Heiko Mell

9 Monate Frist sind zu lang

Frage:

Mein Vertrag (Projektingenieur, befristet, 2. Arbeitgeber, monatlich knapp 7.000,- DM) soll in der nächsten Zeit in einen unbefristeten umgewandelt werden. Mir wurde mitgeteilt, dass die Kündigungsfrist in dem neuen Vertrag 6 Monate zum Quartalsende beträgt.Auf meine Frage, ob eine Verkürzung möglich ist, wurde mir mitgeteilt, dass dies die Standardfrist für diese Einkommensgruppe sei. Ein Abrücken vom Standard sei nicht möglich. Länger gediente Kollegen haben jedoch eine Kündigungsfrist von einem Monat, was mir sehr entsprechen würde.Da ich mir die Option, nach ca. fünf Jahren Firmenzugehörigkeit zu wechseln, offen halten möchte, sehe ich die Kündigungsfrist als sehr problematisch an. Mir wurde zwar mündlich versichert, dass bei einer Kündigung durch mich die noch „abzusitzende“ Zeit je nach Auftragslage verkürzt werden könne. Aber das hilft mir nicht wirklich, die Frist beträgt ja im ungünstigsten Falle neun Monate.1. Welche Chancen habe ich mit dieser Frist auf dem Arbeitsmarkt? Ist diese Frist nicht ein Karrierekiller?2. Was bewegt meinen Arbeitgeber, mich so fest an ihn zu binden? Ist das die Antwort auf den sich in Zukunft (eventuell) abzeichnenden Ingenieurmangel?3. Wie flexibel ist die Personalabteilung in der Gestaltung von Kündigungsfristen?4. Würden Sie mir empfehlen, nach einer neuen Stelle Ausschau zu halten, um dann bei einem „Pokern“ um den Vertrag beim derzeitigen Arbeitgeber eine handfeste Alternative zu haben? Aber ich müsste dann zu schnell wieder wechseln. Außerdem fühle ich mich hier sehr wohl.

Antwort:

Die Fairness gebietet, auch auf die positiven Aspekte einer langen Kündigungsfrist hinzuweisen. Auch der Arbeitgeber kann Ihnen gegenüber die Kündigung nur unter Einhaltung der Frist von sechs bis neun Monaten aussprechen – oder anders gesagt, ist Ihr Einkommen für diesen Zeitraum absolut sicher.Das ist hochinteressant – in Konjunkturkrisen oder wenn man 53 ist, aber nicht im umgekehrten Fall.Zu 2: Was Ihren Arbeitgeber im Detail bewegt, kann ich nicht wissen. Aber generell dämpft eine solch lange Frist das Abwandern von Mitarbeitern deutlich. Ja sie erstickt viele Wechselwünsche schon im Keim. Wenn die ersten Kollegen sich im Markt „blutige Nasen“ beim Versuch geholt haben, neue Arbeitgeber zu finden, spricht sich das blitzschnell herum – und so manch anderer versucht es erst gar nicht. Auch schreckt man Headhunter wirksam ab – viele davon geben im Vorfeld auf, wenn sie hören, dass diese ja noch verhältnismäßig „kleinen“ Mitarbeiter vielleicht erst in zehn Monaten oder mehr den Dienst antreten könnten (nach dem Anruf kommt die Überlegungsfrist, dann die Bewerbung, dann die Bearbeitung und Entscheidung beim Unternehmen; das alles dauert … Und dann erst kommt der Vertragsabschluss und dann erst beginnt die Frist von im Durchschnitt 7,5 Monaten zu laufen).Vielleicht denken manche Arbeitgeber auch ganz schlicht nur an ihre Auftragslage: Wenn z. B. im Anlagenbau bis zur Fertigstellung eines Projektes eher mit Jahren als mit Monaten gerechnet werden muss, dann will die zuständige Führungskraft natürlich ein Höchstmaß an Sicherheit haben, dass ihr nicht zwischendurch die am Projekt arbeitenden Leute weglaufen.Der Ingenieurmangel ist übrigens längst da. Er verschärft die Probleme, ist aber nicht die eigentliche Ursache. Übrigens ist das so eine Sache mit dem „Mangel“: Jederzeit kann eine neue Wirtschaftskrise wie 1993 kommen – und dann wird die Industrie wieder Einser-Absolventen der Ingenieurdisziplinen im Regen stehen lassen und nicht einstellen, die Betroffenen werden Taxi fahren, die neue Generation wird dieses „aussichtslose Studium“ meiden, zwei Jahre später wird die Wirtschaft wieder vom Ingenieurmangel sprechen, der Bundeskanzler wird diesmal Yellow-Cards (zur Abwechslung) versprechen usw. usw. Es ist halt alles schon mal da gewesen und wird sich immer wiederholen.Zu 1: Tatsächlich wären Ihre Chancen deutlich reduziert (was ja, siehe oben, teilweise Sinn der Sache ist). Bewerberauswahl ist ein relativer Prozess, stets wird einer mit den anderen verglichen. Und nur zu oft findet sich jemand, der schneller zur Verfügung stehen kann.Ich habe schon verzweifelte Bewerber getroffen, die hatten nach mehreren „geplatzten“ Versuchen letztlich selbst gekündigt, ohne ein neues Angebot zu haben. Alles nur, um Bewerbungsempfängern dann einen kürzeren Eintrittstermin nennen zu können. Aber wie das Leben so spielt: Plötzlich erschienen keine passenden Anzeigen mehr, der Schlusstermin kam immer näher, die Arbeitslosigkeit drohte, Panik kam auf. Das ist also auch keine Lösung!Zu 3: Das kommt darauf an. Eigentlich ist die Personalabteilung nahezu absolut frei, soweit man gesetzliche oder (ggf.) tarifliche Grenzen nicht über- bzw. unterschreitet. Aber sie kann natürlich bindende Anweisungen der Geschäftsleitung haben, diese aus mehreren denkbaren Gründen für das Unternehmen interessanten Fristen durchzusetzen. Entweder „um jeden Preis“ oder es gibt „unter der Hand“ und im begründeten Einzelfall Kompromissmöglichkeiten.Letzteres ist eine schwierige Angelegenheit (und daher unwahrscheinlich): Eine halbwegs anständige Personalpolitik muss systematisch aufgebaut sein und bestimmten Prinzipien entsprechen. Außerdem muss man vergleichbare Mitarbeiter auch gleich behandeln. Ausnahmen für einzelne Angestellte verstoßen gegen diese Grundsätze.Jetzt könnten Sie bei eben diesem Gleichheitsgrundsatz argumentatorisch ansetzen: Bezugspunkt sind die „länger gedienten Kollegen“ mit der kürzeren Frist, von denen Sie sprechen.Nur: Gegen die hat die Personalabteilung kein Druckmittel. Die haben ihren Vertrag, machen einfach ihren Job weiter und lassen die neuen, schlechteren Vertragsangebote links liegen. Dabei geschieht denen ja auch nichts. Sie hingegen könnte man einfach „aushungern“, durch reines Abwarten oder Verzögern. Schließlich haben Sie nur einen befristeten Vertrag und werden, wenn nichts passiert, in Kürze arbeitslos.Zu 4: Suchen sollten Sie schon. Schließlich kann es Ihnen geschehen, dass Sie sich in den Verhandlungen nicht durchsetzen und arbeitslos werden. Dann erst zu suchen, wäre leichtsinnig. Sie müssen abwägen: Ärger jetzt und schon wieder wechseln oder garantierten Ärger, wenn Sie in etwa fünf Jahren wieder wechseln wollen aber kaum können.Da ich boshafterweise stets die Frage nach den Ursachen einer Misere stelle: Es war äußerst leichtsinnig, beim zweiten Arbeitgeber mit befristetem Vertrag einzusteigen. Berufsanfänger müssen das mitunter akzeptieren, aber danach sind solche Angebote nur noch für Bewerber interessant, die „in Schwierigkeiten“ sind (z. B. arbeitslos). Die Probezeit ist Risiko genug.

Kurzantwort:

Eine zu lange Kündigungsfrist führt oft dazu, dass dem Arbeitnehmer die wichtigste „Waffe“ im Existenzkampf aus der Hand geschlagen wird: Er kann sich nicht problemlos nach eigenem Ermessen eine neue Anstellung besorgen und die alte kündigen.
Frage-Nr.: 1596
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-07-13

Von Heiko Mell

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