Heiko Mell

Warum Anfänger wechseln

Frage:

Sie warnen immer wieder vor zu schnellen Wechseln insbesondere des ersten Arbeitgebers.

Dies ist in der Tat oft die Flucht ins Ungewisse nach dem Motto „Nix wie weg hier“. Ich habe in Übereinstimmung damit die Erfahrung gemacht, dass mit scheinbar gesetzmäßiger Regelmäßigkeit gerade Anfänger in den ersten zwei Jahren den folgenden Prozess durchlaufen: Nach der Euphorie, den Einstieg ins Berufsleben überhaupt geschafft zu haben, wird die erste Hürde (die in Wirklichkeit gar keine ist) genommen, die sich da Probezeit nennt. Damit ist das erste halb Jahr mit Orientierung in der neuen Firma und dem ungewohnten „Business“ schon vorbei. In dieser Zeit merkt man schnell, was man kann und was man von dem Gelernten gebrauchen kann.

Das nächste (zweite) halbe Jahr frisst der Anfänger sich in seine Arbeit hinein – will endlich etwas leisten und saugt die Aufgaben einem Schwamm gleich bereitwillig auf. Es sind Aufgaben dabei, die er auf Anhieb nicht bewältigen kann – aber erstens wird man als Neuer selten damit allein gelassen und zweitens wächst man auch mit seiner Aufgabe. Das ist alles noch nichts Bemerkenswertes.

Nach insgesamt einem Jahr jedoch beginnt sich die Schlinge zuzuziehen. Die ersten Frusterlebnisse haben sich eingestellt, da so manche innovative Vorstellung des Neuen nicht in die gegebenen Randbedingungen oder die Vorstellungen des Chefs passt. Es ist etwas liegengeblieben oder sogar richtig schiefgegangen. Möglicherweise hat man sich zu viel aufgehalst oder gar den Überblick verloren. Spannungen mit Mitarbeitern oder Vorgesetzten stellen sich ein, man kann eben nicht mit jedem.

Dann kommt der Zeitpunkt, der ziemlich genau bei eineinhalb Jahren nach dem Eintreten liegt, an dem die Frage zu nagen beginnt, ob dieser „Laden“ denn der richtige sei. Die Schwierigkeiten werden offensichtlich, Inkompetenzen der Vorgesetzten, flaue Auftragslage, Kundenverhältnis, finanzielle Probleme oder das Umgangsklima machen einen Verbleib in der Firma schier unmöglich.In dieser Zeit – etwa eineinhalb bis zwei Jahre nach Eintritt – wechseln auffällig viele Arbeitnehmer. Aber sie werden ihr Glück nicht in der Flucht finden.

Denn jetzt heißt es arbeiten, mithelfen an der Lösung von Problemen. Es gilt, seinen Chef zu stützen, erhaltene Aufträge zum Erfolg zu führen, Kunden vorbildlich zu betreuen und vor allem das eigene Standvermögen in dieser persönlichen Krisenzeit zu stählen. Wer diesen Kampf gegen sich verliert, geht geschwächt in den nächsten Job.

Natürlich passt man nicht in jeden „Laden“, aber man muss erst einmal den passenden finden. In dieser Lage heißt es „Ruhe bewahren“.

Wenn der Wechsel unumgänglich ist, muss mit Sorgfalt ein Arbeitgeber gefunden werden, der besser zu eigenen Person passt. Also lieber noch ein ganzes Jahr schuften und dann einen „Aufstieg“ machen, sonst kommt man nur vom Regen in die Traufe.

So ist der Wechsel nach zweieinhalb Jahren relativ unkritisch. Dies vor allem deshalb, weil man die „kritische Marke von eineinhalb Jahren“ überschritten hat.

Und noch eine Warnung: Bei der derzeitigen Situation im Ingenieurwesen ist das Wechseln leicht (zu leicht), außerdem schildern sich die Arbeitgeber in den schillerndsten Farben. Also prüfe, wer sich „ewig“ bindet.

Dies nur als Ergänzung zu Ihrer treffenden Aussage.

Antwort:

Das kann ich alles absolut unterschreiben. Es sind vor allem drei Regeln, die man insbesondere dem Berufseinsteiger mit auf den Weg geben kann:

1. Irgendwo um die 1,5 Beschäftigungsjahre beim ersten Arbeitgeber herum kommt häufig eine erste als Krise empfundene Belastungssituation. Das ist normal – und sollte nicht zwangsläufig zum Wechsel des Arbeitgebers führen. Es ist einfach der berühmt-berüchtigte „Praxisschock“, der einen frischgebackenen Angestellten nach Abschluss seines Studiums mehr oder minder zwangsläufig trifft. Es gilt das Grundprinzip: Da muss man durch!

2. Sehr kleine Firmen können schon einmal sehr verschieden voreinander sein, da sie jeweils von der Person eines einzelnen Menschen geprägt werden. Je größer die Firmen werden, desto mehr ähneln sie sich untereinander in allen Bereichen. In Großunternehmen schließlich trifft man sehr ähnliche Leute als Chef, als Kollege und als Mitarbeiter. Daraus folgt: Glaubt man, mit dem ersten Arbeitgeber nicht zurechtgekommen zu sein und sieht man trotz berechtigter Warnungen sein Heil nur in der „Flucht“, so wechsle man unbedingt den Arbeitgebertyp, um wenigstens eine statistische Chance zu haben, es besser zu treffen als vorher.

Negativbeispiel: Von einem Großkonzern in den anderen zu wechseln, bringt erfahrungsgemäß kaum etwas. Man ist entweder der Typ, der dort hineinpasst und sich dort durchsetzt oder man ist es nicht. Nur bei sehr kleinen, inhabergeführten Unternehmen ist nicht unbedingt mit lauter ähnlichen Begleitumständen zu rechnen. Dennoch sind zwei Inhaber einander viel ähnlicher in ihrem Gesamtverhalten als es beispielsweise ein Inhaber und ein angestellter Konzerngeschäftsführer sind.

3. Der häufig noch idealistisch denkende junge Mensch frisch nach dem Studium sucht in seinem ersten Arbeitgeber auch eine Art Ideal. Da alle Firmen von Menschen geprägt werden, letztere aber niemals irgendeinem Ideal entsprechen, ist die Suche nach dem idealen Arbeitgeber schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Ohne Kompromissbereitschaft und Stehvermögen geht es nicht (auch der Mitarbeiter wird früher oder später zugeben müssen, dass er für seinen Arbeitgeber eher eine „ganz nette Lösung“ als etwa ein Arbeitnehmer-Ideal ist).

Frage-Nr.: 1607
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-08-31

Von Heiko Mell

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