Heiko Mell

Soll ich wechseln oder soll ich nicht?

Frage:

1. Aufgrund einer aktuellen Krisensituation habe ich ein Entscheidungsproblem. Seit fünf Jahren bin ich, jetzt als stellvertretender Gruppenleiter, in einem mittelständischen Unternehmen tätig. Der Firma geht es als Folge einer Branchenkrise immer schlechter, es gab schon seit längerer Zeit betriebsbedingte Entlassungen. Nun wurde Insolvenz angemeldet. Es deutet sich jedoch die Möglichkeit an, dass ein neuer Investor das Geschäft übernimmt.

2. Seit Monaten bin ich auf Stellensuche. Es ergeben sich bislang keine Optionen, eine ähnliche oder gar bessere, d. h. höhere, Position in einem anderen Unternehmen zu übernehmen. Daraufhin weitete ich die Suche auf Projekt- und Prozessingenieur-Stellen (entsprechend meiner Tätigkeit vor der Beförderung) aus.

3. Nun deutet sich als mögliche Alternative eine Stelle als Prozessingenieur an. Diese enthält keine Führungsaufgaben, die ich bislang zumindest vertretungsweise hatte. Für den potenziellen neuen Arbeitgeber war die Ähnlichkeit seiner Prozesse mit denen im heutigen Unternehmen ausschlaggebend.

Jetzt suche ich Anregungen im Abwägungsprozess.

4. Für den Wechsel sprechen:

Das neue Unternehmen ist rund 3-mal so groß wie das alte, bietet also mehr Möglichkeiten. Es erscheint wirtschaftlich gesünder. Beim Fertigungsrundgang wurde offensichtlich, dass neue Projekte anstehen. Das ist beim heutigen Unternehmen nicht so, dort fühle ich mich manchmal überflüssig.

Der bisherige Kontakt verlief sehr konstruktiv und vielversprechend. Das „Bauchgefühl“ ist positiv. Schließlich hat das neue Unternehmen mehr jüngere Mitarbeiter, die „Verkrustung“ scheint nicht so ausgeprägt zu sein; auch ist die formale Qualifikation der zukünftigen Kollegen höher.

5. Gegen einen Wechsel sprechen:

Die Möglichkeiten, sich im Rahmen einer Neustrukturierung beim bisherigen Arbeitgeber zu profilieren. Die Fortführung und ggf. Erweiterung der bisherigen Führungsaufgaben. Die bislang noch etwas geringe Erfahrung in der aktuellen Position (statt der gut drei Jahre in dieser Funktion hatte ich ein Ziel von fünf bis sieben Jahren). Der Einsatz englischer Sprachkenntnisse bei der Arbeit erscheint beim neuen Arbeitgeber eher unwahrscheinlich zu sein. Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch das (firmeninterne) Insiderwissen, das ich in den letzten Jahren sammeln konnte, ferner die zahlreichen Kontakte zu anderen internen Stellen, die täglich die schnelle Klärung vieler Fragen ermöglichen.

6. Die sicherlich auch interessanten Argumente Bezahlung und Wohnortwechsel möchte ich bewusst nicht in diese Diskussion einbringen.

7. Wie kann ich in Zukunft argumentieren, wenn die Frage auftaucht, warum ich eine Führungsposition gegen eine Projekt-Stelle eingetauscht habe?

8. Es ist auch möglich, dass eine Betriebsschließung einer Entscheidung zuvorkommt. Dann ist wahrscheinlich die hierarchisch niedrigere Position in jedem Fall der Arbeitslosigkeit vorzuziehen.

Antwort:

Zu 1: Selbstverständlich sind betriebsbedingte Entlassungen ein sehr ernstes Warnsignal! Auch wenn man nicht betroffen ist, muss man sich spätestens ab diesem Zeitpunkt auf dem Markt umsehen. Die folgende Anmeldung der Insolvenz ist für den Angestellten dann nicht mehr Warnung, sondern Gewissheit: Ich werde in Kürze arbeitslos sein und brauche dringend einen neuen Job.

Die Geschichte mit dem neuen Investor ist typisch für solche Fälle – aber nicht mehr als eine Hoffnung, Wunschdenken, vage Chance. Sicher ist nur, dass Ihr Arbeitgeber wirtschaftlich am Ende ist. Ob ein Investor kommt, ist ebenso unklar wie die viel wichtigere Frage, was der dann wohl macht, wie radikal er entlässt, was übrig bleibt – und was aus Ihnen wird: Schließlich muss ein neuer Eigentümer aus einem maroden „Laden“ ein gewinnbringendes Unternehmen machen. Das geht nur, wenn „kein Stein auf dem anderen bleibt“.

Fazit: Sie dürfen keine Sekunde zögern mit ernsthaften Bemühungen um eine neue Anstellung. Alles andere wäre sträflicher Leichtsinn.

Zu 2: Hier sind zwei Aspekte angesprochen:

a) Es ist menschlich verständlich, aber falsch, in einer solchen Zwangslage überhaupt an eine „bessere“ Position als es die bisherige ist zu denken. Sie verlieren etwas, das Sie ersetzen müssen – alles andere erschwert nur die Lösung des Hauptproblems „Existenzsicherung“. Der Versuch, „bei der Gelegenheit“ einen Schritt nach vorn (oben) zu machen, ist unter diesem Druck eher zum Scheitern verurteilt.

b) Sie haben aus der Sicht einer Karriereplanung ganz schlicht Pech gehabt mit Ihrem bisherigen Status. Als stellvertretender Gruppenleiter haben Sie einen Fuß in der Tür zur Führung, mehr aber noch nicht.

Stellen Sie sich Ihre heutige Situation etwa so vor: Sie nennen(!) sich zwar „stellvertretender Gruppenleiter“, sind(!) aber nach allgemeiner Auffassung ein „Prozessingenieur mit besonderer Anerkennung“. So wie es weiter oben in der Hierarchie Abteilungsleiter mit Prokura und solche ohne gibt – aber zunächst einmal sind beide Abteilungsleiter, der Rest ist eher eine Frage der Anerkennung der Person, weniger eine errungene hierarchische Ebene, an der es festzuhalten gilt.

Ein Stellvertreter wird ja nur bei Abwesenheit des „…leiters“ tätig und führt nur dann. Das mag in etwa 11 bis 15 % der Arbeitszeit der Fall sein, mehr ist es nicht. Und selbst der „richtige“ Gruppenleiter führt nur fachlich, nicht disziplinarisch. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen diese Ebene überhaupt abgeschafft haben.

Fazit: Sie hatten Pech und sind in der undankbaren Vorstufe Ihrer ersten Beförderung von der Pleite erwischt worden. Eine reale Chance, auf dem Markt diese seltene Spezialfunktion beim Wechsel sofort wieder zu erringen, haben Sie nicht. Sie sind mehr Prozessingenieur als alles andere, sollten als solcher den Wechsel angehen und dürfen im neuen Unternehmen wieder hoffen. Auch in Bewerbungen sollten Sie den heutigen Stellvertreter-Status „tief hängen“, er erschwert alles nur: „… bin ich heute als Prozessingenieur tätig (und wurde zusätzlich zum Stellvertreter meines Gruppenleiters bei Abwesenheit ernannt).“

Zu 3: Die angebotene Position passt also ganz gut zu Ihrem Lebenslauf (der Rest, ich sagte es schon, ist Pech). Der Wert eines Bewerbers für einen potenziellen neuen Arbeitgeber ist stets abhängig von der Antwort auf die Frage: „Wieviel versteht er genau von dem, was er hier tun müsste?“ So sucht ein Kfz-Zulieferer aus der Metallverarbeitung möglichst Praxis aus dem gleichen Metier, ein Lebensmittelproduzent bevorzugt Praxis in der Lebensmittelindustrie etc. Je ähnlicher, desto besser.

Zu 4: Das klingt alles gut und ist, soweit ich das nach den übermittelten Informationen beurteilen kann, völlig richtig gesehen.

Zu 5: Der bisherige Arbeitgeber ist tot! Sie hoffen auf eine Wiederbelebung! Gehen Sie einfach einmal davon aus, dass ein – bisher nur als „möglich“ bezeichneter – Käufer so viel einspart, dass der Rest nicht wiederzuerkennen ist. Dies ist die Stunde – wenn überhaupt – von jungen Mitarbeitern, die noch „nichts sind“ und für die es nur besser werden kann. Jeder vernünftige Sanierer schafft auf jeden Fall die Ebene der stellvertretenden Gruppenleiter ab, vermutlich die der Gruppenleiter gleich mit.

Die Sache mit dem Englisch ist ein Argument. Aber Sie können Ihre Fähigkeiten durch ständige begleitende Kurse „auf dem Stand“ halten, außerdem ergibt sich in dem größeren Unternehmen vielleicht die Chance, durch einen internen Wechsel wieder mehr mit der Sprache in Kontakt zu kommen.

Beim heutigen Arbeitgeber sind Sie lange genug tätig. Gemäß meiner Antwort zu 2b ist in dieser Situation(!) keine Rücksicht auf die Dienstzeit als stv. GL angebracht.

Zum Insiderwissen o. ä.: Sie wohnen im Erdgeschoss eines Mietshauses, dessen Obergeschoss in hellen Flammen steht. Und Sie überlegen, ob Sie Ihre Wohnung räumen sollen – mit dem Argument, Sie hätten so nette Kontakte im Haus. Das wäre nur ein Argument gewesen, hätte es kein Feuer gegeben!

Zu 6: Das war sehr vernünftig.

Zu 7: Mit dem „Tiefhängen“ Ihres speziellen Stellvertreterstatus in der gesamten Bewerbung (auch im Lebenslauf) gemäß meiner Antwort zu 2. Je weniger Sie Ihre – dann damalige – Führungsaufgabe betonen, desto weniger fällt der folgende „Abstieg“ auf.

Zu 8: Aber unter allen Umständen! „Alles ist besser als nichts“ – und Arbeitslosigkeit ist nichts.

Schlussbemerkung: Selbstverständlich können Sie die Chance jedes Bewerbers nutzen und versuchsweise mehrere Strategien parallel zueinander fahren. Sie könnten sich also, da es den stellvertretenden Gruppenleiter in Inseraten kaum geben wird, sowohl um den Job eines neuen Prozessingenieurs als auch parallel dazu um den eines „richtigen“ Gruppenleiters bewerben (allerdings bei verschiedenen Empfängern). Aber Sie brauchen, schon um sich nicht zu verzetteln, eine „Hauptstoßrichtung“ Ihrer Bemühungen. Und die sollte auf der Linie des Prozessingenieurs liegen. Falls dann der Investor tatsächlich kommt (rechtzeitig, wohlgemerkt) und eine Sie beruhigende Garantie abgibt, entsteht eine neue Situation. Aber nur dann.

Kurzantwort:

1. Wer einen Arbeitsplatz verliert, ist gehalten, sich einen adäquaten(!) neuen zu suchen. Der Versuch, „bei der Gelegenheit“ einen Aufstieg zu vollziehen, ist erlaubt, führt aber nur zu leicht zu einer Verzettelung der eigenen Aktivitäten.

2. Wer in der Funktion des „stellv. …leiters“ von betrieblicher Kündigung betroffen ist, sollte die Hauptzielrichtung seiner Bewerbung auf die Wiedererlangung seiner Hauptfunktion ohne den zusätzlichen Stellvertreter der nächsthöheren Ebene richten.

Frage-Nr.: 1852
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-06-03

Von Heiko Mell

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