnis zu erwähnen …

III. Wenn nur der Fremdwechsel bleibt (er wäre nicht die Lösung, sondern das kleinere Übel), sollten Sie mindestens drei Monate beim heutigen Arbeitgeber bleiben, sonst wirken Bewerbungen extrem unüberlegt, ja panisch. Und die Ausquetscherei erwähnen Sie besser auch dritten Firmen gegenüber nicht.

 

Frage-Nr.: 2402
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-04-09

Von Heiko Mell

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