Heiko Mell

Fristgerecht und doch zu spät?

Frage:

Ich habe mich innerhalb Deutschlands weiträumig verändert. Der Wechsel erfolgte aus persönlichen Gründen – mein Mann hatte eine neue Stelle am neuen Ort angenommen.In diesem Zusammenhang bekam ich folgende Probleme:1. Obwohl ich mein „altes“ Arbeitsverhältnis (mündlich und schriftlich) etwa drei Monate vor dem Wechsel kündigte (die vertraglich vereinbarte First betrug nur vier Wochen zum Monatsende), wurde mir vorgeworfen, ich hätte viel früher kündigen müssen. Mein Mann war zu diesem Zeitpunkt schon etwa ein halbes Jahr am neuen Ort, bevor ich endlich eine neue Stelle gefunden hatte.2. Da gleichzeitig einer meiner Kollegen aus einem völlig anderen Tätigkeitsbereich ebenfalls gekündigt hatte, wurde ich mit schweren Anschuldigungen konfrontiert, ein Komplott gegen die Firma durchzuführen.3. Das beigefügte Zeugnis wurde mir erst ausgestellt, nachdem ich per Einschreiben mit Klageerhebung gedroht hatte. Frühere Bitten um Ausstellung wurden ignoriert. Jetzt differiert das Ausstelldatum etwa drei Monate gegenüber dem Ausscheidedatum. Sind daraus die Streitigkeiten ersichtlich?Als Information: Es handelt sich um ein kleines, inhabergeführtes Unternehmen. Ich bin in den fünf Jahren meiner Beschäftigung immer gut beurteilt worden, bekam (ungefragt) überdurchschnittliche Gehaltserhöhungen, noch nach der Kündigung wurde mir gesagt, ich hätte immer gut gearbeitet.

Antwort:

Jeder Unternehmenstyp hat seine Besonderheiten, die man kennen sollte. So lernt man im Konzern die Eigentümer, deren Geld man kostet(!), nie kennen, in Privatunternehmen geht man täglich mit ihnen um. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied. Auch dieses Unternehmen hat durchaus typgemäß reagiert. Ich will das an den einzelnen „Vorkommnissen“ erläutern:Zu 1: Konzerne sind anonyme Gebilde, die dort auftretenden Manager sind Menschen wie ihre Mitarbeiter auch, nur derzeit (noch) ranghöher tätig. Aber früher waren sie, was ihre „Leute“ heute sind – und letztere werden morgen auf ihrem Stuhl sitzen. Niemand gibt dort sein eigenes Geld aus, alle Beteiligten sind nur Angestellte, die kommen und gehen. Das führt zu einem eher kühlen, stärker sachorientierten Verhältnis aller zueinander. Verträge, Gesetze und Tarife regeln alles; solange sich jeder innerhalb dieser Grenzen bewegt, geht alles seine Bahn.Dem Inhaber eines privat geführten Unternehmens jedoch gehört nicht nur der „Laden“ – er „ist das Unternehmen“. Das ist übrigens der Schlüssel zum Verstehen eines Inhabers. Die Firma ist sein Leben. Hier geht er nie wieder weg, das Wort „Kündigung“ im Zusammenhang mit seiner Lebensplanung kennt er gar nicht. Ob Personalabbau oder Expansion, ob Eheschließung oder neue Freundin – er bleibt und tut alles, um die Gesellschaft hochzubringen oder zu retten. Ein Leben außerhalb dieser Firma ist für ihn kaum noch denkbar.Im Tagesgeschäft nun arbeitet er mit bezahlten Mitarbeitern, denen dort nichts gehört, die völlig anders denken, die „ihr“ Leben auch außerhalb dieser Firma leben und planen, die oft nur kommen, weil sie an diesem Ort einen Job suchen und die wieder gehen, weil sie aus privaten Gründen woanders leben wollen. Oder denen der Job dort nicht auf Dauer reicht, sondern die – dann eben woanders – „mehr“ werden wollen. Diese „feinen Unterschiede“ zwischen sich und dem „Personal“ vergisst der Inhaber oft. Und dann ist er „tödlich beleidigt“, wenn einer seiner „Leute“ der Firma etwas antut, was er nie täte!In diesem Punkt 1 sind Sie, geehrte Einsenderin, juristisch „im Recht“, Ihr Chef und Firmengründer ist es zumindest halbwegs moralisch, jedenfalls sieht er es so.Schauen Sie, als Ingenieurin in diesem kleinen Betrieb spielten Sie – spielt fast jeder – eine wichtige Rolle. Jeder Weggang eines solchen Mitarbeiters gefährdet den ordnungsgemäßen Ablauf, gefährdet Kundenzufriedenheit und damit Auftragspotenzial. Und letzteres ist das Lebenselixier eines Unternehmens!Sie nun haben etwa neun Monate lang vorher gewusst, dass Sie gehen würden (seit Ihr Mann sich bewarb). Und haben diese Information vor Ihrem Chef geheimgehalten und so getan als wäre nichts. Sie haben ihn von der Zukunft reden lassen, von Plänen, die er hatte – und die ganze Zeit über haben Sie gewusst, dass Sie in Kürze weg sein würden. Als er das erfuhr, war er tief getroffen, menschlich enttäuscht, letztlich „beleidigt“. Und das hat er Ihnen gegenüber zum Ausdruck gebracht.Verstehen kann man das – im Unrecht ist er dennoch. Aber in kleinen Firmen dieser Art ist das nun einmal oft so. Was Sie hätten tun sollen? Entweder hätten Sie ihm ganz am Anfang des Prozesses ein Signal geben können „mein Mann geht hier weg, ich werde irgendwann mitgehen“ – mit dem Risiko, dass Ihr Chef schnell einen Nachfolger für Sie gefunden und dann Sie hinausgedrängt hätte, ohne dass Sie etwas Neues gehabt hätten.Oder Sie hätten ihm zumindest nicht erzählen sollen, dass Ihr Mann schon vor Monaten beschlossen hatte, woanders hinzugehen und dass seitdem auch Ihr Ausscheiden feststand (nur der Termin noch nicht).Die Gehaltserhöhungen deuten darauf hin: Vielleicht hat Ihr Chef Sie sehr geschätzt und Sie – ganz sachlich – in sein (Firmen-)Herz geschlossen. Und aus dieser Art von „Liebe“ wird leicht blitzschnell Hass, wenn der Partner sich verraten fühlt. Es ist genau so wie in privaten Beziehungen …Wissen Sie, was der Chef vermutlich nie wieder macht? Eine Frau für eine so wichtige Position einstellen – bei der ja stets die Gefahr besteht, „dass sie hinter ihrem Mann herzieht, obwohl man alles getan hat, um sie zu fördern“. Die Menschen reagieren so auf Erfahrungen, die sie machen. Und die nächste Bewerberin wundert sich dann …Zu 2: Eine üble Geschichte, die ebenfalls nur aus Enttäuschung entsteht: Wenn jetzt plötzlich auch noch ein zweiter Mitarbeiter geht, was etwa solche Auswirkungen hat, als gingen bei Siemens 10.000 gleichzeitig, dann kommt schnell die Frage auf: Haben die das verabredet, wollen die mein Herzblut trinken?Das ist natürlich Unsinn, der Verdacht ist aus Wut geboren. Hier bleibt nur die klare, fest vorgebrachte Äußerung, das sei nicht so, man weise diese Unterstellung entschieden zurück, sehr entschieden.Inhaber neigen dazu, alles persönlich zu nehmen. Dass Mitarbeiter oft und gern auch an ein Leben außerhalb dieser einen kleinen Firma denken und dass zwei gleichzeitige Kündigungen Zufall sind, liegt außerhalb der Vorstellungskraft mancher dieser Chefs.Hier bleibt anderen Lesern im Ernstfall nur, zumindest nicht leichtfertig und unbedacht den Verdacht einer abgestimmten Aktion hervorzurufen. Also nicht, wenn man voneinander weiß, bewusst am selben Tag zu kündigen und nicht, wenn man von der Kündigung des anderen erfahren hat, ständig mit dem gemeinsam auf dem Hof zu stehen oder sonst die Köpfe zusammenzustecken. In vielen dieser Firmen ist Kündigung Hochverrat. Der Kündiger ist also ein Verräter – zwei Verräter zusammen aber sind schon eine „verräterische Vereinigung“.Und falls das ein Inhaber-Chef liest: Bitte entwickeln Sie im Extremfall keinen Verfolgungswahn, solange sich Mitarbeiter im Rahmen ihrer Verträge und der Gesetze bewegen. Vor allem: Erheben Sie ohne Beweis keine Anschuldigungen, das trifft korrekt handelnde Mitarbeiter tief!Damit jeder weiß, worum es hier geht: Hungersnöte oder Konkurse sind für ein solches Unternehmen schlimm, aber erträglich. Wirklich gravierend jedoch sind Mitarbeiter, die kündigen und sich als Gruppe gemeinsam selbständig machen – unter Mitnahme von Know-how und der Kunden. Das ist die Pest schlechthin, das bedeutet Krieg! Und wenn etwas im Ansatz auch nur so aussieht, dann werden die „Geschütze“ schon einmal geladen und gerichtet.Zu 3: Also, das Zeugnis ist recht gut – und man sieht, dass es der Inhaber einer kleinen Firma geschrieben hat (er sagt „bei mir beschäftigt“). Also gewährt der professionelle Leser „Rabatt“. Aber das Ausscheidedatum lag halt (bedeutet so viel wie eben, doch; ist nun einmal ein nettes, sympathisches Füllwort) schon sehr lange vor dem Ausstelldatum. Daraus kann ein späterer Leser durchaus auf zwischenzeitlich ausgetragene Rechtsstreitigkeiten schließen!Es ist leider noch immer zu beobachten, dass Chefs aus Wut, Verärgerung oder Desinteresse nicht am letzten Arbeitstag ein Zeugnis fertiggestellt haben und überreichen. Darauf jedoch hat der Arbeitnehmer unbedingt einen Anspruch. Doch den nun durchzusetzen gegenüber einem Menschen, der dann unter Drohung und Druck nett und wohlwollend über den vermeintlichen Verursacher dieser Misshelligkeiten schreiben soll – das ist auch nicht einfach.Als Tipp: In großen Firmen läuft das „automatisch“, in kleineren sollte man schon kurz nach der Kündigung daran erinnern. Etwas später kann man nachhaken: „Ich habe Ihnen hier schon einmal einen Entwurf für den sachlichen Teil des Zeugnisses angefertigt. Sie werden ja sicher nicht mehr im Kopf haben, was ich wann gemacht habe und an welchen Projekten ich mitwirken durfte. Sie brauchen dann nur noch die Beurteilung darunter zu schreiben.“Denn es gibt nicht nur „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (Peter Handke, 1970), sondern auch „die Angst des zum Zeugnisschreiben verdammten Vorgesetzten vor dem weißen Blatt Papier“ (Heiko Mell, 2001).

Kurzantwort:

Der aktive Inhaber leitet nicht bloß eine Firma, er ist das Unternehmen. Wer dem – vermeintlich – schadet, trifft ihn mitten ins Herz. Und so reagiert er dann.
Frage-Nr.: 1599
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-07-27

Von Heiko Mell

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