Heiko Mell

Ich bin in einer Situation, in der ich keinen Ausweg sehe:

Frage:

Ich bin seit mehr als zehn Jahren bei meinem ersten Arbeitgeber beschäftigt. Es handelt sich um einen mittelständischen Zulieferbetrieb. Vor einigen Wochen habe ich fristgerecht gekündigt, nachdem ich mit einem anderen Unternehmen einen neuen Vertrag geschlossen hatte.

Etwa zwei Wochen später hat mir mein bisheriger Chef (zur Zeit alleiniger Geschäftsführer) ein attraktives Gegenangebot gemacht. Das Angebot und mein Vertrauen in meinen Chef haben mich bewogen, ihm auf sein mündliches Angebot hin eine mündliche Zusage zu geben und den mit dem anderen Unternehmen geschlossenen Arbeitsvertrag wieder zu lösen.

Kurz darauf eröffnete mir mein Chef, dass sein (ihm gegenüber weisungsberechtigter) Beirat kein Interesse an mir hat und dass meine Kündigung, entgegen dem Willen meines Chefs, aufrechterhalten werden soll. Weder zu neuen noch zu meinen alten Konditionen sei man an einer Zusammenarbeit mit mir interessiert. Ich hatte übrigens dem Beiratsvorsitzenden in seiner früheren Funktion als Geschäftsführer auch schon gelegentlich direkt berichtet.

Ich bin jetzt also de facto arbeitslos. Mein Anwalt meint, ein Geschäftsführer müsse auch zu einem mündlich geschlossenen Vertrag stehen. Somit habe meine Kündigung keinen Bestand. Mittlerweile sind die Fronten sehr verhärtet.

Wie soll ich mich verhalten, wie beschreibt man solch eine Situation im Lebenslauf bzw. wie stellt man sie in Vorstellungsgesprächen dar?

Antwort:

Glücklicherweise kann, darf und will ich hier keine juristische Bewertung dieses ungewöhnlichen Falles vornehmen. Aber allgemeine Empfehlungen und natürlich die unerlässliche Ursachenanalyse dürfen Sie erwarten:

1. Ausgelöst haben Sie(!) die ganze Misere, indem Sie sich nach bereits schriftlich ausgesprochener Kündigung von Ihrem bisherigen Arbeitgeber haben „zurückkaufen“ lassen. Das soll man nicht tun! Viele Chefs, auch wenn sie sich selbst daran beteiligen(!), werten ein solches Arbeitnehmer-Verhalten später als „Erpressung“ („seinen heutigen Vertrag verdankt er nur dem Umstand, dass er uns damals mit seiner Kündigung erpresst hat – wir waren seinerzeit auf ihn angewiesen“). Dabei spielt es im Arbeitgeber-Denken keine Rolle(!), wer letztlich die Initiative für das Rückkauf-Angebot ergriffen hat.

2. Den potenziellen neuen Arbeitgeber haben Sie natürlich auch verärgert und maßlos enttäuscht. Außerdem haben Sie ihn in Schwierigkeiten gebracht und ihm Kosten verursacht. Und: Alles das weiß natürlich der Beiratsvorsitzende – und kann schon deswegen „moralische“ Bedenken gegen Ihre Wiedereinstellung haben („so wie der seinen potenziellen neuen Arbeitgeber behandelt hat – glatter Wortbruch ist das!“).

3. Auch Ihnen müssen doch zumindest Bedenken gekommen sein: Sie haben unter Ihrem Chef gearbeitet, waren unzufrieden, wollten mehr. Das muss der doch gemerkt haben! Aber er tat nichts für Sie. Erst als Sie ihm mit der Kündigung kamen, rückte er mit dem Angebot heraus. Das war kein guter Stil, das hätte Sie nicht begeistern dürfen. Kurzformel: „Erpresste“ Zugeständnisse sind teuer erkauft (natürlich ist das in Juristenaugen keine Erpressung, aber die Arbeitgeber sehen es oft so).

4. Dass Sie aus technischen Gründen (Sie schildern von mir weggelassene Details) auf eine mündliche Zusage Ihres Chefs vertraut haben, kann man Ihnen nicht zum Vorwurf machen. Der Mann ist Ihr langjähriger Vorgesetzter und Geschäftsführer, dem können Sie nicht sagen, bevor Sie nichts Schriftliches hätten, wäre die Sache für Sie zweifelhaft, sein Wort sei nicht genug.

5. Ihr vorgesetzter Geschäftsführer ist in einer schwierigen Situation: Sein Beiratsvorsitzender hat seine positive Entscheidung korrigiert, hat ihn gezwungen, Ihnen gegenüber sein Wort zurückzunehmen und lässt ihn wie einen dummen Jungen dastehen. Einzige Lösung für ihn, wenn er nicht spontan sein Amt niederlegen will: Sie, den Stein des Anstoßes, loswerden, je eher, desto besser. Das hat weniger mit sachlicher Logik als mit Psychologie zu tun.6. Es gibt mindestens eine „überlebenswichtige“ Information, die Sie nicht haben:

a) Entweder gilt in Ihrem Hause generell der Grundsatz: „Kündigung ist Hochverrat – und Hochverräter gehören erschossen“ oder

b) der Beiratsvorsitzende und ehemalige GF kennt Sie nicht nur, er hat auch Gründe, Sie unter allen Umständen nicht halten zu wollen. Sie sollten aber stets wissen oder zumindest ahnen, was ranghohe Chefs für ein Urteil über Sie haben.

Das (a und/oder b) hätte Ihnen nach so vielen Jahren dort nicht passieren dürfen.

7. Unabhängig von der juristischen Bewertung gilt: Ein qualifizierter Angestellter kann sich nicht gegen den Willen der Unternehmensleitung im Hause halten. Sie müssen also dort weg, es ist nur noch eine Frage der Höhe der Abfindung, der Formulierung des Zeugnisses etc. Sie brauchen also eine neue Stelle bei einem neuen Arbeitgeber.

8. Als laienhafter Vorschlag, den Sie ja mit Ihrem Anwalt diskutieren könnten: Unter der Voraussetzung, dass der GF Ihre Version der Geschichte (Zusage) bestätigt, schließt man einen Vergleich; das Unternehmen (das ja in jedem Fall irgendwie etwas wird „geben“ müssen) stellt Sie für weitere sechs Monate befristet auf Ihrer alten Stelle zu alten Bedingungen ein, sichert Ihnen ein sehr gutes Zeugnis mit „Kündigung auf eigenen Wunsch“ zu, lässt Sie aber jederzeit vorher gehen. Sie suchen in der Zeit mit Hochdruck aus ungekündigter Stellung und kommen – mit etwas Glück – heil aus der Geschichte heraus.

9. Klappt das nicht, müssen Sie sich auch so bewerben. Schreiben und sagen Sie dabei die Wahrheit, sieht es nicht gut für Sie aus – u. a. sind Sie doch der Mann, der frisch geschlossene Verträge bricht! Also müsste(!) dann etwa ein fremder potenzieller neuer Arbeitgeber Ihnen erst einen Vertrag geschickt und den dann auf Beiratsbeschluss wieder zurückgezogen haben (man hat Sie großzügig entschädigt, Sie hegen keinen Groll). Aber Sie hatten beim alten Arbeitgeber schon gekündigt, deshalb Ihre merkwürdige Situation „arbeitslos auf eigenen Wunsch“. Die Geschichte ist glaubwürdig, so etwas kommt vor. Nachteil: Der zentrale Kern ist glatt gelogen, was im Bewerbungsprozess immer ein Risiko darstellt. Ich öffne diesen Weg auch keinesfalls gern, empfinde aber die Strafe „Dauerarbeitslosigkeit“ für Ihre Fehler als zu hart. Denn die alleinige Schuld tragen Sie an der Misere nicht.

Frage-Nr.: 2191
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-01-30

Von Heiko Mell

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